Wassily Chair

Vielleicht die einflussreichste Innovation im Möbeldesign des 20. Jahrhunderts ist die Verwendung von Stahlrohr. 1925 begann Marcel Breuer mit diesem Material zu experimentieren und entwickelte seinen Sessel „Wassily“, der das Möbeldesign seiner Zeit revolutionierte. Der 1902 in Ungarn geborene Designer und Architekt studierte in den 20er Jahren am Bauhaus Dessau und wurde dort 1925 Leiter der Tischlerei. Berühmter Namensgeber für seinen Sessel ist kein geringerer als Wassily Kandinsky, sein Kollege am Bauhaus. Dieser zeigte sich dermaßen begeistert, dass Breuer noch vor Beginn der Serienfertigung seines Sessels ein Exemplar für die Privatwohnung des Malers herstellte. Seit den 50er Jahren serienmäßig produziert, kommt der Sessel heute aus dem Hause Knoll International und ist nicht nur ein Bestseller, sondern auch eines der meist kopierten Möbel überhaupt.

Es heißt, der leidenschaftliche Radfahrer Breuer wurde durch den Lenker seines „Adler“-Fahrrads inspiriert: Der Lenker war leicht und trotzdem extrem stabil. Und wenn Stahlrohr in Form eines Fahrradlenkers gebogen werden konnte, musste es doch auch möglich sein, es zu Möbelstücken zu formen. Den Beweis dafür erbrachte Breuer 1926 mit seinem Sessel selbst – ein Durchbruch, mit dem er den Weg für eine völlig neue Art des Möbeldesigns ebnete. Sie fand schon nach kurzer Zeit überall Nachahmer. Das überraschte den Designer, der für seinen Entwurf eigentlich Kritik erwartet hatte. Er selbst hielt den Sessel für seine extremste Arbeit, sowohl was die äußere Erscheinung als auch die Verwendung des Stahlrohrs betrifft. Heute sind Möbel ohne dieses Material längst nicht mehr vorstellbar.

Mit seinen Arbeiten war Breuer nicht nur einer der einflussreichsten Möbeldesigner des frühen 20. Jahrhunderts. Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten im Jahr 1937 widmete er sich vermehrt der Architektur, lehrte als Professor an der Harvard University und baute Privathäuser sowie öffentliche Gebäude. Das Bekannteste ist das Yförmige Unesco- Hauptquartier in Paris.

Freischwinger MR 10

Als Vizepräsident des Deutschen Werkbundes (1926-1932) wurde Mies van der Rohe mit der Realisierung des Gesamtprojektes der ‘Weißenhof-Siedlung’ bei Stuttgart betraut, die 1927 als Ausstellung eröffnet wurde. Im Rahmen der Vorbereitungen traf er sich am 22. November 1926 mit Heinz Rasch, Mart Stam und anderen in Stuttgart. Während des Gesprächs erläuterte Mart Stam seinen Entwurf eines hinterbeinlosen Stuhls und skizzierte ihn. Da es Stam auf ein kubisches, geometrisch klares Erscheinungsbild ankam, wählte er Gasrohrabschnitte, die durch Winkel-Fittings mit kleinen Radien miteinander verschraubt wurden.

Mies kam im November 1926 aus Stuttgart zurück und erzählte von Mart Stam und seiner Stuhlidee. Wir hatten ein Zeichenbrett an der Wand, darauf zeichnete Mies den Stam-Stuhl, rechtwinkelig, von oben angefangen. Auch die Muffen fügte er hinzu und sagte: ‘Hässlich, so was Hässliches mit diesen Muffen. Wenn er wenigstens abgerundet hätte – so wäre es schöner’ und skizzierte einen Bogen. Nur ein Bogen aus seiner Hand an der Stam-Skizze machte den neuen Stuhl aus”.

Für das Interieur eines Stam-Hauses in der ‘Weißenhof-Siedlung’ wurden mehrere Stam-Stühle bei der Eisenmöbelfabrik Arnold in Schorndorf bei Stuttgart angefertigt, jedoch ohne Muffen aus heiß gebogenen Eisenrohren. Da diese zu weich waren, gab ein erster Prototyp, auf den sich Stam setzte, unter dem Körpergewicht nach. Verstärkungen aus Rundeiseneinlagen schufen eine ausreichend stabile, jedoch biegesteife Konstruktion. Währenddessen experimentierte Mies van der Rohe mit Mannesmann- Präzisionsstahlrohren, die er kalt formte, wodurch die elastische Eigenschaft des dünnwandigen Stahlrohres erhalten blieb. Die Halbkreis-Bögen der ‘Vorderbeine’ begünstigten diesen Effekt, da sie die Federwirkung des Rohrs optimal unterstützen. Kurze Zeit nach Mart Stam stellte auch Mies van der Rohe seine Stühle, die ersten Stahlrohr-Freischwinger in der ‘Weißenhof-Siedlung’ aus. Die Nachgiebigkeit der Konstruktion gewährleistete einen hohen Sitzkomfort, wie er sonst nur von gepolsterten Stühlen und Sesseln bekannt war, ohne ihre Behäbigkeit übernehmen zu müssen. Die filigrane Leichtigkeit der Stahlrohrmöbel prädestinierte sie für die Interieurs des ‘Neuen Bauens’.

Im Jahr der Erstpräsentation stellte Mies van der Rohe auch in Amerika einen Patentantrag für den Freischwinger. Die Patenterteilung wurde ihm mit dem Hinweis auf das amerikanische Patent Harry E. Nolans aus dem Jahre 1924 (1922 beantragt) zunächst verwehrt, da dieses bereits einen freischwingenden Gartensessel mit Spiralfederung vorsah. Erst nachdem Mies van der Rohe durch den Bau eines Prototypen des nie realisierten Modells nachweisen konnte, dass dieser aus massiven, stählernen Rundstäben gebildete Sessel nicht federn konnte, wurde ihm das Patent erteilt. Ausgelöst durch die ‘Werkbund’-Ausstellung in der ‘Weißenhof-Siedlung’ setzte eine Welle von Abwandlungen, Verbesserungen aber auch Kuriositäten in Stahlrohr ein. Heute wird Mies van der Rohe Freischwinger in jeweils unterschiedlichen Ausführungen von Tecta, Lauenförde, Thonet, Frankenberg und Knoll International angeboten.