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Welche Dinge braucht der Mensch?

Je mehr, desto besser. Ermöglicht wurde die enorme Ausweitung unserer Produktkultur durch die industrielle Revolution. Seit Ende des 18. Jahrhunderts konnte durch den Einsatz fortschrittlicher Produktionsmittel, durch Rationalisierung der Produktionsabläufe und Standardisierung der Produkte die erzeugte Warenmenge kontinuierlich gesteigert werden. Sehr anschaulich bildet die mit Beginn der Industrialisierung zunächst langsam, ab 1950 steil ansteigende Bruttosozialprodukt-Kurve diese enorme Produktivität unserer Wirtschaft hinsichtlich der Erzeugung und Bereitstellung von Sachgütern und Dienstleistungen ab. Für große Teile der Bevölkerung erlaubte die industrielle Massengüterproduktion eine vorher kaum vorstellbare Steigerung ihres materiellen Lebensstandards. Möbel, elektrische Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik – Produkte, die einst nur für eine privilegierte Minderheit verfügbare Luxusgüterwaren – fanden nach und nach allgemeine Verbreitung. Heute zählen sie in Deutschland zum Lebensnotwendigen, das nicht gepfändet werden darf. Generationen von Ingenieuren und Designern sahen und sehen in der Entwicklung neuer Produkte ihre wichtigste Aufgabe. Der Prozeß der Produktinnovation erscheint wie eine losgetretene Lawine. In den meisten Produktbereichen ist das Angebot längst nicht mehr zu überblicken. Trotzdem ist ein Ende prinzipiell undenkbar – es käme einem kulturellen Stillstand gleich:

»Die große Anzahl an Dingen, die in der Welt von heute existieren, garantiert, daß es morgen noch mehr davon geben wird; […] das Fortschreiten der Zivilisation selbst ist eine Geschichte der ständigen Korrektur von Irrtum und Fehler und Versagen gewesen.«

Henry Petroski

Die Grundmuster, die der Ausweitung der materiellen Kultur zugrunde liegen, lassen sich benennen. Produktideen ex nihilo, die auf grundlegenden technischen Innovationen beruhen – z.B. der erste Fotoapparat, das erste Grammophon, das erste Automobil vor etwa einem Jahrhundert oder PC und Fax in jüngerer Zeit – sind in diesem fortgesetzten Entwicklungs- und Differenzierungsprozeß lediglich Ausgangspunkte, aus denen weitere resultieren. Viele Produkte ziehen die Entwicklung von Folgeprodukten nach sich. Auf den Fernseher folgten Videorecorder, Video-Spielcomputer, Fernbedienung, Infrarot-Kopfhörer, TV-Rack, Satelliten-Antenne und -Receiver. Spülmaschine, Mikrowelle und Glaskeramik-Kochherd erfordern spezielle Geschirre und Töpfe. Und das Automobil, zumal industriell in Großserie gefertigt, bedingte sogar eine komplette Infrastruktur: Tankstellen, Ampelanlagen, Verkehrsschilder etc. […]

Soziale und ökologische Grenzen des Wachstums

Zur Annäherung an die Ausgangsfrage, welche Dinge der Mensch brauche, ist zweifellos Einsicht in die komplexe Natur der menschlichen Bedürfnisse hilfreich. […]
Aktuell wurde die Bedürfnisfrage vor allem mit der Etablierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Ausweitung der materiellen Produktion. Unternehmer produzierten nun das, wovon sie sich auf dem Markt gewinnbringenden Absatz versprachen; und die Konsumenten entdeckten durch neue Warenangebote bislang unbekannte Bedürfnisse. Hinzu kamen die Zwänge der Arbeitsgesellschaft, die feste Arbeitszeiten vorschrieb und dem einzelnen nicht die Freiheit ließ, sich für weniger Erwerbsarbeit und weniger Konsum zu entscheiden. […] Mit der industriellen Revolution war der fortschreitenden Bedürfnissteigerung Tür und Tor geöffnet.

