Das Bauhaus

von Werner Stehr

Für die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts gilt das »Bauhaus« in Weimar und Dessau mit seinen epochal prägenden Gestaltungslösungen als »die Talentschmiede der Moderne« (Kurt Gustmann) schlechthin.

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Braun Radio-Phono-Kombination SK 4

Das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen war durchaus nicht der Anlass für diese Radio-Phono-Kombination, wohl aber der versuchte Spott der Konkurrenzfirmen über ein völlig neuartiges Gerät. Genutzt hat es ihnen allerdings nichts. Was andere vor 50 Jahren lächerlich machen wollten, fand beim Publikum großen Anklang und wurde zum weltweiten Vorbild aller modernen Radio- und Phonogeräte. Es begründete den Ruf der Firma Braun als Pionier eines zeitgenössischen Design, obwohl hier noch lange kein HiFi Standard erreicht war.

Dieter Rams entwarf diesen Schneewittchensarg zusammen mit Hans Gugelot, Professor an der HfG Ulm. Während der Plattenspieler auf einem Entwurf von Wilhelm Wagenfeld beruht und schon in einem anderen Braun-Gerät Verwendung fand, ist das Chassis und das Layout zu diesem Gerät völlig neuartig: ein U-förmig gebogenes Metallblech, hölzerne, rechteckige Holzwangen, übereinander gereihte Schlitze für den Lautsprecher und die Lüftung sowie eine geometrische Gestaltung der Bedienelemente. Das besondere Merkmal aber wurde eine Abdeckhaube aus durchsichtigem Plexiglas, welche die technischen Elemente Plattenspieler und Bedienelemente jederzeit sichtbar macht. Damit verlässt dieses Phonomöbel das Vorbild einer Truhe oder eines Schranks, in dem eine Radiooberfläche versteckt wird. Tonarm, Lautsprecherregler oder die Sendeskala werden vielmehr zur visuellen Hauptsache.

Braun Tischfeuerzeug Cylindric T 2/TFG 2

Zur Mitte der 60er Jahre gehörte Rauchen noch zum guten Ton und sorgte für gesellschaftliche Kommunikation. Braun entdeckte nun auch diesen Geschäftsbereich für sich. Die Braun-Designabteilung widmete sich der neuen Aufgabe mit der gleichen Intensität und Haltung wie schon bei den anderen Produktgruppen. Und auch hier entstand ein Braun-Image, das von den bisherigen prätentiösen Juwelier-Feuerzeugen abwich und neue Wege zwischen Funktionalität und Wertigkeit suchte. Ein erstes Modell TFG 1 entwarf Reinhold Weiss, das in miniaturisierter Form Gestaltungselemente seines Toasters aufgriff.

Dieter Rams forderte von den Technikern eine neue Technologie und benutzte zwei Jahre später bei seinem ersten eigenen Entwurf ebenfalls eine geometrische Grundform, hier aber einen lang gestreckten Zylinder und arbeitete auch bei allen Details ausschließlich mit Kreis- formen. So entstand eine benutzbare ‚Tischskulptur’, die mit dem in der Kunst bestehenden Minimalismus der Zeit korrespondierte. Das überaus erfolgreiche Modell mit Magnet- und später Piezozündung erschien in verschiedenen Varianten, vom edlen Silberüberzug über die kannelierte Chromvariante bis zu den Kunststoffausführungen in den reinen Farben der amtierenden Pop Art. Auch dieses Design verbindet höchste Eleganz und Klarheit mit absoluter Funktionalität. Es kann mit einer Hand bedient werden und entwickelt dabei auch noch besondere haptische Qualitäten. Das Nachfolgemodell ‚domino’ bearbeitete Dieter Rams als Kubus, den er mit Kreiselementen kombinierte. Beides sind in hohem Maße Gebrauchsgegenstände mit künstlerischer Qualität.

Esstisch Tulip

Eero Saarinen hatte eine Abneigung gegen Unordnung. Der Anblick eines gewöhnlichen Interieurs mit Tischen, Stühlen und entsprechend vielen Tisch- und Stuhlbeinen machte auf ihn einen „hässlichen, verwirrenden und unruhigen“ Eindruck. Dieses Durcheinander wollte er aufräumen – und entwarf einen Tisch mit nur einem Bein, der zu den Ikonen des modernen Möbeldesigns zählt. Den Esstisch mit dem breiten, runden Standfuß aus gepresstem Aluguss gibt es mit einer Marmor– oder Laminatplatte in oval und rund. Er ist Teil einer Essgruppe mit tulpenförmigen Stühlen, die zwischen 1955 und 1957 entstand und bis heute von Knoll International produziert und vertrieben wird.

