Neugier – Reize im Produktdesign

Der hohe Sättigungsgrad im Konsumgeschehen führt dazu, dass die Anreizqualitäten auch im Produktdesign ständig erhöht werden müssen. Denn „gewöhnliche“ und vertraute Formen drohen ins Abseits der Nichtbeachtung abzudriften. In der heutigen Warenvielfalt muss es das „noch nie da Gewesene“, das Neueste, das Ungewöhnlichste sein, um die Aufmerksamkeit potenzieller Käufer zu erregen.
Bekannte und auch bewährte Geräte- oder Produktformen zu modernisieren oder neu zu formulieren und damit einen „Blickfang“ zu schaffen, ist daher zu einem überaus wichtigen Gestaltungsziel geworden. Im Produktdesign wecken unbekannte, der eigenen Erfahrung fremde Formen Neugier. Es kann sich dabei um neu entwickelte Produkttypen handeln wie beispielsweise vor ein paar Jahren der MP3-Player. Oder es handelt sich um gestalterische Neuformulierungen für altbekannte Produkttypen, wie etwa ein kreisrunder Staubsauger ohne Saugrohr und Kabel. Auch ungewöhnliche Gestaltungsdetails wecken unsere Neugier, wie eine Uhr mit nur einem Zeiger, die dem uns vertrautem Zweizeigersystem zur Darstellung von Zeit widerspricht und die wir – vergleichbar einem fremden Schriftzeichen – zunächst nicht lesen und deuten können. Oft sind technische Innovationen Voraussetzungen für gestalterische Neuformulierungen. So ermöglichen beispielsweise moderne LEDs (Leuchtdioden) aufgrund ihrer geringen Größe innovative, etwa sehr flache und filigrane Leuchtenentwürfe, die unter Verwendung bisheriger Leuchtmittel wie etwa Glühlampen nicht denkbar waren. Neugier lässt sich auch wecken, in dem das Objekt etwas von sich preisgibt, das sonst verborgen bleibt. Beispielsweise präsentieren Objekte aus durchsichtigem Kunststoff wie ein Radio oder eine Leuchte ihre technischen und konstruktiven „Eingeweide“ und wecken damit die Neugier nicht nur von technikbegeisterten Personen.

Von Kreaturen und anderem Getier

Wer kennt sie nicht, die lachende Brigade bunter Kunststoffobjekte für Küche und Schreibtisch! Leicht ließe sich mit der offerierten Vielfalt ein abwechslungsreicher Kreaturenpark oder eine Arche Noah aus Heftmaschine, Scherenhalter, Flaschenöffner &Co. zusammenstellen, so artenreich ist das Angebot dieser Produktsparte. Ihr Erfolg spricht für sich: Von diesen Kreaturen geht ein besonderer Reiz aus. Doch wie ziehen uns diese Produkte in ihren Bann? Ist es das Animalische, das uns anzieht? Oder sind sie gleichsam gesellschaftsfähige „Kuscheltiere“ für Erwachsene, derentwegen sich niemand zu schämen braucht? Ein einfaches Stofftier in der Edelküche eines erfolgreichen Geschäftsmannes riefe unzweifelhaft deutliche Irritation her vor, ein Handfeger in Hundeform zeichnet ihn in den Augen vieler hingegen als modern und trendorientiert aus. In ihrer Form folgen die an Tier- oder Phantasiewesen erinnernden Objekte häufig dem sogenannten „Kindchenschema“: Sie besitzen einen überdimensionierten Kopf, große Augen, rundliche Formen und verkürzte, „knuffige“ Proportionen. Diese Signale verströmten bereits die Stofftiere unserer Kindheit. Sie gaben uns Trost und Halt, lösten aber zugleich unseren Zuwendungs- und Fürsorgeinstinkt aus. Welche faszinierende, positiv besetzte Anziehungskraft Tiere generell auf uns haben, demonstrierte eindrücklich der Wirbel um die Eisbären-Waisenkinder „Knut“ und „Flocke“ im Lauf des letzten Jahres. In beider Fall war es wohl gerade die unnatürliche Partnerschaft von Mensch und wildem Tier – gewissermaßen das lebendig gewordene Stoffkuscheltier – welche den besonderen „Hype“ erklärt. Denn kleine Eisbären gab es bereits häufiger in Zoos zu bestaunen – aber eben nicht mit einem menschlichen Muttertier. Den kreatürlichen Objekten haftet zumeist auch eine gewisse Komik an. Denn sie vereinen Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören. Beispielsweise Borsten einer Kehrschaufel, die als Hundebeine fungieren oder eine Nagelschere, die zu einem Vogelgesicht wird. Aber Vorsicht! – Es gibt auch eine Theorie, nach der die bunt-humorigen Haushaltsgeräte lediglich für den nordeuropäischen und nordamerikanischen Markt geeignet seien. Hier böten die Geräte den Kunden Ablenkung von der langweiligen Hausarbeit. Nicht so auf dem mittel – südamerikanischen sowie südeuropäischen Markt: Dort würden die Hausfrauen die Hausarbeit als seriöse Rolle in ihrem Leben betrachten, die sie nicht trivialisiert und respektlos behandelt sehen wollen.

