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Das Alchimia-Manifest (1985)


Für die Gruppe Alchimia ist heute die Tätigkeit des zeichnerischen Entwurfs wichtig. Es ist ein Produzieren von Zeichen, weder “Design” noch “Skizze”, sondern eine freie, kontinuierliche Bewegung der Gedanken, die eine “motivierte” Bewegung optisch wiedergibt. Alchimia als Gruppe von Zeichnern hat die Aufgabe, “sentimentales Denken” zu vermitteln. Das Motiv zu ihrer Arbeit liegt nicht in der praktischen Durchführbarkeit; die “Schönheit” eines Objekts liegt in der Liebe und der magischen Kraft, mit der es gestaltet wurde, und in der ihm innewohnenden Seele. Alchimia glaubt, daß die Menschen heute in einem Zustand der Unruhe und der Unausgewogenheit leben. Vor allem das “Detail” charakterisiert ihr Leben! Organisatorische, menschliche, industrielle, politische und kulturelle Fragmente… In dieser Zeit des Umbruchs sind die Menschen in unbestimmte Angst versunken aufgrund des Schwindens unzähliger Werte, die einst als unumstößlich galten. Wir müssen uns wiederentdecken. Alchimia arbeitet mit den allgemein als negativ betrachteten Werten Schwäche, Leere, Abwesenheit und Tiefe, die heute als Begleiterscheinungen alles Äußerlichen, Massiven und Gewalttätigen verstanden werden und daher beseitigt werden müssen. Wenn diese Zeit des Umbruchs gewissen Zielen die Existenz verweigert, wenn sogar die Philosophie sich der Zukunft zu verschließen scheint und wenn umfassende rationale Veränderungen unvorstellbar sind, so ist die Gruppe Alchimia auf sich selbst konzentriert. Sie sucht Gedankengänge in sich selbst, mit dem einzigen Ziel, ihre poetische Berufung zu signalisieren. Sie setzt sich mit ihrer Introversion, ihrem minimalen kreativen Bestreben über jegliches Urteil hinweg. Dies ist die “neue Moral” von Alchimia.
Für Alchimia sind Disziplinen nicht von Interesse, wenn sie innerhalb ihrer Abgrenzungen betrachtet werden. Im Gegenteil ist es wichtig, die weiten Freiräume dazwischen anzugehen. Für Alchimia ist es niemals notwendig zu wissen, ob jemand Bildhauerei, Architektur, Malerei, Kunsthandwerk, Theater oder was sonst betreibt. Design agiert auf ambivalente Weise auch außerhalb des Designs, in der Verschwendung, der Bedeutungslosigkeit von Disziplin, Dimension und Konzept: Design ist lediglich zeichnerische Gymnastik.
Doch das neue Entwerfen ist frei von jeglicher Rhetorik. Alchimia läßt sie erstarren und wandelt sie zu einem formalistischen, kaleidoskopischen Stil um. Alchimia glaubt an die Entspezialisierung, in der Annahme, daß “widersprüchliche” Methoden von Ideenbildung und Produktion Hand in Hand gehen müssen und Kunsthandwerk, Industrie, Informatik, zeitgemäße wie unzeitgemäße Technike und Materialien zusammen verwendet werden können.
Für Alchimia ist das Konzept der “Variation” gültig. Da das Entwerfen zur Bewältigung der Welt nicht hinreicht, wird das Entwerfen selbst zur endlosen Aufgabe, ohne Anfang, ohne Ende und ohne Legitimation. Sprache und Verhalten vermengen und verbinden sich, was sich unendlich wiederholt im zwei- und drei dimensionalen Bild des entworfenen Objekts, in einem System der geordneten Unordung, das nur “in sich selbst” Gültigkeit hat. Der optische Aspekt setzt sich gegenüber dem kulturellen Ursprung und dem Motiv durch; das beste Bild ist von der anthropologischen und rituellen Bedeutung des Künstlers gereinigt, entfremdet, “losgelöst”. Das ziellose Schweifen der Phantasie läßt einen Mechanismus des Darstellens entstehen; Alchimia vereinnahmt den ewigen Drang des Menschen, unaufhörlich das Bild der Welt und ihre Dekorschemata neu zu gestalten. Für Alchimia müssen Objekte gleichzeitig “normal” und “anormal” sein. Ihre Gewöhnlichkeit läßt sie in die Realität des Alltags und in das Bedürfnis nach Standardisierung einmünden, während ihre Außergewöhnlichkeit sie vom Normalen abhebt und mit dem Bedürfnis nach dem Unerwarteten, dem Zufall, nach Besonderheit und Grenzüberschreitung verbindet.
Für Alchimia ist Design ein Zyklus: Alles, was geschehen muß, ist bereits geschehen, und die je eigene Phantasie des Individuums – als Grundlage für das Weiterbestehen der Welt – kann frei durch alle Kulturen und in jeder beliebigen Richtung schweifen, solange sie dies in liebender Weise tut. Für Alchimia ist Design zart und zurückhaltend ; Design bleibt im Hintergrund und begleitet liebevoll Leben und Tod derjenigen, denen es gefällt.

Autor

Mendini, Alessandro

Werk

In: Kazuko Sato: Alchimia – Italienisches Design der Gegenwart (deutsche Ausgabe). Berlin 1988 (Taco-Verlag), S. 6. Über das „studio Alchimia“ (ital.)

Quellen

Weitere Literatur

Verweise

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