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Das neue Ornament


Ebensowenig wie in der ganzen heutigen Renaissance des Kunstgewerbes kann bei ihrer Ornamentik von” Mode” gesprochen werden; beide sind miteinander durch gleiches Schicksal und durch gleichen Ursprung unlöslich verknüpft. Sie wurden zu derselben Stunde geboren, als die der Logik eigene Schönheit sich enthüllte, und es war der Gedanke, daß die Linien unter einander dieselben logischen und konsequenten Beziehungen haben wie die Zahlen und wie in der Musik die Töne, der mich dazu brachte, nach einer rein abstrakten Ornamentik zu forschen, welche ihre Schönheit aus sich selbst und aus der Harmonie der Konstruktionen und der Regelmäßigkeit und dem Gleichgewicht der Formen, die ein Ornament zusammensetzen, schöpft. Ich habe eine Form der Ornamentik aufstellen wollen, welche der Willkür der Künstlerphantasie nicht mehr frei die Zügel schießen ließ, ebensowenig wie dies einem Ingenieur für die äußere Form einer Lokomotive, einer eisernen Brücke oder einer Halle verstattet wäre. Dieselben Gesetze, welche die Arbeiten des Ingenieurs leiten, leiten auch die Ornamentik, welche ich der Technik hierin gleich machen will. Zur neuen Architektur gehört eine neue Ornamentik. Die Überlegung und die Geschmeidigkeit, welche für jene charakterisisch sind, müssen auch für diese bezeichnend sein.
Zu diesem ausgesprochenen Willen bin ich nicht ohne Herumtasten gelangt. Und ich habe Versuche angestellt, wo die Linie, im wahren Sinne des Worts, einen intellektuellen Ausdruck erhielt, der hinreichend allgemeines besagte.
Aber seither hatte ich ihr wieder ihr eigenes Leben zuerkannt und ihr die Hilfsquellen zurückgegeben, die sie in sich selbst besaß. Ich hatte die Eindringlichkeit der starken Gefühlstöne empfunden, welche man mit Hilfe von Ornamenten hervorrufen kann, deren Struktur auf beabsichtigten und ausdrucksvollen Äußerungen von Freude, Schlaffheit, Heiterkeit, Schutz, Wiegen, Schlummer beruht. Wenngleich ich mich auf kein bestimmtes Äußeres beschränke, so bediene ich mich noch heute dieser Mittel und dieser Ornamentik. Sie ist so wenig naturalistisch wie möglich, und dennoch ist es mir oft begegnet, daß ich, ohne irgend einen anderen Hintergrundgedanken, als durch die Linien und ihre gegenseitigen Beziehungen in Bezug auf Logik, Ergänzung und Ableitung aus drucksvoll zu sein, den unbestimmten Eindruck materieller Dinge hervorrief. Doch war dieser Fall selten und wird es immer mehr.

[…] Alles das ist ausdrücklich so, und der Wille, welcher diese Formenornamentik von den naturalistischen Formen zu entfernen sucht, ist kein unüberlegter. Er ist es nicht in höherem Maße, als der, welcher vorher verlangt hatte, daß die Ornamentik die tausenderlei Dinge sich dienstbar mache, welche die Natur den Augen derer darbot, die mit den Naturgegenständen Kultus trieben.

[…] Bis jetzt waren wir dieser Gefühlsduselei anheimgegeben, welche die Entartung der Ornamentik bis zu einem solchen Grade zur Folge gehabt hat, daß diese nicht mehr die von der Sentimentalität angestrebte Wirkung hervorrufen konnte, sondern wie schwächliche Handwerksmäßigkeit wirkte, die ohne Bewußtsein zu Werke gegangen war und keinen Sinn angestrebt hatte. Die modernen Versuche mit dem Ziel einer abstrakten oder geistigen Ornamentik ließen länger, als es normal gewesen wäre, auf sich warten. […]

Das Ornament wird ein Organ und weigert sich, nur etwas Aufgeklebtes zu sein. Das kommt von den Absichten seines Schöpfers; als er es wählte und jedem anderen vorzog, hat er sich gefragt, welchen Platz es einnehmen, welche Aufgabe es erfüllen, welches Licht es erhalten werde, er hat den Raum bedacht, der ihm zugeteilt ist und die Einflüsse der Linien, welche den Raum einschließen und nur das Element erlauben, dessen Erscheinen sie gefordert haben.
Die Einflüsse, die Richtung dieser Linien haben zur Folge, daß das Ornament herausspringt oder nur furchtsam an einer bestimmten Seite herauskommt, daß es sich an einer anderen oben oder unten im Raum entwickelt und entfaltet.

Autor*in

van de Velde, Henry

Werk

In: Ders.: Die Renaissance im modernen Kunstgewerbe. Berlin 1901

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