Just fun! – Produkte, die uns erheitern

Produkte erheitern uns auf vielfältige Art. Erheiterung lösen meist Situationen oder Gegenstände aus, die als „witzig“ oder „komisch “empfunden werden. Eine der Hauptbedingungen für den Eindruck des Komischen ist die Unvereinbarkeit bestimmter Dinge: Etwas wird zusammengefügt, was eigentlich nicht zusammengehört, es erscheint damit unsinnig und unlogisch. Diese unerwartete, widernatürliche Nichtübereinstimmung löst eine mehr oder weniger starke Irritation aus. Die zwischen den unvereinbaren Tatsachen bestehende Spannung findet ihr Ventil im Witz, der gewissermaßen die Lösung des Rätsels ersetzt. Als witzig empfinden wir beispielsweise viele der buntfarbigen Objekte aus dem Küchenutensilien- oder Büroartikelbedarf, die häufig unlogische Komponenten auf weisen: Hundebeine mutieren zu Borsten einer Kehrschaufel und eine Nagelschere zum Vogelgesicht, oder einer Wärmflasche entwachsen Beine. Unlogisch ist ebenso der „on/off“ Schalter an einer Kerze, die eigentlich keines mechanischen Schaltmechanismus bedarf. Werden beide Elemente dennoch kombiniert, entsteht ein witziges Moment – genauso wie bei dem „Mann zum Selberbacken“ mittels Backmischung und Backform.

Wohlbehagen

Neben Hunger, Durst, Sexualität und Schmerzvermeidung zählt auch das Streben nach „Behagen“ zu den Triebkräften des Menschen. Intuitiv suchen wir nach Zuständen, die unser Organismus als angenehm empfindet und die uns wohltun. Im Vordergrund stehen dabei intensive sinnliche Erlebnisse.

Der Wunsch der Menschen nach Behaglichkeit ist ein starker Kaufreiz. Produktentwickler nutzen diese Begehrlichkeit gezielt aus und konzipieren Verwöhnprodukte für fast alle Lebensbereiche. Von weichen Materialien über organische Formen im Möbel- und Gebrauchsgerätebereich, romatherapiegestützten Körperpflegeprodukten bis hin zu zahlreichen Entspannungsgerätschaften, um nur ein kleines Spektrum zu nennen. Selbstverwöhnung im Eigenheim ist angesagt. Der Grund hierfür scheint nahezuliegen: Unsere von Stress und Härte geprägte Alltagsrealität provoziert möglicherweise bei vielen den Wunsch, wenigstens im eigenen Lebensraum jegliche „Härte“ und „Kühle“ zu vermeiden. Im Gegenzug umgeben sie sich mit einem wohligen, alles Ungemach absorbierenden „Wattebausch“ in Form von höhlenartig umfangenden Möbeln, weichen, warm anmutenden Oberflächen von Gebrauchsgeräten und Wohnaccessoires und einer von Licht und Duft geprägten Atmosphäre. Andere bevorzugen hingegen eher die Klarheit und „Leere“ nüchterner Räume und empfinden diese als behaglich. Menschen in einer für sie angenehmen Situation weisen eine entspannte Gesichtsmuskulatur auf, die bis hin zum genussvollen Schließen der Augen gehen kann. Der Atemdruck lässt nach, wir atmen tief aus, was ein „behagliches“ Seufzen erzeugen kann.

„Rund, glatt und warm“ kontra „eckig, rau und kalt“

Ist es unser ureigener Instinkt, der uns runde, weiche Formen beim Berühren meist als angenehmer empfinden lässt als spitze, kantige Formen? Denkbar wäre es, denn organische, „gut in der Hand liegende“ Formen weisen durch ihre Anschmiegsamkeit eine geringere Verletzungsgefahr auf, scharfkantige oder spitze Gegenstände müssen wir hingegen umsichtiger anfassen, um Verletzungen zu vermeiden. Babyspielzeug ist daher nie spitz und eckig, sondern eher rund und anschmiegsam. Und warum bevorzugen wir – wie Versuchsergebnisse gezeigt haben – „warm“ erscheinende Materialien und empfinden „kalte“ hingegen als unangenehm? Der Grund könnte im „ökonomischen Denken“ unseres Organismus liegen: Kälte zwingt den Körper, eigene Energie zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur aufzuwenden. Der kalte Gegenstand in unserer Hand entzieht dem Körper Energie, der warme führt ihm Energie zu. Ein warmer Gegenstand belastet den energetischen Haushalt weniger als ein kalter. Möglicherweise liegt hier die Erklärung für die unbewusste und immer situationsabhängige Bevorzugung „warmer“ oder warm erscheinender Gegenstände. Denn sind wir erhitzt und der Körper benötigt dringend Abkühlung, bevorzugen wir einen „kalten“ Metallgriff gegenüber einem „warmen“. Auch ist das Empfinden von Temperaturen nicht allein an die messbare Temperatur von Gegenständen gekoppelt. Temperaturempfindungen lassen sich auf indirektem Weg hervorrufen durch Farben („warme“ Farbtöne), Wörter (feurig, eisig) oder Klänge (scharfe, klirrende Töne gegenüber harmonischen, dumpfen). Ein erfrischend-kühles Duschgel wird daher bevorzugt blau oder grün sein, ein entspannend-wärmender Badezusatz hingegen rot-orangetonig.

