Form

Das wesentlichste Element einer Gestalt ist die Form, womit zwei verschiedene AusprĂ€gungen gemeint sein können. Es kann erstens zwischen rĂ€umlichen und zweitens zwischen zweidimensionalen FlĂ€chen und dreidimensionalen Formen unterschieden werden. RĂ€umliche Form ist die Form eines dreidimensionalen Produktes, die durch den Verlauf der OberflĂ€che (etwa konkav – konvex) bestimmt wird. Diese Form verĂ€ndert sich bei Drehung des Produktes und hat bei unterschiedlichen Betrachtungspositionen unterschiedliche Wirkung.

FlĂ€chige Form ist die durch Projektion eines Produktes auf eine FlĂ€che entstandene Form, die durch die Kontur festgelegt ist. Diese Form bleibt konstant auch bei VerĂ€nderung des Betrachtungsstandpunktes. Daraus kann abgeleitet werden, dass die rĂ€umliche Form eines Industrieproduktes immer vieldimensional deutbar ist entsprechend der unterschiedlichen PrĂ€sentation der Gestalt beim Wahrnehmungsvorgang. Diese Vieldeutigkeit kann durch die flĂ€chige Form (angewendet bei der Werbung fĂŒr ein Produkt) eingegrenzt werden, es kann dadurch lediglich »die beste Seite« eines Produktes gezeigt werden. Hieran wird deutlich, dass die flĂ€chige Form als zweidimensionale Abbildung im Bereich der Werbung ein weiteres Mittel ist, ĂŒber die rĂ€umliche Form des Produktes einen bewusst gewollten Eindruck im Bewusstsein der möglichen Interessenten zu prĂ€gen.

Farbe

Ein wesentliches Element der Gestalt ist die Farbe. Allein das Thema Farbe am Industrieprodukt ist so umfangreich, dass dies hier nur umrissen werden kann. Farbe ist in besonderer Weise geeignet, die Psyche des Produktbenutzers anzusprechen. Das eine Prinzip der Farbgebung am Industrieprodukt ist die Anwendung aktiver, krĂ€ftiger Farben. Dies kann einmal vom Industrieunternehmen mit der Absicht geschehen, die Aufmerksamkeit der Kaufinteressenten von den farbneutralen Produkten der Mitbewerber auf die eigenen zu lenken. Farbintensiv gestaltete Produkte haben fĂŒr den Benutzer den Vorteil, dass sie sich in den meisten FĂ€llen von der Umgebung, in der sie verwendet werden, abheben. Dies kann einmal geschehen, um in einer monotonen Umgebung Akzente zu setzen (z. B. intensive Farbgebung an GartengerĂ€ten, die sich von dem ĂŒberwiegenden GrĂŒn der Gartenlandschaft abheben sollen), zum anderen aber, um die intensive Farbe als Aufmerksamkeitserreger und Symbol fĂŒr mögliche Gefahr einzusetzen (z. B. an Straßenbaumaschinen und Ackerfahrzeugen). Besonders in der ProduktionssphĂ€re und im Straßenverkehr ist die Anwendung von Farbe am Produkt als Signal fĂŒr mögliche Gefahr sehr verbreitet. Das andere Prinzip der Farbgebung an Industrieprodukten ist die Verwendung passiver, neutraler Farben. Industrieprodukte mit neutraler Farbgebung haben die Eigenschaft, sich unauffĂ€llig in eine Umgebung einpassen zu lassen. Gerade weil Produkte unterschiedlichster Hersteller, die unabhĂ€ngig voneinander gestaltet wurden, durch die Auswahl des Benutzers in dessen Umwelt zusammengefĂŒgt werden und dessen Lebensbereich prĂ€gen, erscheint es sinnvoll, wenn nicht jedes Produkt durch aktive Farbe die Aufmerksamkeit fesselt. Eine solche Umwelt wĂ€re auf die Dauer sicher zu anstrengend und dann nicht zu ertragen. Durch die Entwicklung farbbestĂ€ndiger Kunststoffe, die von den Rohstoffherstellern in einer breiten Farbskala angeboten werden, ist es vielen Herstellern der Produkte möglich, verschiedene Farbvarianten eines Produktes fĂŒr die verschiedensten BenutzerwĂŒnsche anzubieten, ohne dass die Herstellungskosten wesentlich steigen wĂŒrden. So werden heute oft benutzte Gebrauchsprodukte meist in neutraler Farbgebung und in verschiedenen aktiven Farben angeboten. In verschiedenen Produktbereichen (z. B. in der Automobilindustrie) hat sich seit einigen Jahren eingespielt, dass die Farbgebung wie in der Mode fĂŒr eine begrenzte Saison festgelegt wird.

FĂŒr den Industrial Designer besteht ĂŒber die Anwendung von neutraler oder intensiver Farbgebung hinaus die Möglichkeit, Farbe fĂŒr eine differenzierte Gestaltung der Produkte einzusetzen. Es eignet sich Farbe besonders fĂŒr die Erzeugung von Kontrasten. So kann bei verschiedenen Bauteilen eines Produktes durch deren unterschiedliche Farbgebung eine visuelle Strukturierung erzeugt werden. Große FarbflĂ€chen und kleine FarbflĂ€chen erzeugen an der Gestalt eine Kontrastspannung, wodurch eine Monotonie der Form aufgehoben werden kann. Zudem können durch verschiedene Farben Gewichtsvorstellungen beim Betrachter hervorgerufen werden. Dunkle Farben wirken schwer und erzeugen den Eindruck von Erdverbundenheit. Helle Farbtöne wirken dagegen leicht und schwebend. Durch den Einsatz solcher Erkenntnisse kann die Produktgestalt gezielt beeinflusst werden. Voraussetzung dafĂŒr ist natĂŒrlich eine genaue Vorstellung darĂŒber, welche Wirkung durch die Farbgebung erreicht werden soll. Dies gilt prinzipiell fĂŒr den Einsatz aller Gestaltelemente, denn wenn kein Ziel vorhanden ist, ergibt sich eine beliebige Lösung.

