Esstisch Tulip

Eero Saarinen hatte eine Abneigung gegen Unordnung. Der Anblick eines gewöhnlichen Interieurs mit Tischen, Stühlen und entsprechend vielen Tisch- und Stuhlbeinen machte auf ihn einen „hässlichen, verwirrenden und unruhigen“ Eindruck. Dieses Durcheinander wollte er aufräumen – und entwarf einen Tisch mit nur einem Bein, der zu den Ikonen des modernen Möbeldesigns zählt. Den Esstisch mit dem breiten, runden Standfuß aus gepresstem Aluguss gibt es mit einer Marmor– oder Laminatplatte in oval und rund. Er ist Teil einer Essgruppe mit tulpenförmigen Stühlen, die zwischen 1955 und 1957 entstand und bis heute von Knoll International produziert und vertrieben wird.

Saarinen war zeitlebens mit der Firmengründerin Florence Knoll eng befreundet, woraus sich eine fruchtbare Kooperation entwickelte. Doch unter allen Möbeln, die Saarinen für Knoll International entwarf, ist seine „Tulpen“-Gruppe die berühmteste. Außer dem Esstisch gehören Stühle mit und ohne Armlehne, ein Hocker und ein Beistelltisch dazu. Alle Möbel der „Tulpen“- Gruppe haben nur ein Bein.

Der Architekt und Designer Saarinen war als Dreizehnjähriger mit seiner Familie aus Finnland in die USA eingewandert. Sein Talent wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt: Sein Vater Eliel war ebenfalls ein bekannter Architekt, seine Mutter Loja eine begabte Künstlerin.

Der talentierte Finne studierte erst Bildhauerei in Paris, dann Architektur in Yale. Ab 1950 führte Saarinen ein eigenes Architekturbüro und realisierte Entwürfe, die stilprägend für die amerikanische Architektur des 20. Jahrhunderts wurden. Orientierte er sich zunächt auch an der strengen Formensprache des Architekten Mies van der Rohes, entwickelte Saarinen später eine eigene expressive Formensprache, die sich durch dynamische, organische Linien auszeichnete – und eben doch einen aufgeräumten Eindruck vermittelte.

Wassily Chair

Vielleicht die einflussreichste Innovation im Möbeldesign des 20. Jahrhunderts ist die Verwendung von Stahlrohr. 1925 begann Marcel Breuer mit diesem Material zu experimentieren und entwickelte seinen Sessel „Wassily“, der das Möbeldesign seiner Zeit revolutionierte. Der 1902 in Ungarn geborene Designer und Architekt studierte in den 20er Jahren am Bauhaus Dessau und wurde dort 1925 Leiter der Tischlerei. Berühmter Namensgeber für seinen Sessel ist kein geringerer als Wassily Kandinsky, sein Kollege am Bauhaus. Dieser zeigte sich dermaßen begeistert, dass Breuer noch vor Beginn der Serienfertigung seines Sessels ein Exemplar für die Privatwohnung des Malers herstellte. Seit den 50er Jahren serienmäßig produziert, kommt der Sessel heute aus dem Hause Knoll International und ist nicht nur ein Bestseller, sondern auch eines der meist kopierten Möbel überhaupt.

Es heißt, der leidenschaftliche Radfahrer Breuer wurde durch den Lenker seines „Adler“-Fahrrads inspiriert: Der Lenker war leicht und trotzdem extrem stabil. Und wenn Stahlrohr in Form eines Fahrradlenkers gebogen werden konnte, musste es doch auch möglich sein, es zu Möbelstücken zu formen. Den Beweis dafür erbrachte Breuer 1926 mit seinem Sessel selbst – ein Durchbruch, mit dem er den Weg für eine völlig neue Art des Möbeldesigns ebnete. Sie fand schon nach kurzer Zeit überall Nachahmer. Das überraschte den Designer, der für seinen Entwurf eigentlich Kritik erwartet hatte. Er selbst hielt den Sessel für seine extremste Arbeit, sowohl was die äußere Erscheinung als auch die Verwendung des Stahlrohrs betrifft. Heute sind Möbel ohne dieses Material längst nicht mehr vorstellbar.

