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Wirtschaftswunder-Zeit

Im Mai 1945 endet die Nazidiktatur in einem verwüsteten Land. Städte, Verkehrswege und Industriebetriebe lagen in Trümmeren und Millionen Menschen waren entwurzelt, traumatisiert, verwundet oder obdachlos. In jeder Beziehung bilden die ersten Jahre nach Kriegsende bis zur Währungsreform (1948) eine Ausnahmesituation. Es fehlte an allem, der Neubeginn gestaltete sich schwierig. Das Aussehen oder die Gestaltung beliebiger Gebrauchsgegenstände spielt in solchen Notzeiten eine völlig untergeordnete Rolle. Hatte es doch zunächst gegolten einfachste Bedürfnisse zu befriedigen, ein Dach über dem Kopf zu haben, etwas zu essen zu bekommen.»Dem einzelnen ging es um sein Überleben und das seiner Familie. Den meisten Deutschen stand der Sinn nicht nach Reformen, geschweige denn Revolution, sondern danach, das schwer havarierte Schiff wieder flott zu machen, Brot auf dem Tisch, Brennstoff im Ofen, heile Kleider auf dem Leib zu haben.« (Theodor Eschenburg, S. 10) 

Jene häufig in diesem Kontext erwähnte ›Stunde Null‹ ist aus Sicht vieler Historiker problematisch, denn Sieger und Besiegte standen im Kontinuum politischer Rahmenbedingungen: »Als ›Stunde Null‹ wurde das Ende des blutigsten Krieges der bisherigen Geschichte wohl zuerst von Literaten bezeichnet, aber genau ist die Herkunft nicht zu eruieren. Die Metapher ging als populäres Schlagwort in die Umgangssprache und in die Berichterstattung über Kriegsende und Neuanfang ein und hat sich dauerhaft gehalten. Dahinter stand die Vorstellung von der totalen Niederlage als Endpunkt und Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, aber auch von Chancen für einen vollständigen politischen und gesellschaftlichen Neuanfang.« (Christiph Kleßmann) Denn auch nach dieser einschneidenden Zäsur und miesesten Umständen für die Überlebenden ging das Alltagsleben gezwungenermaßen weiter. Bereits der erste Wahlkampf in der neu gegründeten Bundesrepublik 1949 wurde beherrscht von heftigen ideologischen Auseinandersetzungen um die zukünftige Wirtschaftsordnung, in der sich die CDU letztendlich mit ihrem Konzept der »sozialen Marktwirtschaft« gegen alternative Vorstellungen durchsetzen konnte. Diese vor allem durch die Westmächte massiv beeinflusste Entscheidung bildet nach der Befreiung vom Nazireich eine der wichtigsten Voraussetzungen für die ökonomische und politische Konsolidierung des neuen Staates. Für die Designgeschichte st dies von tragender Bedeutung.

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Fiat Nuova 500 (ab 1958)
© Foto Larry Roeder, Lüneburg

Trotz anfänglicher antikapitalistischer Sehnsüchte breiter Bevölkerungsschichten kam es in Konrad Adenauers junger Kanzlerdemokratie zu keiner fundamentalen Neuordnung der Wirtschaft (Ahlener Programm der CDU 1947: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden«), denn weder ließ sich im Westen eine Bodenreform durchsetzen, noch wurde die kriegsbeteiligte Großindustrie entflechtet, das Kreditwesen reformiert oder der Sachwert- und Produktionsmittelbesitz angetastet. Individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit sollten zum »Wohlstand für alle« führen. 