Zur Sprache des Design

In kultur- und designtheoretischen Überlegungen ist hĂ€ufig von »Produktsprache« oder vom »Zeichencharakter von Objekten« die Rede. Bei genauerer Betrachtung beziehen sie sich meist auf linguistische oder zeichentheoretische (semiotische) Annahmen, die davon ausgehen, dass dem visuell wahrgenommenen objektiven Äußeren der Dinge ein “lesbarer” Code unterlegt sei. Dieser könne – in Analogie zur Grammatik von Sprachen gewissermaßen wortlos – den Austausch von bedeutungsvollen Informationen ermöglichen. Es geht also im Kern zunĂ€chst um eine Relation zwischen Gegenstand und Betrachter. Die Einseitigkeit des Informationsflusses ist dabei voraussetzen, denn das Ding prĂ€sentiert sich lediglich aus einem bestimmten Blickwinkel in seiner Ă€ußeren Gestalt. Es geht folglich nicht um Kommunikation im dialogischen Sinne.

Verschiedene Zeichentheoretiker, wie u.a. Roland Barthes, Umberto Eco oder Nelson Goodman, lieferten hierzu verschiedenartige ErklĂ€rungsansĂ€tze, die jedoch mehr oder weniger unvollstĂ€ndige Skizzen darstellen und mit je eigenen Terminologien arbeiten. So unterlegt Barthes in seiner “Semiotik der Artefakte” (1964) den Gebrauchsdingen eine bestimmte “Ausdruckssubstanz”, die gleichsam an ihnen haftet und sich an den Rezipienten richtet. Goodman versteht die gestalteten VerschlĂŒsselungen in Ă€sthetischen GegenstĂ€nden zugleich als lesbare »Referenzobjekte« und Eco beschĂ€ftigt sich in seiner “EinfĂŒhrung in die Semiotik” (1968) ausfĂŒhrlich mit dreidimensional “funktionierenden” Hinweisen, die, Ă€hnlich den Eigenschaften eines zweidimensionalen Bildes, ebenfalls eine in den Raum fĂŒhrende mitteilungsfĂ€hige visuelle Zeichenstruktur besitzen. Einige dieser mit unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Grundauffassungen operierenden Überlegungen gehen auf Martin Heideggers philosophische Frage nach dem “Ding als TrĂ€ger von Eigenschaften” (S. 24ff.) zurĂŒck (in: Die Frage nach dem Ding. TĂŒbingen 1962), in welcher die gewöhnlichen Dinge um uns herum zugleich ablesbare “Eigenschaften” tragen, “denen ÂŽVerweisungen ÂŽeingeschrieben sind, welche auf den praktischen Gebrauch und Nutzen, die ÂŽDienlichkeit`(…) verweisen” (zit. aus: W. Nöth, Handbuch der Semiotik. Göttingen 2009, S. 527). Heidegger spricht hierbei vom “Etwas”, das den Dingen “aufliegt”. FĂŒr ihn ist es allerdings “so einleuchtend und selbstverstĂ€ndlich, daß man sich fast scheut, solche GemeinplĂ€tze noch eigens vorzutragen.” (a.a.O., S 25) Deshalb wurde schon frĂŒh auf das Problem der InadĂ€quatheit derverschiedenen Zeichengebilde hingewiesen, denn »fĂŒr den Bereich der visuellen Zeichen ist letztlich nicht geklĂ€rt, ob es sich hierbei um den Aufbau eines Zeichensystems nach den Baugesetzen der Sprache oder um eine andere Art von System handelt.” (Klaus Kowalski, Die Wirkung visueller Zeichen. Stuttgart 1973, S. 182)

Insbesondere im Unterschied zur verbalen Sprache mit ihren linearen Zeichenfolgen wird in den einschlĂ€gigen Diskursen zur Sprache von Alltagsobjekten zumeist auf die prĂ€sentative Logik solcher ZeichengefĂŒge hingewiesen: Denn Designobjekte stellen sich unmittelbar dar, d.h. unsere visuelle Wahrnehmung registriert das materiellen Ding Ă€hnlich einem zweidimensionalen Bild, das ebenfalls ohne Umwege ĂŒber das reprĂ€sentierende, also stellvertretende Bildzeichen, funktioniert. Wörter mit ihren Buchstaben bezeichnen dagegen immer etwas anderes, fĂŒr das sie stellvertretend gebraucht werden.
Akzeptieren wir diese substanzielle Defferenz, dann folgen die decodierbaren, produktsprachlichen Mitteilungen in gewisser Weise zwar ebenfalls einem vorher erlernten Alphabet, d.h. der Rezipient muss zunĂ€chst ĂŒberhaupt ablesen können, wie er das Ding in sein Erkennungssystem einordnen kann: Wodurch unterscheidet es sich von der Unzahl anderer? Wozu oder wie lĂ€sst es sich benutzen? Die dafĂŒr erforderlichen Informationen sind ĂŒberwiegend visuell, taktil oder haptisch angelegt, und sie treffen in der Regel auf bereits vorhandene Erfahrungen oder erlernte Kenntnisse. Das auf diese Weise kommunizierende authentische Objekt gibt zeichenhafte AuskĂŒnfte ĂŒber seinen Funktionszusammenhang, seine Dimensionen oder MaterialitĂ€t, möglicherweise sein Innenleben et cetera.
Kenntnisse ĂŒber diese vom Nutzer benötigten Botschaften sind fĂŒr Produktdesigner außerordentlich bedeutungsvoll, tragen sie doch dafĂŒr Verantwortung, dass sich die GegenstĂ€nde im praktischen Gebrauch durch eine sorgsam durchdachte Gestaltung möglichst einwandfrei und problemlos benutzen lassen. Mit eindeutigem Design soll jede Irritation beim ZeichenempfĂ€nger – oder Benutzer – aus plausiblen GrĂŒnden verhindert werden. Raymond Loewys lautstarker Appell „Avoid confusion !“ geht auf diesen Kontext zurĂŒck.
Über die “ablesbaren” Eigenschaften hinaus lassen sich freilich auch „unsichtbare“ symbolische Bedeutungen vermitteln. Sie können außerhalb der unmittelbar wahrgenommenen PrĂ€sentation liegen. »Symbole sind nicht Stellvertretung ihrer GegenstĂ€nde, sondern Vehikel fĂŒr die Vorstellung von GegenstĂ€nden […] Wenn wir ĂŒber Dinge sprechen, so besitzen wir Vorstellungen von ihnen, nicht aber die Dinge selber, und die Vorstellungen, nicht die Dinge, sind das, was Symbole direkt `meinenÂŽ.« (Susanne K. Langer). Besonders Pierre Bourdieu ist zu verdanken, dass er in seiner facettenreichen Abhandlung ĂŒber “Die feinen Unterschiede” (1982) auf den Klassencharakter des Symbolischen zur sozialen Distinktion in gegenwĂ€rtigen Gesellschaftsformationen hingewiesen hat. Seine soziologischen Forschungen sind aktieller denn je.

