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Wohlbehagen

Neben Hunger, Durst, Sexualität und Schmerzvermeidung zählt auch das Streben nach „Behagen“ zu den Triebkräften des Menschen. Intuitiv suchen wir nach Zuständen, die unser Organismus als angenehm empfindet und die uns wohltun. Im Vordergrund stehen dabei intensive sinnliche Erlebnisse.

Der Wunsch der Menschen nach Behaglichkeit ist ein starker Kaufreiz. Produktentwickler nutzen diese Begehrlichkeit gezielt aus und konzipieren Verwöhnprodukte für fast alle Lebensbereiche. Von weichen Materialien über organische Formen im Möbel- und Gebrauchsgerätebereich, romatherapiegestützten Körperpflegeprodukten bis hin zu zahlreichen Entspannungsgerätschaften, um nur ein kleines Spektrum zu nennen. Selbstverwöhnung im Eigenheim ist angesagt. Der Grund hierfür scheint nahezuliegen: Unsere von Stress und Härte geprägte Alltagsrealität provoziert möglicherweise bei vielen den Wunsch, wenigstens im eigenen Lebensraum jegliche „Härte“ und „Kühle“ zu vermeiden. Im Gegenzug umgeben sie sich mit einem wohligen, alles Ungemach absorbierenden „Wattebausch“ in Form von höhlenartig umfangenden Möbeln, weichen, warm anmutenden Oberflächen von Gebrauchsgeräten und Wohnaccessoires und einer von Licht und Duft geprägten Atmosphäre. Andere bevorzugen hingegen eher die Klarheit und „Leere“ nüchterner Räume und empfinden diese als behaglich. Menschen in einer für sie angenehmen Situation weisen eine entspannte Gesichtsmuskulatur auf, die bis hin zum genussvollen Schließen der Augen gehen kann. Der Atemdruck lässt nach, wir atmen tief aus, was ein „behagliches“ Seufzen erzeugen kann.

„Rund, glatt und warm“ kontra „eckig, rau und kalt“

Ist es unser ureigener Instinkt, der uns runde, weiche Formen beim Berühren meist als angenehmer empfinden lässt als spitze, kantige Formen? Denkbar wäre es, denn organische, „gut in der Hand liegende“ Formen weisen durch ihre Anschmiegsamkeit eine geringere Verletzungsgefahr auf, scharfkantige oder spitze Gegenstände müssen wir hingegen umsichtiger anfassen, um Verletzungen zu vermeiden. Babyspielzeug ist daher nie spitz und eckig, sondern eher rund und anschmiegsam. Und warum bevorzugen wir – wie Versuchsergebnisse gezeigt haben – „warm“ erscheinende Materialien und empfinden „kalte“ hingegen als unangenehm? Der Grund könnte im „ökonomischen Denken“ unseres Organismus liegen: Kälte zwingt den Körper, eigene Energie zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur aufzuwenden. Der kalte Gegenstand in unserer Hand entzieht dem Körper Energie, der warme führt ihm Energie zu. Ein warmer Gegenstand belastet den energetischen Haushalt weniger als ein kalter. Möglicherweise liegt hier die Erklärung für die unbewusste und immer situationsabhängige Bevorzugung „warmer“ oder warm erscheinender Gegenstände. Denn sind wir erhitzt und der Körper benötigt dringend Abkühlung, bevorzugen wir einen „kalten“ Metallgriff gegenüber einem „warmen“. Auch ist das Empfinden von Temperaturen nicht allein an die messbare Temperatur von Gegenständen gekoppelt. Temperaturempfindungen lassen sich auf indirektem Weg hervorrufen durch Farben („warme“ Farbtöne), Wörter (feurig, eisig) oder Klänge (scharfe, klirrende Töne gegenüber harmonischen, dumpfen). Ein erfrischend-kühles Duschgel wird daher bevorzugt blau oder grün sein, ein entspannend-wärmender Badezusatz hingegen rot-orangetonig.