[…] Zu den immanenten Grenzen der menschlichen Konsum- und Genußfähigkeit kommen äußere Faktoren hinzu: der unbefriedigende »Zustand der Welt« (Rosenberger). Zu den Kehrseiten unserer hoch entwickelten Produktkultur gehört bekanntlich auch die Umweltzerstörung. Bis vor wenigen Jahren spielten ökologische Aspekte bei Entwicklung, Herstellung, Vertrieb, Nutzung und Beseitigung von Produkten in der Regel kaum eine Rolle. Die aus einem derartigen Wirtschaften und Konsumieren erwachsende Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen – vom Club of Rome bereits Anfang der siebziger Jahre in beängstigenden Szenarios dargestellt – kommt heute immer mehr Menschen zu Bewußtsein. Der Wohlstand der Reichen wird mit untragbaren ökologischen Belastungen erkauft: Wir leben von der Substanz, statt von nachwachsenden Erträgen, und wir belasten die Natur mit mehr Abfällen und Giften, als sie »verkraften« kann.

[…] Eine neue, kritische Betrachtung und Neuorientierung von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, Konsumverhalten und Produktzyklen – von der Rohstoffbeschaffung bis hin zur »Entschaffung« von Produkten – ist erforderlich. Ein grundlegender Wandel der Werte und Leitbilder scheint unverzichtbar.
Die für ein nachhaltiges Wirtschaften erforderliche Dematerialisierung von Produkten und Dienstleistungen – sie wird von Wissenschaftlern [wie] und Friedrich Schmidt-Bleek mit neuartigen technischen Lösungen mittelfristig [für] machbar [gehalten, W.S.]. Der Material- und Energieinput, der für Produkte bzw. die von ihnen erbrachten Dienstleistungen aufgewendet werden muß, kann drastisch reduziert werden. Durch Produktivitätssteigerungen kann aus einer Kilowattstunde, aus einem Faß Öl, einem Kubikmeter Wasser etc. weit mehr Wohlstand herausgeholt werden als gegenwärtig (Ernst Ulrich von Weizsäcker). Auch strukturelle Veränderungen wie die von Walter R. Stahel vorgestellten Marketingstrategien – Produktrücknahme-Garantien, Vermieten, Verkauf von Dienstleistungen statt von Produkten – werden dazu beitragen, eine eindimensional auf Güterproduktion ausgerichtete Wirtschaft in eine nachhaltige zu transformieren. […] Die durch technische Maßnahmen errungenen Umweltentlastungen könnten durch Produktionszuwachs oder »falsches« Verhalten schnell wieder kompensiert sein. Hinzu kommen müssen Verhaltensänderungen, ein neuer Lebensstil.

Könnte eine Rückkehr zum einfachen Leben, zu materieller Selbstbeschränkung und Askese eine Lösung sein? […] Dieses Lebensmodell [fand] über die Jahrhunderte zwar immer wieder Anhänger, eine Bevölkerungsmehrheit war dafür jedoch zu keiner Zeit zu gewinnen. Und eine »diktatorische« Durchsetzung verbietet sich in einer liberalen Demokratie per se. Doch wer sagt, daß Verhaltensänderungen notwendigerweise Verzicht bedeuten werden? Ezio Manzini fordert die Designer nachdrücklich dazu auf, bessere, attraktivere Verhaltensangebote zu entwickeln. Denn nur attraktive Angebote werden von den Menschen freiwillig gewählt werden. In diesem Sinne geht es beispielsweise nicht darum, Verzicht auf das eigene Auto zu propagieren, sondern überzeugende Alternativen: z.B. die Annehmlichkeiten von Bahnfahren und Car Sharing, das neben Kosten auch Ärger mit TÜV, Wartung und Reparatur erspart; oder der Aufbau einer Infrastruktur, die Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote in Wohnortnähe bietet.
Nicht zuletzt ist die Frage, welche Dinge der Mensch braucht, eine Frage nach Sinn und Qualität der Dinge. An erster Stelle müsste die Bedarfsreflexion stehen: die »unvoreingenommene« Prüfung, ob man tatsächlich all die Dinge braucht, die einem angedient werden oder ob sich die dahinter stehenden Bedürfnisse auf eine »entmaterialisierte« Art und Weise befriedigen lassen.

Werk

Passagen aus der Einleitung zum Katalogbuch der gleichnamigen Ausstellung. In: Dies. (Hrsg.) im Auftrag des Deutschen Werkbundes Hessen: Welche Dinge braucht der Mensch? Hintergründe, Folgen und Perspektiven der heutigen Alltagskultur. Giessen 1995 (Anabas-Verlag), S. 9 – 17;

Weitere Literatur

Siehe von der gleichen Autorin auch ihren Beitrag: Gestaltung für die Produktion von morgen. Zur Aktualität des kulturreformerischen Ansatzes des Werkbunds. Siehe die Website: Deutscher Werkbund Hessen, S 30-34 (mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

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