Woran lassen sich produktsprachliche Zeichencodes konkret festmachen? ZunĂ€chst besitzt das gesamte Äußere der Dinge, einschließlich aller leicht zu ĂŒbersehenden Details, den beschriebenen Charakter der SelbstauskĂŒnfte:also die charakterisierende Referenz von OberflĂ€chen, Farbgebungen, Materialeigenschaften, differierende Merkmale der Form, Firmenlabels, Kanten mit ihren Radien, Umrisslinien, Proportionen unterschiedlicher Bauelemente et cetera. Diesen empirisch und qualitativ bestimmbaren Eigenschaften sind die oben zitierten “Verweisungen eingeschrieben”, die vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen bestimmte Botschaften transportieren. Wir können auch sagen, auf diese Weise sprechen die Dinge mit uns. Als zeichenhafte Eigenschaften wiederum aktivieren sie jene im Individuum angelegte subjektiv gefĂ€rbte Verarbeitung. Die reflexartig aufgenommenen Stimuli können zugleich Erfahrungen, Erinnerungen, GefĂŒhle, individuelle Motive oder WĂŒnsche in uns auslösen.

Voll im Trend:
Emotionen und „Emotional Design“

Wer den KonsumgĂŒtermarkt durchstreift, stellt selbst als Laie fest: Emotionen liegen im Trend. Begriffe wie„Emotionalisierung“ oder „emotionaler Mehrwert“ erscheinen regelmĂ€ĂŸig in gestaltungs- oder marketingrelevanten Texten, und aus der Werbung sind „Emotionen“ oder „GefĂŒhle“ ebenfalls nicht wegzudenken. Was diese Begriffe bedeuten und welche Beziehungen zwischen Objekten und Emotionen tatsĂ€chlich möglich sind, scheint hingegen niemand genau zu hinterfragen.

Was genau ist eigentlich eine Emotion? Jeder weiß, dass es Emotionen gibt und wie sie sich anfĂŒhlen. Jeder erlebt sie tĂ€glich, die positiven wie die negativen. „Emotionen“ sind allen Menschen höchst vertraut als ein universales, allen Kulturkreisen und Gesellschaftsschichten zugĂ€ngliches PhĂ€nomen. Verschwindend klein ist dagegen der Personenkreis, welcher der KomplexitĂ€t von Emotionen aus wissenschaftlicher Sicht Herr zu werden versteht und diese zu erklĂ€ren versucht. Definitionen, vielmehr Definitionsversuche gibt es zahlreiche: Knapp einhundert wurden bereits vor zwanzig Jahren aufgelistet. Die Vielfalt erklĂ€rt sich leicht: Jede Forschungsdisziplin – seien es Psychologie, Neurologie, Biologie, Kognitionswissenschaft oder Philosophie – betrachtet eine Emotion aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dies fĂŒhrt zwangsweise zu verschiedensten Auslegungen, DeutungsansĂ€tzen und Definitionen. Lediglich in einem Punkt herrscht in der Emotionsforschung Einigkeit: Eine verbindliche Definition von Emotionen, was genau sie sind, wie sie entstehen und ablaufen, existiert nicht. Möglicherweise gelangt das menschliche Gehirn ja genau hier an seine Grenze. Vielleicht ist der Mensch, bedingt durch seine biologischphysiologische „Ausstattung“, gar nicht in der Lage zu begreifen, was Emotionen sind?

Zitronenpresse ,Juicy Salif”
Entwurf: Philippe Starck
Hersteller: Alessi, Omegna, 1990
“Juicy Salif – 78/365” by morberg is licensed under CC BY-SA 2.0

Ein Objekt, an dem sich die Geister scheiden! Man liebt diese Zitronenpresse, oder man hasst sie – je nach Blickwinkel. FĂŒr Designbegeisterte ist „Juicy Salif” eine Ikone, deren Gestalter niemals beabsichtigte, sie den Niederungen funktionierender HaushaltsgerĂ€te preiszugeben. Sieht man in ihr hingegen eine schicke Zitronenpresse fĂŒr den tĂ€glichen Gebrauch, wird man sie hassen.

Das Einarbeiten in das hochkomplexe Themenfeld der Emotionen und der Emotionspsychologie stellt Nichtfachleute vor eine große Herausforderung. Es beginnt bereits mit der definitorischen Abgrenzung der Begriffe „Emotion“, „GefĂŒhl“, „Stimmung“ oder „Affekt“ voneinander. Selbst die Fachliteratur verwendet diese Begriffe uneinheitlich. Knapp formuliert: Das Thema „Emotion“ ist ein höchst diffiziler Komplex, dem es sich Ă€ußerst vorsichtig zu nĂ€hern gilt.