Sinnliche Qualitäten von Produkten

„Produkte, die unter die Haut gehen“ – der Slogan erscheint plausibel. Mit über zwei Quadratmetern Fläche ist die Haut das größte Sinnesorgan des Menschen. Ihre unzähligen Sinneszellen übermitteln dem Gehirn wichtige Informationen über unsere Umwelt und über die in direktem Kontakt mit uns befindlichen Gegenstände. Halten wir einen Gegenstand in unseren Händen oder berühren wir ihn, liefert uns der Tastsinn Informationen über ganz unterschiedliche Produkteigenschaften: Über die Form und Größe, über die Oberflächenbeschaffenheit sowie über Temperatur und Gewicht. Da die Hände mit ihren zahlreichen, dicht gefügten Sinneszellen unbestechliche Meister im haptischen Erkunden von Produkten sind, richten Produktentwickler bei der Gestaltung ein besonderes Augenmerk auf die „sinnlichen“ Qualitäten der zu entwickelnden Objekte. Gestaltungsdetails wie Form oder Oberfläche geben jedoch nicht allein Informationen über die „Hardware“ von Gegenständen, sondern sie fungieren immer auch als „Zeichen“ für abstrakte Produkteigenschaften. Beispielsweise lassen uns Formen wie spitz/kantig oder rund/weich unbewusst bestimmte Eigenschaften assoziieren, das Gleiche gilt für Oberflächenwirkungen. Eine glatte, metallische Oberfläche verbanden Testpersonen mit Begriffen wie Modernität, Eleganz, Komfort und Lebendigkeit, eine raue Metalloberfläche hingegen mit Langweiligkeit, Traditionalität, Hässlichkeit und Unbehagen. Besitzt ein Produkt eine gewisse „Schwere“, assoziieren wir hohe Qualität und Solidität; daher würde auch niemand Bier, Wein oder gar Sekt in leichten Plastikflaschen anbieten – selbst wenn die produktionstechnische Vorgaben oder der Reifeprozess es zuließen. Geringes Gewicht deutet Materialersparnis an, ein leichtgewichtiges Elektrogerät würden wir beispielsweise als „billig“ einstufen und ihm keine Langlebigkeit zusprechen. Schweren Produkten vertrauen wir diesbezüglich leichter.

Wellmania! – glücksverheißende Produkte überall

Unzählige Wellness-Produkte überströmen heutzutage den Markt. Doch sorgen sie tatsächlich für unser Wohlbehagen? Zweifelsohne können diese Produkte die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität erhöhen. Dies basiert vermutlich allein schon auf der Tatsache, dass wir uns Zeit für uns nehmen, beispielsweise für ein entspannendes Bad, einen beruhigenden Tee, eine verwöhnende Körpermassage. Ob die Produkte an sich durch ihre Inhaltsstoffe wesentlich zur Erhöhung des messbaren, physischen Wohlbehagens beitragen, sei offen gelassen. Wahrscheinlich fühlten wir uns mit „normalen“ Pflegeprodukten oder gewöhnlichen Tees ohne Ruhe und Ausgewogenheit verheißende Namen genauso entspannt. Der wohltuenden „Selbstverwöhnung“ ebnen Wellness-Produkte jedoch leichter den Weg als normale Produkte. Sie sind suggestiver durch Namen und aufwändige Verpackung, womit sie uns das Gefühl des Außergewöhnlichen und von Luxus vermitteln, und sie sind teuer. Teuer bezahlten Luxus konsumieren wir jedoch nicht auf die Schnelle, hierfür nehmen wir uns bewusst Zeit. Auch ist unser Unterbewusstsein – da „teuer“ gleichgesetzt wird mit „gut“ – von Anbeginn offener für eine positive Bewertung der Produkte und wir meinen daher tatsächlich, die Haut ist weicher, der Körper entspannter. Allein durch die Tatsache, dass wir uns Luxus gönnen und uns selbst belohnen, steigt das Wohlbehagen. Die Inhaltsstoffe der Produkte, insbesondere Düfte aus dem Bereich der Aromatherapie, unterstützen und verstärken dieses Gefühl möglicherweise, aber alleine sorgen sie sicherlich nicht für die Entstehung von Wohlbehagen. Wer stark angespannt und nicht offen für Entspannung ist, dem nützt auch der beste Aromatherapie-Badezusatz mit dem Namen „Momente der Ruhe“ nur wenig.

Autor*in

Jecht, Heidrun

Werk

Badisches Landesmuseum Karlsruhe Textauszug aus: Design+Emotion. Produkte, die Gefühle wecken. AK Karlsruhe 2008, S. 89f. und 103;

Verweise

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