Mit diesem eingeschlagenen Weg einer lediglich restaurierten, nach wie vor tief konservativ geprägten Wirtschaftsordnung wurde sowohl einer eher liberalkapitalistischen als auch einer sozialistischen Planwirtschaft eine klare Absage erteilt. Denn noch während des Krieges waren sich die politisch auf den Kurs der Westmächte eingeschworenen Restaurationskräfte darüber einig, sozialistischen oder kommunistischen Entwicklungen – wie vergleichsweise im sowjetischen Einflussgebiet der späteren DDR – entschlossen entgegen zu treten. Unter diesen demokratisch legitimierten Voraussetzungen wird die Teilung Deutschlands schließlich 1949 besiegelt durch die Gründung zweier wirtschaftlich unterschiedlich verfasster deutscher Staaten. Deren Weiterentwicklungen in ein gelenktes »DDR-Design« und ein vorrangig nach wirtschaftlichen Interessen orientiertes Produktdesign in der Bundesrepublik sind uns bekannt. Niemand konnte damals allerdings verhindern, dass sich das beschönigende Lügengras über alle gesellschaftliche Teilbereiche ausbreitete und beispielsweise die Schuldfrage angesichts der deutschen Verbrechen im Nazireich und Eroberungskrieg verdrängt wurde. Als Grund dafür wird zumeist das in Staat (Verwaltung, Justiz) und Wirtschaft verbliebene alte Personal angeführt. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich attestierte den Deutschen jener Zeit angesichts ihrer Verdrängungsprozesse eine »Unfähigkeit zu trauern«. 

 

Produktkultur nach dem Krieg

Bedingt durch den aufs Deutsche Reich zurückgekehrten Krieg mit seinen grauenhaften Folgen von Bombenkrieg, Zerstörung, Flucht und Vertreibung, kam die Produktion von Gebrauchsgütern in der Nachkriegsphase nur stotternd voran. Noch funktionsfähige Unternehmen versuchten mit ihren verbliebenen Mitteln das Notwendige zur Verfügung zu stellen. Häufig wurden Kriegsprodukte wie Stahlhelme, Alugeschirr des Militärs, Granatenhülsen, Gasmasken oder Feldflaschen umfunktionalisiert, um in nützlichen Gebrauchsgegenständen wie Schöpflöffeln, Kochtöpfen, Sieben, Trichtern oder Teekannen Verwendung zu finden. Aus Uniformen entstanden Jacken und Mäntel. Parallel mit dem von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (1897-1977) vorangetriebenen Konzept der sozialen Marktwirtschaft (»Wohlstand für alle«, 1953, siehe Quelle unten) entsteht durch den riesigen Nachholbedarf ein unerwarteter wirtschaftlicher Aufstieg, der historisch ohnegleichen ist und enorme Wachstumsraten nach sich zieht: »Durchschnittlich 8 % Wirtschaftswachstum, Abbau der Arbeitslosigkeit, Preisstabilität und ein Anstieg der Arbeitnehmereinkommen im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik um circa 80 %. Die von Erhard als Zielsetzung ausgegebene Botschaft „Wohlstand für alle“ schien in absehbarer Zeit erreichbar. Den viel zitierten Ausdruck „Wirtschaftswunder“ lehnte Erhard persönlich jedoch strikt ab. Über die Ursachen des Wirtschaftswunders herrscht in der Fachliteratur kein Konsens, hierzu gibt es viele verschiedene Theorien (Wikipaedia, Stichwort "Wirtschaftswunder"). Unterschiedliche Wirtschaftsauffassungen mit je eigenen Ideologien – wie jene vom Kunden als König – setzen sich durch: Die Produktion müsse sich nach der Nachfrage ausrichten und nicht umgekehrt. Für die Designentwicklung ist vor allem auch die neu entstandene Kaufkraft maßgeblich, weil sie den Konsum von Gebrauchsgütern ankurbelt. Sozialhistoriker neigen zu einer nüchternen Einschätzung: Das, was im Nachhinein gern plakativ als »Wirtschaftswunder« bezeichnet wird, bedeutet vor allem die mit Hilfe der Westallianz geleistete Anpassungsleistung konservativer gesellschaftlicher Kräfte mit ihrer schon vorher vorhandenen Wirtschaftsmacht an die neuen Rahmenbedingungen einer noch jungen Demokratie. Auch staatliche Subventionierungen, günstige Kredite, Investitionsbereitschaft und »Care-Pakete« für die Bevölkerung wären hier anzuführen. 

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Messerschmitt Kabinenroller KR 200, Design Fritz Fend 1956 © Foto Jürgen Wolf

Aus Kriegsgegnern wurden Verbündete.