Diese KomplexitĂ€t berĂŒcksichtigend, ĂŒberrascht um so mehr die in den letzten Jahren inflationĂ€re Verwendung der Begriffe „Emotion“ oder „emotional“ – gerade im Bereich der Konsumwelt, des Marketings und des Designs, wohlgemerkt alles Disziplinen, welche durch ihre Ausbildung in der Regel kein Grundwissen ĂŒber Emotionspsychologie, Neurologie oder Biologie verfĂŒgen.

Möglicherweise liegt der besondere Reiz des Begriffes „Emotion“ gerade in seiner Uneindeutigkeit und UnerklĂ€rbarkeit fĂŒr den Laien: Niemand kann genau sagen, was er umfasst. In Folge genießt er – gewissermaßen als ungeschĂŒtzter Begriff – universalen Einsatz. Die „Emotion“ – sie wirkt wie eine geheimnisvolle, fast mythisch klingende WorthĂŒlse, deren eigentliche Bedeutung niemand zu hinterfragen scheint.

Und „Emotional Design“? Dieser Begriff ist gleichermaßen in aller Munde. Doch was ist damit gemeint? Haben wir es mit einem neuen Stil zu tun? Etwa der Stil der bunten, knuffigen Objekte, die vor allem Spaß machen sollen? Oder ist „Emotional Design“ als geschickte Wortfindung der Werbung zu verstehen, die damit ein unspektakulĂ€res Objekt aufwertet und interessanter machen möchte? Angesichts der penetranten Vorherrschaft von Anglizismen auf der einen Seite und dem Missbrauch des Begriffes „Design“ als Synonym fĂŒr schickes modisches Styling auf der anderen, scheint die zuletzt geĂ€ußerte Deutung durchaus plausibel. Ein weiterer Punkt stĂŒtzt diese Theorie. Denn die heute weitgehend fehlende Unterscheidung der Massenwaren hinsichtlich Funktion, technischer Ausstattung und QualitĂ€t schreit geradezu nach einem attraktiven, verkaufsfördernden Zusatz. Was liegt da nĂ€her als das wiederholte Heranziehen des Begriffes „Emotional Design“, ganz nach dem Motto: „Klingt gut, passt gut, verkauft sich gut!“

Bei kritischer Beobachtung kann man sich allerdings nicht des Eindrucks erwehren, dass „Emotion“ oder „emotional“ ausschließlich positiv verstanden werden. Viele verwenden es offensichtlich synonym fĂŒr Freude, GlĂŒck, angenehme gelöste Stimmung, Wohlbehagen und laden damit das Objekt positiv auf. Dass jedoch die stĂ€rksten Emotionen negativ sind, nĂ€mlich Ärger, Ekel, Wut, Angst etc., und „emotionales Design“ auch diese GefĂŒhlserlebnisse assoziieren lĂ€sst, werden nur wenige in Betracht ziehen. Die Entwickler von Werbeslogans wie „Innovation trifft Emotion“, „Sachlichkeit, die Emotionen weckt“ oder „Genießen Sie ein FrĂŒhlingserwachen voller Emotion“ scheinen zu ignorieren, dass „Emotion“ lediglich ein ĂŒbergeordneter Begriff fĂŒr verschiedenartige GefĂŒhle ist. Zu den Emotionen zĂ€hlen eben auch Ekel, Wut, Trauer oder Angst. Kein Marketingexperte wĂŒrde freiwillig mit diesen Begriffen fĂŒr sein Produkt werben.

Emotional Design – Produkte voller GefĂŒhl

„Emotional Design“ umschreibt den gestalterischen Ansatz, dass Design neben der funktionalen Formgebung zusĂ€tzlich die GefĂŒhle des Menschen anspricht. Emotional Design ist kein Stil und lĂ€sst sich weder durch formale Kriterien definieren, noch auf eine bestimmte Zeit beschrĂ€nken. Denn grundsĂ€tzlich besitzt jedes Objekt die FĂ€higkeit, verschiedene Emotionen zu wecken.

Doch wie gestaltet sich die Beziehung zwischen Objekt und GefĂŒhl? Kann es ĂŒberhaupt gefĂŒhlvolle Dinge geben, die voller Emotionen und angereichert mit GefĂŒhl sind? Lassen sich Emotionen in einen Gegenstand „hineindesignen“ und hineinkonzipieren?

Designer versuchen, mit ihren EntwĂŒrfen bestimmte GefĂŒhle bei potentiellen KĂ€ufern zu wecken und deren WĂŒnsche durch zielgruppenorientiertes Entwerfen zu erfĂŒllen. Doch welche GefĂŒhle tatsĂ€chlich entstehen, entscheidet ausschließlich der Benutzer oder Betrachter. Ein und dasselbe Produkt kann somit unterschiedlichste GefĂŒhlsreaktionen auslösen.

Jedes Objekt kann Emotionen auslösen, und sei es auch noch so unattraktiv oder unspektakulĂ€r. Ein GefĂŒhl oder eine durch ein Produkt hervorgerufene Emotion entsteht allein beim Rezipienten, wĂ€hrend der Auseinandersetzung mit dem jeweiligem Gegenstand. Dies kann die reale Interaktion mit dem Objekt bedeuten, aber auch die gedankliche Auseinandersetzung mit diesem.