Mit seinen Arbeiten war Breuer nicht nur einer der einflussreichsten Möbeldesigner des frühen 20. Jahrhunderts. Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten im Jahr 1937 widmete er sich vermehrt der Architektur, lehrte als Professor an der Harvard University und baute Privathäuser sowie öffentliche Gebäude. Das Bekannteste ist das Yförmige Unesco- Hauptquartier in Paris.

Sessel Schwan

Sie heißen Schwan, Ei, Ameise oder etwas kryptisch 3107. Und fast jeder hat schon mal darauf gesessen: Die Sitzmöbel von Arne Jacobsen besitzen längst Kultstatus und sind heute in öffentlichen Gebäuden und Privatwohnungen noch ebenso präsent wie in den 1950er Jahren, als Jacobsen sie entwarf.

Als Architekt und Produktdesigner schuf der 1902 geborene Däne Entwürfe, die nicht nur den Geschmack seiner Landsleute maßgeblich beeinflussten, sondern auch international stilprägend waren. Nach einer Maurer-Lehre und einem Studium an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen hatte er in den 1920er Jahren zahlreiche Reisen durch Europa unternommen.

Die architektonischen Werke von Gropius und Mies van der Rohe in Berlin beeindruckten ihn tief und sollten zeitlebens seinen Stil beeinflussen. Den strengen Funktionalismus, den der junge Jacobsen in Berlin kennengelernt hatte, vereinte er in seinen eigenen Entwürfen mit organischen Formen.

Dem Dänen, der als Perfektionist und leidenschaftlicher Botaniker bekannt war, gelang so eine außergewöhnliche Synthese aus der Sachlichkeit der Moderne und an der Natur orientierten Formen. Sein Sessel „Schwan“ ist ein gutes Beispiel dafür: Das Sitzmöbel mit der mit Stoff oder Leder bezogenen Kunststoffschale auf einem drehbaren Sternfuß ist so bequem wie funktional. Die geschwungenen Linien erinnern, von der Seite betrachtet, an einen Schwanenhals. Gemeinsam mit dem ebenfalls nach seiner äußeren Erscheinung benannten Sessel „Ei“ hatte Jacobsen den „Schwan“ 1958 für die Lobby- und Loungebereiche des SAS Royal Hotels in Kopenhagen entworfen. Bei dieser Arbeit kam er auch seinem Ideal von der Architektur als Gesamtkunstwerk sehr nahe, denn er entwarf sowohl das Gebäude als auch die komplette Inneneinrichtung. Und nicht nur seine Möbel wurden weltberühmt: Der Regisseur Stanley Kubrick wählte die für das SAS Hotel Royal entworfene Essbesteckserie „AJ“ für seinen Film „2001: Odyssee im Weltraum“ aus.

Panton Chair

Ein britisches Topmodel, zwei möbelbegeisterte Schweizer, zwei deutsche Chemie-Giganten und ein hartnäckiger Däne – das waren die Zutaten für ein Möbelstück, das heute als Ikone der Pop-Art gilt. Der Däne hieß Verner Panton. Schon als Student der Kunstakademie in Kopenhagen zeichnete er seinen bekannten Stuhl: ein elegantes „S“, freistehend wie eine Skulptur und dennoch praktisch nutzbar. Einen interessierten Hersteller fand er jedoch lange Jahre nicht. Als Material wollte Panton gefärbtes Plastik einsetzen. Der Designer war fasziniert von den Möglichkeiten der neuartigen Kunststoffe, der völligen Freiheit bei Form und Farbe. Zwei Möbelfans aus der Schweiz, Willi und Rolf Fehlbaum, ließen sich schließlich von der Idee des „hinterbeinlosen“ Plastikstuhls anstecken.