Saarinen war zeitlebens mit der Firmengründerin Florence Knoll eng befreundet, woraus sich eine fruchtbare Kooperation entwickelte. Doch unter allen Möbeln, die Saarinen für Knoll International entwarf, ist seine „Tulpen“-Gruppe die berühmteste. Außer dem Esstisch gehören Stühle mit und ohne Armlehne, ein Hocker und ein Beistelltisch dazu. Alle Möbel der „Tulpen“- Gruppe haben nur ein Bein.

Der Architekt und Designer Saarinen war als Dreizehnjähriger mit seiner Familie aus Finnland in die USA eingewandert. Sein Talent wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt: Sein Vater Eliel war ebenfalls ein bekannter Architekt, seine Mutter Loja eine begabte Künstlerin.

Der talentierte Finne studierte erst Bildhauerei in Paris, dann Architektur in Yale. Ab 1950 führte Saarinen ein eigenes Architekturbüro und realisierte Entwürfe, die stilprägend für die amerikanische Architektur des 20. Jahrhunderts wurden. Orientierte er sich zunächt auch an der strengen Formensprache des Architekten Mies van der Rohes, entwickelte Saarinen später eine eigene expressive Formensprache, die sich durch dynamische, organische Linien auszeichnete – und eben doch einen aufgeräumten Eindruck vermittelte.

Wassily Chair

Vielleicht die einflussreichste Innovation im Möbeldesign des 20. Jahrhunderts ist die Verwendung von Stahlrohr. 1925 begann Marcel Breuer mit diesem Material zu experimentieren und entwickelte seinen Sessel „Wassily“, der das Möbeldesign seiner Zeit revolutionierte. Der 1902 in Ungarn geborene Designer und Architekt studierte in den 20er Jahren am Bauhaus Dessau und wurde dort 1925 Leiter der Tischlerei. Berühmter Namensgeber für seinen Sessel ist kein geringerer als Wassily Kandinsky, sein Kollege am Bauhaus. Dieser zeigte sich dermaßen begeistert, dass Breuer noch vor Beginn der Serienfertigung seines Sessels ein Exemplar für die Privatwohnung des Malers herstellte. Seit den 50er Jahren serienmäßig produziert, kommt der Sessel heute aus dem Hause Knoll International und ist nicht nur ein Bestseller, sondern auch eines der meist kopierten Möbel überhaupt.

Es heißt, der leidenschaftliche Radfahrer Breuer wurde durch den Lenker seines „Adler“-Fahrrads inspiriert: Der Lenker war leicht und trotzdem extrem stabil. Und wenn Stahlrohr in Form eines Fahrradlenkers gebogen werden konnte, musste es doch auch möglich sein, es zu Möbelstücken zu formen. Den Beweis dafür erbrachte Breuer 1926 mit seinem Sessel selbst – ein Durchbruch, mit dem er den Weg für eine völlig neue Art des Möbeldesigns ebnete. Sie fand schon nach kurzer Zeit überall Nachahmer. Das überraschte den Designer, der für seinen Entwurf eigentlich Kritik erwartet hatte. Er selbst hielt den Sessel für seine extremste Arbeit, sowohl was die äußere Erscheinung als auch die Verwendung des Stahlrohrs betrifft. Heute sind Möbel ohne dieses Material längst nicht mehr vorstellbar.

Mit seinen Arbeiten war Breuer nicht nur einer der einflussreichsten Möbeldesigner des frühen 20. Jahrhunderts. Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten im Jahr 1937 widmete er sich vermehrt der Architektur, lehrte als Professor an der Harvard University und baute Privathäuser sowie öffentliche Gebäude. Das Bekannteste ist das Yförmige Unesco- Hauptquartier in Paris.

Sessel Schwan

Sie heißen Schwan, Ei, Ameise oder etwas kryptisch 3107. Und fast jeder hat schon mal darauf gesessen: Die Sitzmöbel von Arne Jacobsen besitzen längst Kultstatus und sind heute in öffentlichen Gebäuden und Privatwohnungen noch ebenso präsent wie in den 1950er Jahren, als Jacobsen sie entwarf.