Eine durch ein Produkt erweckte Emotion muss immer in AbhĂ€ngigkeit zu den persönlichen Belangen des Rezipientens gesehen werden, zu den Intentionen, BedĂŒrfnissen und Zielen des Benutzers in einer jeweiligen Situation. Mit persönlichen Belangen sind individuelle Lebenszielsetzungen gemeint, das eigene Wesen prĂ€gende Grundeinstellungen wie etwa das MoralverstĂ€ndnis, eben Dinge, die einem „am Herzen liegen“, aber auch stark situationsabhĂ€ngige BedĂŒrfnisse. Wem beispielsweise Anerkennung in einer bestimmten Gesellschaftsschicht wichtig ist, erlangt „Freude“ durch den Besitz von Statussymbolen, welche in dieser Schicht als Zugehörigkeitscodes etabliert sind. Ein anderer mag gegenĂŒber genau diesen Statussymbolen jedoch Verachtung oder auch eine Art „Ekel“ empfinden, denn seine persönlichen Belange lauten Konsumverzicht, Askese oder Reduktion.

Zwei weitere Beispiele sollen die Wichtigkeit der „persönlichen Belange“ als Ausgangspunkt fĂŒr die Erweckung von Emotionen durch Produkte verdeutlichen: UnterstĂŒtzt ein perfektes Make-up das eigene Selbstbewusstsein und damit die Selbstsicherheit einer Person, löst ein haltbarer Lippenstift, der diese Perfektion verlĂ€sslich gewĂ€hrt, Freude aus. Wem sein Äußeres hingegen weniger wichtig ist, erlebt diese Freude nicht, und wer das Schminken generell missachtet, wird gar Verachtung empfinden. Also drei unterschiedliche emotionale Reaktionen auf ein und dasselbe Produkt. Wer einfach zu bedienende GerĂ€te bevorzugt, freut sich ĂŒber eine Kaffeemaschine mit nur einem Knopf und einer Funktion; im Gegenzug wird diese Maschine bei einem Konsumenten, der insbesondere die technischen Finessen und die FlexibilitĂ€t bei der Auswahl der Kaffeevielfalt liebt, EnttĂ€uschung auslösen angesichts der reduzierten Funktionen.

Die stark situative AbhĂ€ngigkeit zwischen der durch ein Produkt evozierten Emotion und den jeweiligen Belangen des Rezipientens kann zeitlich sehr kurz sein, aber auch ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum anhalten. Als ĂŒberspitztes Beispiel sei das Empfinden von „Freude“ ĂŒber eine Waffe in einer Notwehrsituation angefĂŒhrt. Statussymbole lösen hingegen in der Regel lĂ€ngere Zeit Freude aus.

Hinzuweisen ist auch auf die Wandelbarkeit der emotionalen Beziehung zwischen Produkt und Rezipient. Jeder kennt das PhĂ€nomen: Was man vor Jahren mit Freude und Stolz kaufte und zur Schau stellte, weil es die damaligen persönlichen Ideale widerspiegelte, entsorgt man heute problemlos im MĂŒll. Aus „Freude“ oder „Stolz“ ist eine Art „Null“-GefĂŒhl, eine Beziehungslosigkeit geworden, oder man empfindet – und dies gar nicht so selten – „Scham“ ĂŒber sein frĂŒheres Besitztum. Dieser Wandlungsprozess der emotionalen Produkt-Rezipient- Beziehung kann ĂŒber mehrere Jahre ablaufen, oder auch innerhalb von Sekunden: Was beim Kaufvorgang zunĂ€chst Freude hervorrief, kippt wĂ€hrend des ersten Gebrauchs möglicherweise blitzartig in EnttĂ€uschung um, da Erwartungen unerfĂŒllt bleiben oder das Produkt einfach schlecht funktioniert.

Mehr Schein als Sein – Produkte als ideelle Werte

Vergleichbare QualitĂ€t und ausgereifte Entwicklungen erschweren heute die Unterscheidung von Produkten innerhalb einer Warengruppe. Die Objekte Ă€hneln sich alle hinsichtlich Technik und Funktion. Der eigentliche Nutzwert der miteinander konkurrierenden Produkte ist vielfach identisch und fĂŒr die Kaufentscheidung daher nicht ausschlaggebend. Die Differenzierung innerhalb der Warenvielfalt findet im Zeitalter des Massenkonsums auf anderer Ebene statt: Nicht mehr der Inhalt, die funktionale Leistung zĂ€hlt, sondern das Äußere, der „schöne Schein“ der Produkte beeinflusst die Kaufentscheidung. Zum einen ist es buchstĂ€blich der oberflĂ€chliche Wert – also formale Gestalt und sinnlich erfassbare ProduktqualitĂ€ten, welche den KĂ€ufer ansprechen und zum Kauf ĂŒberreden; zum anderen ist es der ideelle Wert, der einem Gegenstand anhaftet und diesen wie eine Art Aura umhĂŒllt. Diese „Produktaura“ umfasst abstrakte Eigenschaften, wie beispielsweise gesellschaftlicher Status oder ethischer Wert.

“MiniCooper”
BMW AG, München, 2001
M 93, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Ein Auto mit Kulleraugen und Segelohren! Diesen kleinen GefĂ€hrten muss man einfach lieb haben! Der Slogan der 2001 gestarteten internationalen Werbekampagne für den MINI lautete passend “Is it love?”

Jeder Mensch positioniert GegenstĂ€nde auf einer individuellen Werteskala gemĂ€ĂŸ der ihn prĂ€genden Ideale. Ein auf gesellschaftliche Anerkennung und sozialen Aufstieg abzielender Charakter spricht luxuriösen Statusobjekten einen hohen, Begehrlichkeit umfassenden Wert zu; ein frei von gesellschaftlichen ZwĂ€ngen lebender Frei und Schöngeist platziert diese hingegen am unteren Ende seiner Skala und empfindet ihnen gegenĂŒber Desinteresse oder gar Verachtung. Kurz: Was der eine schĂ€tzt und mit Freude erwirbt, dem begegnet der andere mit Abscheu. Demnach sind Produkte immer auch ProjektionsflĂ€che fĂŒr die Wertvorstellungen potentieller KĂ€ufer. Die Ideale des KĂ€ufers werden im Produkt manifest und aus der Abstraktion in die Greifbarkeit ĂŒberfĂŒhrt.