Der zweifellos höchst willkommene Kapitalsegen aus dem amerikanischen ›Marshall-Plan‹ begünstigte die Produktentwicklung der Bundesrepublik nachhaltig, seine Auswirkungen »erstreckten sich auch früh auf eine Gestaltung des Verbraucherbewusstseins nach dem Leitbild der amerikanischen Konsumkultur.« (Gert Selle) Denn die Bereitschaft der Bevölkerung zur Beseitigung ihrer gewissermaßen selbst hervorgerufenen Trümmer war nach den traumatischen Erfahrungen der Nazi-Diktatur ebenso groß wie ihr Bedürfnis nach friedlichen Zeiten. Hinzu kam der große Bedarf nach qualitätvollen Gütern. Eine durch den Aufschwung gewonnene Kaufkraft spiegelte sich in einer differenzierten Produktpalette. Neben neuen und bereits bekannten Marken etablierten sich viele internationale Unternehmen mit ihren Tochterfirmen erfolgreich in der jungen Bundesrepublik und trugen so zur weiteren Diversifikation bei. Alles, was fortan über den großen Teich aus den USA schwappte, erschien mit seinen elegant gestylten, erfrischend farbigen, oft auch üppigen Formen als neuer kultureller Code zeitgemäß und symbolisierte angesichts der vergleichsweise kargen Entwicklungen im Osten Deutschlands zugleich die Erfolgsgeschichte des modernen »freien Westens«. Die Vorstellungen eines sich ausbreitenden »modern life« in all seinen Facetten lassen sich wohl nur erweitert denken. Sie bezogen sich nicht nur auf Bluejeans, Petticoats, spitze Schuhe oder eine provokative abstrakte Kunst, sondern ebenso auf erfolgreiche Hollywoodfilme, Jazzmusik, Literatur, nonkonforme Umgangsformen, Lucky Strike-Zigaretten und natürlich auch auf die vielen praktischen Alltagsdinge, die nun im Sinne eines schablonenhaft wirkenden Selbstbewusstseins (»wir sind wieder wer«) in die deutschen Haushalte einzogen: Staubsauger, Küchenmaschinen, Kofferradios, Waschautomaten, Kleinwagen, Musiktruhen, Plastikmöbel, Tütenlampen et cetera. Alles Dinge, die geradezu emblematisch diese Phase charakterisieren und mit denen man sich sehen lassen konnte.

Anonym entsteht in Germany auch ein eigenwilliger Volksvertreter jener Zeit, nämlich der oft karikierte deutsche »Nierentisch« mit seiner charakteristischen »floating form«. Vorbild war möglicherweise die menschliche Niere. Im behaglichen Wohnzimmer könnte er an die tropfenförmige »stream-line« einer Coca Cola-Flasche oder die schwebenden »Mobiles« des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder (»Twenty Leaves and an Apple« (1947) erinnern. Der Kunsthistoriker Martin Warnke sieht diese wundersame Tischform augenzwinkernd gegen den Rationalismus des rechten Winkels (Bauhaus) opponieren und ordnet sie dem traditionellen Ensemble biederer Couchecken unter: »Zwischen den rundlichen, pausbäckigen Polstermöbeln bedeutet der leichtfüßige Nierentisch ein Ferment, das ungeregelte, bewegte Linienbeziehungen zwischen den Gruppengliedern einzufädeln suchte. Die Couchecke jener Jahre wollte unaufdringliche Vermittlungsdienste in einem gleitenden Wachsen und Werden leisten. Die Couchecke wurde als eine organische Zelle konzipiert.« (Warnke 1979, S. 683) Designgeschichtlich blieb unser Tisch allerdings ein Sonderling, dessen ästhetische Qualitäten erst viel später im Revival erneut entdeckt wurden. In jüngster Zeit wird er auch von IKEA ins zeitadäquate Wohnambiente gezwängt.  

© Werner Stehr

Quellen:
Michael Schneider: Die Form der frühen Jahre
Wilhelm Wagenfeld: Wesen und Gestalt der Dinge (1948) 
Ludwig Erhard: Der Wille zum Verbrauch (1957)


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Wohnzimmer mit Nierentisch (1956) 
© Foto Ulrike Wallbaum

Harry Bertoia: »Diamond Chair« (1952)
© T.Haas, designwissen.net, 2011

 



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Mixer/Entsafter Firma Bauknecht (1958) 

© Foto Keith D. Jordan

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Vespa Motorroller mit meiner Tante Anneliese (1957) 
© Archiv des Verfassers

Einstelldatum: April 2009