Mit einem Kunststoff, den der Chemie-Riese Bayer Mitte der 1960er Jahre entwickelte, ging der Plastikstuhl so 1967 in Produktion. Ein zweiter neuer Kunststoff, diesmal von BASF, ermöglichte kurze Zeit später, dass Pantons Traumstuhl als erstes Sitzmöbel überhaupt durchgehend aus einem Material in einem Guss produziert werden konnte. Für Verner Panton brachte der bunte Kunststoffstuhl endgültig den Durchbruch. Er erhielt Aufträge als Inneneinrichter, unter anderem für die poppig-orange Kantine des Spiegel-Verlags in Hamburg, die heute unter Denkmalschutz steht.

Einer der ersten Panton Chairs ist im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. 1995 sorgte ein Cover der Vogue für Furore, auf dem sich Kate Moss freizügig auf dem Pop-Art-Stuhl räkelt. Auch heute hat der Stuhl nichts von seiner Faszination verloren. Die beiden Chemie-Riesen werben noch immer mit dem Panton Chair für ihre Kunststoffe. Die beiden möbelbegeisterten Schweizer bauten die Firma Vitra auf und haben mit dem Panton Chair einem Klassiker des modernen Möbeldesigns den Weg bereitet – es gibt ihn inzwischen sogar als Mini-Version für Kinder. Und Topmodel Kate Moss? Die hat ihn wahrscheinlich im Wohnzimmer.

Barcelona Sessel

Es ist ein Stuhl für Könige: Der „Barcelona Sessel“ von Ludwig Mies van der Rohe war auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona als Thron für den spanischen König und die Königin vorgesehen, als diese den Pavillon besuchten. Von Barcelona hat dieser Sessel allerdings einen Siegeszug um die ganze Welt angetreten.

Mies van der Rohe, 1886 in Aachen geboren, hatte sich in den 1920er Jahren bereits als führender Architekt und Wegbereiter der Moderne einen Namen gemacht. Die deutsche Regierung beauftragte ihn damit, den deutschen Pavillon für die Expo in Barcelona zu entwerfen. Sein Stil zeichnet sich durch Klarheit und Einfachheit aus. Er selbst bezeichnete seine Entwürfe als „Haut und Knochen“ Architektur – und beschrieb damit treffend die Konstruktionen aus Stahltragwerk und Glasfassaden.
So realisierte er auch den Pavillon in Barcelona, ein futuristisch anmutendes Gebäude, das heute zu den bedeutendsten Werken der modernen Architektur zählt. Insbesondere die Inneneinrichtung des Pavillons stellte den Architekten vor eine Herausforderung:

„Der Sessel ist ein schwieriges Objekt. Wer jemals versucht hat, einen Sessel zu entwerfen, weiß, wovon ich spreche. Es gibt endlose Möglichkeiten und viele Probleme. Es ist fast noch einfacher, einen Wolkenkratzer zu entwerfen als einen Sessel“

Ludwig Mies van der Rohe

… so der Architekt. Mies van der Rohe war zeitweise Direktor des Bauhauses Dessau und vertrat dessen Prinzip, für jedermann erschwingliche, funktionale Produkte zu schaffen.
Dennoch war der „Barcelona Sessel“ nie für die Serienproduktion gedacht. Der hochwertige Edelstahlrahmen ist aus einem Guss gefertigt. Die Lederpolster bestehen aus 40 einzelnen quadratischen Elementen, die in Handarbeit zusammengefügt werden. Trotz seines hohen Preises (ca. 5150 Euro) erfreut sich der Sessel einer treuen Liebhabergemeinde – seit 1953 fertigt die Firma Knoll International als einziger autorisierter Hersteller diesen Klassiker nach dem Originalentwurf des Architekten.