Sinnliche Qualitäten von Produkten

„Produkte, die unter die Haut gehen“ – der Slogan erscheint plausibel. Mit über zwei Quadratmetern Fläche ist die Haut das größte Sinnesorgan des Menschen. Ihre unzähligen Sinneszellen übermitteln dem Gehirn wichtige Informationen über unsere Umwelt und über die in direktem Kontakt mit uns befindlichen Gegenstände. Halten wir einen Gegenstand in unseren Händen oder berühren wir ihn, liefert uns der Tastsinn Informationen über ganz unterschiedliche Produkteigenschaften: Über die Form und Größe, über die Oberflächenbeschaffenheit sowie über Temperatur und Gewicht. Da die Hände mit ihren zahlreichen, dicht gefügten Sinneszellen unbestechliche Meister im haptischen Erkunden von Produkten sind, richten Produktentwickler bei der Gestaltung ein besonderes Augenmerk auf die „sinnlichen“ Qualitäten der zu entwickelnden Objekte. Gestaltungsdetails wie Form oder Oberfläche geben jedoch nicht allein Informationen über die „Hardware“ von Gegenständen, sondern sie fungieren immer auch als „Zeichen“ für abstrakte Produkteigenschaften. Beispielsweise lassen uns Formen wie spitz/kantig oder rund/weich unbewusst bestimmte Eigenschaften assoziieren, das Gleiche gilt für Oberflächenwirkungen. Eine glatte, metallische Oberfläche verbanden Testpersonen mit Begriffen wie Modernität, Eleganz, Komfort und Lebendigkeit, eine raue Metalloberfläche hingegen mit Langweiligkeit, Traditionalität, Hässlichkeit und Unbehagen. Besitzt ein Produkt eine gewisse „Schwere“, assoziieren wir hohe Qualität und Solidität; daher würde auch niemand Bier, Wein oder gar Sekt in leichten Plastikflaschen anbieten – selbst wenn die produktionstechnische Vorgaben oder der Reifeprozess es zuließen. Geringes Gewicht deutet Materialersparnis an, ein leichtgewichtiges Elektrogerät würden wir beispielsweise als „billig“ einstufen und ihm keine Langlebigkeit zusprechen. Schweren Produkten vertrauen wir diesbezüglich leichter.

Wellmania! – glücksverheißende Produkte überall

Unzählige Wellness-Produkte überströmen heutzutage den Markt. Doch sorgen sie tatsächlich für unser Wohlbehagen? Zweifelsohne können diese Produkte die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität erhöhen. Dies basiert vermutlich allein schon auf der Tatsache, dass wir uns Zeit für uns nehmen, beispielsweise für ein entspannendes Bad, einen beruhigenden Tee, eine verwöhnende Körpermassage. Ob die Produkte an sich durch ihre Inhaltsstoffe wesentlich zur Erhöhung des messbaren, physischen Wohlbehagens beitragen, sei offen gelassen. Wahrscheinlich fühlten wir uns mit „normalen“ Pflegeprodukten oder gewöhnlichen Tees ohne Ruhe und Ausgewogenheit verheißende Namen genauso entspannt. Der wohltuenden „Selbstverwöhnung“ ebnen Wellness-Produkte jedoch leichter den Weg als normale Produkte. Sie sind suggestiver durch Namen und aufwändige Verpackung, womit sie uns das Gefühl des Außergewöhnlichen und von Luxus vermitteln, und sie sind teuer. Teuer bezahlten Luxus konsumieren wir jedoch nicht auf die Schnelle, hierfür nehmen wir uns bewusst Zeit. Auch ist unser Unterbewusstsein – da „teuer“ gleichgesetzt wird mit „gut“ – von Anbeginn offener für eine positive Bewertung der Produkte und wir meinen daher tatsächlich, die Haut ist weicher, der Körper entspannter. Allein durch die Tatsache, dass wir uns Luxus gönnen und uns selbst belohnen, steigt das Wohlbehagen. Die Inhaltsstoffe der Produkte, insbesondere Düfte aus dem Bereich der Aromatherapie, unterstützen und verstärken dieses Gefühl möglicherweise, aber alleine sorgen sie sicherlich nicht für die Entstehung von Wohlbehagen. Wer stark angespannt und nicht offen für Entspannung ist, dem nützt auch der beste Aromatherapie-Badezusatz mit dem Namen „Momente der Ruhe“ nur wenig.

Im Februar 1983

von Alessandro Mendini

Das Wort »wohnen« beinhaltet für mich heute den Begriff »Architektur«, der Begriff »Privatwohnung« kehrt als generierendes Element sämtlicher Aspekte des Wohnens zurück

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