Die Lust und Last des Verpackens

Knapp und vieldeutig wie große Literatur beschreibt Paragraph 1 des Abfallgesetzes das Drama des Verbrauchers , der so hilflos-sorglos in den Produkten und HĂŒllen versinkt, die ihm die Welt bedeuten: “AbfĂ€lle… sind bewegliche Sachen, deren sich der Besitzer entledigen will.” Ein Satz, der Fragen aufwirft und Neugier weckt: Wie ist der Besitzer zu den Sachen gekommen? Warum will er sich ihrer so plötzlich und entschieden entledigen, da er doch der Besitzer ist? Wieso sind die Sachen beweglich? Verfolgen sie ihn gar ? Er will sich entledigen, aber kann er auch? Kann dem Manne (?) geholfen werden?

Der Gesetzgeber scheint skeptisch. Guten Mutes ist dagegen die Umgangssprache und jene Abfallstrategen, die den Volksmund neue Worte lehren: Entsorgung ist das Zauberwort. Wenn man sich der beweglichen Sachen schon nicht entledigen kann, so soll man sich doch immerhin der Sorgen entledigen, die sie einem bereiten. Folglich haben wir gelernt, von Entsorgung zu sprechen, statt von Wegwerfen. Das klingt bedacht und verantwortungsvoll, klingt nach einer bewußten Handlung eines mĂŒndigen BĂŒrgers, ohne daß diese ihm nachhaltig Sorgen zu bereiten hĂ€tte. Das garantiert schon der grĂŒne Punkt, die Lizenz zur unbesorgten Entledigung.
Und so ĂŒbereignen wir tagtĂ€glich – nicht ohne Skrupel, aber mit Routine – die lĂ€stigen Umverpackungen, die Dosen und HochglanzbroschĂŒren den WertstoffsĂ€cken und – tonnen der sogenannten Bring- und Holsysteme – geschmeidige Worte fĂŒr eine Abfallwelt, die immer kreislĂ€ufiger und zwangslĂ€ufiger zu werden droht.
Doch das Unbehagen bleibt. Wer wollte das leugnen. Seit wir mehr wissen ĂŒber das komplizierte Vor- und Nachleben der produzierten GĂŒter, ist der Glaube an die totale Entsorgung erschĂŒttert. Voller Wehmut denken wir an an die gute alte Zeit, als man Geschenke noch zwiebelschalenartig verpacken mochte, voller Vorfreude auf die gespannten Gesichter der Adressaten, als schönes Einwickelpapier von den flinken HĂ€nden sparsamer Hausfrauen noch feierlich geglĂ€ttet, BĂ€nder und Schleifen gebĂŒgelt und sorgsam verwahrt wurden, als im armen Osten noch edle Verpackungen als Wohlstandsreliquien des Westens auf Borden aufgereiht wurden, als das sorgfĂ€ltige Fortwerfen von Abfall in öffentlichen Anlagen allein ein Gebot deutscher Sauberkeit und Ordnung und noch kein Akt globaler Unweltverantwortung war.
Nun wissen wir zwar mehr, wissen, daß Papier besser ist als Plastik, Flasche besser als Dose, Abfallvermeidung besser, als Abfalltrennung. Und jedes Kind hat verstanden, daß wir einpacken können, wenn wir mit dem Verpacken nicht bald innehalten.
Doch die Freude an der Verpackung ist geblieben. Wo also anfangen mit dem Bewußtseinswandel? Bei der unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig schweren Transportverpackung Automobil etwa, mit der sich der Mensch mit immensem Energieaufwand aber doch souverĂ€n durch die Lande bewegt? Bei den mit jeder Sommer- und Wintersaison wechselnden modischen HĂŒllen, mit vielen Umweltgiften und bevorzugt in BilliglohnlĂ€ndern gefertigt? Bei den festtĂ€glichen Geschenkeorgien? Oder gar bei Christos VerhĂŒllung des Berliner Reichstags?

Man mag einwenden, das eine hĂ€tte mit dem anderen nichts zu tun, Auto, Kleidung und Geschenkverpackung seien grundverschiedene Dinge. Dennoch legitimieren sie sich alle ĂŒber den Inhalt, dem sie sich dienend unterordnen sollen, den sie tatsĂ€chlich aber in ihren ökologischen Begleiterscheinungen ĂŒberwuchern. Verpackung ist hĂ€ufig mehr, als der bloße Schutz eines kostbaren Gutes, mehr als Transport- und Lagerhilfe. Sie ist auch ein Kommunikationsmittel, auf das viele kaum verzichten mögen, ob Hersteller und HĂ€ndler, KĂŒnstler und Narzisten, Schenker oder Beschenkte. Vieles lĂ€ĂŸt sich mit der Verpackung zur Botschaft gestalten: Kaufanreiz und Markentreue, Bewunderung und Gebrauchsanweisung und nicht zuletzt eine ganz persönliche Ansprache.

Da in unserer Zivilisation die IdentitĂ€t eines Menschen und seiner Dinge ganz wesentlich von der HĂŒlle bestimmt ist, wird sie niemand sich so leicht entwinden lassen, erst recht nicht, seit die AnsprĂŒche an sie in Zeiten ökologischer Korrektheit anspruchsvoller geworden sind und damit mehr Raum fĂŒr individuelle Gestaltung gegeben ist. Die HĂŒllen sollen nicht fallen, aber sie sollen nach mehr Einklang mit der Natur aussehen, möglichst – in einer Art Mimikry – wie die Natur selbst: Pflanzenfasern, Metall- Holz- und Papierstrukturen stehen auf der Beliebtheitsskala ganz oben – wie einst im Jugenstil. Und wenn das Material der Natur schon so nahe kommt, warum mit den Reizen geizen, warum es nicht so ĂŒppig verwenden, wie Mutter Natur selbst? Immerhin ist es ja wiederverwendbar.