Alu Chair EA 107 / 108

Aus den Büros ist er längst nicht mehr wegzudenken: der Alu Chair EA 107 von Charles und Ray Eames. Das vielseitige Büromöbel gehört zur 1958 entworfenen Aluminium Group mit verschiedenen Drehstühlen. Sie alle basieren auf demselben Prinzip: Der Bezug wird in seitlichen Aluminiumprofilen befestigt. Er ist damit kein Hülle, sondern ein tragender Teil der Struktur. Die Aluminiumkonstruktion bleibt deutlich sichtbar und verleiht dem Stuhl sein charakteristisches Aussehen.

Charles und Ray Eames hatten eine ganz besondere Philosophie: Das amerikanische Designer- und Architektenpaar machte es sich zur Lebensaufgabe, Möbel zu entwickeln, die sich am Menschen und seinen Grundbedürfnissen orientieren. Dafür experimentierten sie in ihrem Atelier in Kalifornien mit verschiedensten Materialien und Verarbeitungstechniken. Sie suchten zeitlebens Lösungen, die ebenso alltagstauglich wie optisch ansprechend sind. Die Aluminium Group ist eines der Resultate: Der frei gespannte Bezug von Sitzfläche und Rückenlehne passt sich optimal der Körperform an und bietet so höchsten Komfort. Sowohl technisch als auch formal war die Aluminium Group Ausgangspunkt für viele weitere Experimente und Entwürfe der Eames. Mit ihren hoch funktionalen Entwürfen in Verbindung mit zeitloser Formensprache prägte das Paar die Designkultur im Nachkriegsamerika wie kein zweites.

Heute gehört der Alu Chair zu den bedeutendsten Möbelentwürfen des letzten Jahrhunderts. Als Beispiel für hervorragendes, praktisches Design hat der Bürostuhl sogar seinen Platz im New Yorker Museum of Modern Art gefunden. Ursprünglich für Außenräume entwickelt, ist die gesamte Kollektion mit ihren Bezügen aus Leder, Netzgewebe oder Hopsak besonders langlebig.

Bogenleuchte Arco

Wie sieht eine Lampe aus, die das direkte Licht einer Deckenleuchte gibt, ohne dass dafür ein Loch in die Decke gebohrt werden muss? Die Brüder Castiglioni fanden eine ebenso einfache wie geniale Lösung für dieses Problem: Für ihre Leuchte „Arco“ ließen sie sich von einer Straßenlaterne inspirieren. Ein 65 Kilo schwerer Fuß aus Carrara-Marmor fixiert die Leuchte am Boden. Der bogenförmige Arm gibt der Leuchte ihren Namen: Das italienische „Arco“ bedeutet Bogen. „Arco“ ist Decken- und Stehleuchte in einem, gibt optimales Licht über dem Esstisch oder der Sofaecke. 1962 entworfen, avancierte sie in den 70er Jahren weltweit zum Kultobjekt. Seit nunmehr fast 50 Jahren produziert die italienische Firma FLOS die zeitlose Leuchte, die längst zu den Klassikern des italienischen Designs gehört.

Inspiration in den Objekten des Alltags zu suchen, war typisch für die Brüder Castiglioni: Sie wurden dafür bekannt, dass sie Gegenstände des täglichen Gebrauchs zweckentfremdeten und in humorvoller Weise für ihre Arbeiten funktionalisierten. So benutzten sie für ihren Hocker „Mezzadro“ (1957) einen Traktorsitz. Und wer auf der Stehhilfe „Sella“ (1957) Platz nimmt, findet sich auf einem Fahrradsattel wieder. Beide Entwürfe gehören – wie auch „Arco“ – zu einer Gruppe von Arbeiten, die von Marcel Duchamps Readymades inspiriert ist.

Am besten hat Achille Castiglioni selbst die Philosophie der Brüder auf den Punkt gebracht – und damit auch treffend ihre wohl berühmteste Leuchte „Arco“ beschrieben: „So einfach und raffiniert – das gefällt mir!“