Als Architekt und Produktdesigner schuf der 1902 geborene Däne Entwürfe, die nicht nur den Geschmack seiner Landsleute maßgeblich beeinflussten, sondern auch international stilprägend waren. Nach einer Maurer-Lehre und einem Studium an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen hatte er in den 1920er Jahren zahlreiche Reisen durch Europa unternommen.

Die architektonischen Werke von Gropius und Mies van der Rohe in Berlin beeindruckten ihn tief und sollten zeitlebens seinen Stil beeinflussen. Den strengen Funktionalismus, den der junge Jacobsen in Berlin kennengelernt hatte, vereinte er in seinen eigenen Entwürfen mit organischen Formen.

Dem Dänen, der als Perfektionist und leidenschaftlicher Botaniker bekannt war, gelang so eine außergewöhnliche Synthese aus der Sachlichkeit der Moderne und an der Natur orientierten Formen. Sein Sessel „Schwan“ ist ein gutes Beispiel dafür: Das Sitzmöbel mit der mit Stoff oder Leder bezogenen Kunststoffschale auf einem drehbaren Sternfuß ist so bequem wie funktional. Die geschwungenen Linien erinnern, von der Seite betrachtet, an einen Schwanenhals. Gemeinsam mit dem ebenfalls nach seiner äußeren Erscheinung benannten Sessel „Ei“ hatte Jacobsen den „Schwan“ 1958 für die Lobby- und Loungebereiche des SAS Royal Hotels in Kopenhagen entworfen. Bei dieser Arbeit kam er auch seinem Ideal von der Architektur als Gesamtkunstwerk sehr nahe, denn er entwarf sowohl das Gebäude als auch die komplette Inneneinrichtung. Und nicht nur seine Möbel wurden weltberühmt: Der Regisseur Stanley Kubrick wählte die für das SAS Hotel Royal entworfene Essbesteckserie „AJ“ für seinen Film „2001: Odyssee im Weltraum“ aus.

Panton Chair

Ein britisches Topmodel, zwei möbelbegeisterte Schweizer, zwei deutsche Chemie-Giganten und ein hartnäckiger Däne – das waren die Zutaten für ein Möbelstück, das heute als Ikone der Pop-Art gilt. Der Däne hieß Verner Panton. Schon als Student der Kunstakademie in Kopenhagen zeichnete er seinen bekannten Stuhl: ein elegantes „S“, freistehend wie eine Skulptur und dennoch praktisch nutzbar. Einen interessierten Hersteller fand er jedoch lange Jahre nicht. Als Material wollte Panton gefärbtes Plastik einsetzen. Der Designer war fasziniert von den Möglichkeiten der neuartigen Kunststoffe, der völligen Freiheit bei Form und Farbe. Zwei Möbelfans aus der Schweiz, Willi und Rolf Fehlbaum, ließen sich schließlich von der Idee des „hinterbeinlosen“ Plastikstuhls anstecken.

Mit einem Kunststoff, den der Chemie-Riese Bayer Mitte der 1960er Jahre entwickelte, ging der Plastikstuhl so 1967 in Produktion. Ein zweiter neuer Kunststoff, diesmal von BASF, ermöglichte kurze Zeit später, dass Pantons Traumstuhl als erstes Sitzmöbel überhaupt durchgehend aus einem Material in einem Guss produziert werden konnte. Für Verner Panton brachte der bunte Kunststoffstuhl endgültig den Durchbruch. Er erhielt Aufträge als Inneneinrichter, unter anderem für die poppig-orange Kantine des Spiegel-Verlags in Hamburg, die heute unter Denkmalschutz steht.

Einer der ersten Panton Chairs ist im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. 1995 sorgte ein Cover der Vogue für Furore, auf dem sich Kate Moss freizügig auf dem Pop-Art-Stuhl räkelt. Auch heute hat der Stuhl nichts von seiner Faszination verloren. Die beiden Chemie-Riesen werben noch immer mit dem Panton Chair für ihre Kunststoffe. Die beiden möbelbegeisterten Schweizer bauten die Firma Vitra auf und haben mit dem Panton Chair einem Klassiker des modernen Möbeldesigns den Weg bereitet – es gibt ihn inzwischen sogar als Mini-Version für Kinder. Und Topmodel Kate Moss? Die hat ihn wahrscheinlich im Wohnzimmer.