Was aus (vermeintlich) natĂŒrlichen Materialien hergestellt wurde, kann in der Vorstellung vieler kaum mehr Ressourcen und Energien verbraucht haben, als das unschuldige Ernten der FrĂŒchte aus dem Garten Eden. Wer weiß schon die ökologischen Vor- und Nachteile zu bilanzieren, die man mit der Verwendung all jener Materialien eingeht, die den umweltbewußten Ästheten lieb und teuer geworden sind: edle Papiere, unbehandelte Metalle, seltene Hölzer und archaische Textilien, aber auch banales Packpapier und Industriehölzer. Weil sie irgendwie ursprĂŒnglich und ungestaltet erscheinen, bedient man sich ihrer gerne, erwecken sie doch den Eindruck von Einfachheit in einer immer komplizierteren Welt.

Unbemerkt sind wir in eine neue Spirale der Abfallgesellschaft geraten. Verpackungen werden nun zwar in ihrer Problematik erkannt. Aber sie werden auch höher bewertet, als je zuvor. Deshalb widmen ihnen Designer und Formkosmetiker, Marketing- und Werbestrategen eine höhere Aufmerksamkeit denn je. Besser tĂ€ten wir, wenn wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf das lenken wĂŒrden, was – wenn es denn in Form und Funktion gut, das heißt der Umwelt angemessen versorgt ist – nur wenig UmhĂŒllung braucht. Willkommen sind Dinge, die so gut sind, daß sie wenig Verpackung brauchen, und Verpackungen, die so gut sind, daß man sie – wie in alten Zeiten – aufbewahren möchte.

Podcasts: Design + Emotion

Geheimnisse der Markenprodukte

Ob “Abendsonne” von Duschdas, das einen entspannten Abend verheißt oder “Boost” mit dem Axe-Effekt, der die Frauen schwach macht: Viele Duschgels versprechen mehr, als nur den Körper zu reinigen. Prof. Wolfgang Ullrich von der Hochschule fĂŒr Gestaltung Karlsruhe geht im Podcast den Geheimnissen der Inszenierung dieser Markenprodukte auf den Grund.

“Igitt-Igitt” oder “Was soll das denn sein?”

Dass die Objekte der Ausstellung “Design + Emotion” wirklich ungewöhnlich sind, beweist eine Umfrage unter Karlsruher Passanten. Ihre ganz eigenen Interpretationen zu Blumenvase & Co. zeigt der Podcast “Shocking Gags und AugentĂ€uscher”.

“Ich liebe es
.” Design löst GefĂŒhle aus

Was haben ein Schutzengel, eine kabellose Laser-Mouse und ein paar abgetretene Schuhe gemeinsam? Sie sind alle Objekte die GefĂŒhle wecken. Welche Empfindungen sie hervorbringen und an welche Geschichten sie erinnern, erklĂ€ren die Jugendlichen im Podcast.

Pionier des modernen Brandings:

Als professioneller Namensgestalter gehört Manfred Gotta mit seinem Unternehmen “Gotta Brands” zu den fĂŒhrenden, auf die Namensentwicklung spezialisierten Agenturen. Von ihm stammen viele bekannte Wortkreationen darunter auch “Twingo”, “Megaperls” oder “smart”. Wie er diese Namen entwickelt und was einen wirklichen guten Produktamen ausmacht, erklĂ€rt er im dritten Podcast zur Ausstellung “Design + Emotion – Produkte, die GefĂŒhle wecken”.

Das Ohr kauft mit!

Gutes Design geht durch das Ohr! Wer heute ein erfolgreiches Produkt entwickelt, darf sich nicht allein auf die Gestaltung der Ă€ußeren Form und die technische Leistung konzentrieren. Auch der Klang, der „Sound“, muss stimmen. Dieser spielt bei der Beurteilung eines Objektes, neben Haptik und Geruch, eine ĂŒberaus wichtige Rolle. Aus diesem Grund sorgen immer hĂ€ufiger professionelle Sound- oder Akustik-Designer fĂŒr den „richtigen“ Ton von Produkten. Der spezifische Produktklang gibt unter anderem Aufschluss ĂŒber die QualitĂ€t oder ĂŒber das ordnungsgemĂ€ĂŸe Funktionieren. Zum weiten Aufgabenfeld der Klangdesigner gehört die Gestaltung ganz unterschiedlicher GerĂ€uschtypen: das Klacken der AutotĂŒr, das genĂŒssliche Gluckern beim Ausgießen einer Bierflasche, das Knacken beim Biss in den Keks, das appetitanregende GerĂ€usch beim Abziehen eines Joghurtdeckels und vieles andere mehr.

Der Klang eines Produktes kann mindere QualitĂ€t entlarven – beispielsweise durch ein „blechernes“, klapperndes GerĂ€usch – oder ein höherwertiges Material mittels eines „satten“, soliden Klangs simulieren. Bei den auf die GerĂ€teleistung bezogenen BetriebsgerĂ€uschen lassen tiefe Frequenzen Eigenschaften wie „kraftvoll“ assoziieren, wohingegen hohe Frequenzen als „gequĂ€lt“ und eher unangenehm empfunden werden.

DarĂŒber hinaus liefern ProduktgerĂ€usche akustische RĂŒckmeldung ĂŒber das ordnungsgemĂ€ĂŸe Funktionieren der GerĂ€te. Erst wenn der Rasierer deutlich hörbar und markant „prazzelt“, vertrauen wir seiner Leistung; hingegen sollte der eine sanfte Haarentfernung versprechende „Ladyshaver“ leiser klingen und seine Sanftheit damit akustisch unterstreichen. Auch muss ein leistungsstarker Staubsauger oder Automotor eine gewisse LautstĂ€rke besitzen, gemĂ€ĂŸ der Erwartungshaltung: starke Leistung = starkes GerĂ€usch. Hellhörig werden wir beim „Quietschen“ und „Brummen“, denn diese GerĂ€usche suggerieren Verschleiß oder den kurz bevorstehenden GerĂ€teexodus.

Eine deutliche Irritation beim Betrachter lösen lautlose Produkte aus, denn sie lassen ihn im Unklaren darĂŒber, ob das GerĂ€t funktioniert oder in welchem Prozessstadium – beispielsweise das Mahlen oder BrĂŒhen bei einer Kaffeemaschine – es sich gerade befindet. Dies erklĂ€rt auch, warum bei Digitalkameras dem DrĂŒcken des Auslösers ein deutliches GerĂ€usch folgt. Bei herkömmlichen Fotoapparaten lieferte der Verschlussmechanismus einen realen, aus mechanischen Prozessen resultierenden „Klick“, der die erfolgreiche Aufnahme bestĂ€tigte. Bei Digitalkameras wird dieses Klicken mangels mechanischer GerĂ€usche elektronisch erzeugt. Die BegrĂŒndung fĂŒr diese GerĂ€uschsimulation liegt in unserer ĂŒber Jahrzehnte geprĂ€gten Erwartungshaltung: Erst wenn es klickt, hat’s auch funktioniert.

Insbesondere die Automobilbranche betreibt einen hohen Aufwand bei der akustischen Optimierung ihrer Produkte – bis hin zur Patentierung des satten, markenspezifischen Klangs beim Zuschlagen der AutotĂŒr oder dem kĂŒnstlich erzeugten, tief-knurrenden aber zugleich elegant und unaufdringlichen Röhren eines leistungsstarken Sportwagenmotors.

FrĂŒher gab es ausschließlich „natĂŒrliche“ ProduktgerĂ€usche. Sie setzten sich aus einem Zusammenspiel von mechanischen AblĂ€ufen, verwendeten Materialien und dem durch die formale Gestaltung vorgegebenen Resonanzkörper zusammen. Damals durften wir unseren Ohren noch trauen, heute ist jedes GerĂ€usch, bis hin zum Biss in das WĂŒrstchen, perfekt gestylt. 1

QualitÀt kann man hören!

Wie muss ein Haartrockner klingen, damit wir seiner Leistung vertrauen und ihn fĂŒr gut befinden? Machen Sie den Soundcheck! FĂŒnf Klangbeispiele stehen zur Wahl, charakterisiert von Dr. Wolfgang Brey, Chefakustiker der Firma BRAUN. 2

Sehr kraftvoll, aber zu laut. Das GerÀusch charakterisieren vorwiegend tiefe Frequenzen.
Leise, aber kraftlos, geringwertig. Der Hörer assoziiert ein geringes Leistungsvermögen.
Kraftvoll, solide, ausgewogen, harmonisch. Der Hörer assoziiert ein hohes Leistungsvermögen.
Nervig, zischend, unangenehm, lÀstig. Das GerÀusch charakterisieren vorwiegend hohe Frequenzen.
Unangenehm, störend, pfeifend. Dieses GerĂ€usch charakterisiert ein verhaltener tonaler Anteil. Es vermittelt den Eindruck, dass möglicherweise etwas defekt ist und das GerĂ€t nicht mehr ordnungsgemĂ€ĂŸ funktioniert.

Anzeichenfunktionen

Anzeichen sind aus semiotischer Sicht visuelle Distinktionen, die das Vorhandensein einer bestimmten Sachlage, Funktion oder WahrnehmungsqualitĂ€t am jeweiligen Gegenstand anzeigen. FĂŒr BĂŒrdek “beziehen sich Anzeichen immer auf die praktische Funktion der Produkte, d.h., sie visualisieren deren technische Funktionen, sie erlĂ€utern insbesondere deren Handhabung oder Bedienung. Anzeichen verdeutlichen dem Benutzer, wie er mit Produkten umzugehen hat.” (Ders., a.a.O., S. 312) Im Prozess der Prokuktplanung und -getaltung gehört die BerĂŒcksichtigung klar verstĂ€ndlicher Anzeichen zum “klassischen Repertoire” des Designers; sie werden im Rahmen der Gestaltungsabsicht gezielt eingesetzt, damit der Benutzer die praktischen Funktionen des Designobjektes möglichst ungehindert verstehen kann. FĂŒr ihn kommen in Betracht:

  • klar vereinbarte (d.h. erlernte) Zeichen oder konventionelle Symbole, Pfeile etc., aber auch Hinweishilfen wie Wörter, Buchstaben oder Ziffern.
  • kulturell codierte Zeichen oder Symbole, auf die sich der Gestalter berufen kann. Beispielsweise bestimmte Materialeigenschaften (z.B. Gold), Kreisformen oder Quadrate (wie beim Tisch) oder hervorstehende Knöpfe, die auf Dreh- oder Druckmöglichkeiten verweisen (siehe z.B. die Regelung am Herd). Aussparungen oder Mulden im Material deuten an, dass hier ĂŒber Bewegung oder Schieben etwas zu steuern ist. Rillen, Kanten, Vertiefungen, Texturen oder materiale Hervorhebungen entfalten zu Gunsten ihrer Anzeichenfunktionen mit den von ihnen hervorgerufenen Lichtbrechungen, Schlag- und Binnenschatten eine bestimmte Gestaltungswirkung, die Aufmerksamkeit beim Benutzer erzeugt. Die unten gezeigten Objekte illustrieren vielfĂ€ltige Möglichkeiten, wie mit eindeutigen und sparsam eingesetzten Anzeichen die Nutzung gelenkt werden kann.

“Die Wichtigkeit von Anzeichen im Designbereich lĂ€sst sich schon daran sehen, dass z.B. die richtige Bedienung eines Feuerlöschers, einer Notbremse etc. in der Gefahrensituation nur dann funktionieren kann, wenn die Anzeichen fĂŒr die richtige Handhabung eindeutig gestaltet sind.”

Arbeitspapier der HfG Offenbach