Skip to content

WILLIAM MORRIS (1834-1896), Kunsthandwerker, Dichter und Sozialpolitiker, den Präraffaeliten nahestehend, gilt als Erneuerer der künstlerischen Gewerbe im 19. Jahrhundert. In der Formensprache der Gotik sah er die Möglichkeit, einen neuen Dekorationsstil zu finden, im Mittelalter sein Lebensideal schlechthin.
Seine Abneigung gegen Industrie und moderne Technik entsprang einer tiefgehenden Unzufriedenheit mit den sozialen Verhältnissen der Zeit. Gleich seinem Zeitgenossen John Ruskin bekämpfte er Mißstände und Not der kapitalistischen und merkantilistischen Wirtschaftspolitik und stellte in seinen sozialpolitischen Schriften ethische Forderungen auf, die insgesamt dazu verurteilt waren, Utopie zu bleiben. Er gründete 1861 die Firma Morris, Marshall, Faulkner & Co. Die von ihm für ihre Werkstätten entworfenen Möbel, Textilien, Gläser, Tapeten usw. zeichneten sich durch Materialechtheit und handwerkliche Sorgfalt aus. Eine 1891 von ihm eingerichtete Druckerei, die Kelmscott Press, deren Drucktypen er selber zeichnete, ist als Vorbild ähnlicher, aber späterer deutscher Werkstätten für Buchkunst (Steglitzer Werkstatt, Janus-Presse, Bremer Presse u. a.) anzusehen.
Morris war früh selbständig, besaß Vermögen und hatte es nicht nötig, sich wirtschaftlichen oder modischen Forderungen zu beugen. Hingegen war seine Abhängigkeit von mittelalterlichen Vorbildern von Anbeginn groß. […] Schon die Auszeichnungen einer Ausstellung von 1862 wurden ausdrücklich für exactness of imitatio“ mittelalterlicher Kunst gegeben. So ist heute weniger sein eigentliches Werk von Interesse als die Konsequenz, mit der er sich dem kulturellen Niedergang entgegenstellte. Vorwiegend Graphiker und seinem Wesen nach ausgeprägter Individualist, wäre er für die Entwicklung industrieller Gestaltung ohne spezifisches Interesse. Der Umstand jedoch, daß er Qualität forderte, damit ein Beispiel gab und durch seine Haltung weiterwirkte, rückt ihn in eine gewisse Ahnenreihe. Weil er seine soziale Verpflichtung darin sah, die Umwelt zu ändern, statt Bilder zu malen, gab Morris den jüngeren Künstlern den  Anstoß zur Nachfolge auf diesem Weg. Seine ethische Haltung verpflichtete die folgenden Generationen, und so hat das Gesamtwerk von Morris den Jugendstil stark beeinflußt. In der Wiedererweckung und meisterlichen Beherrschung handwerklicher Fertigkeiten […], mit Ruskin den technischen Fortschritt als Quelle allen Übels ablehnend, ein Gegenpol der Industrialisierung, stellt er einen Eckstein der Entwicklung dar. […] Morris’ Werk übte einen beträchtlichen Einfluß auf die Fabrik aus. Allerdings nur mittelbar, denn seine Arbeitsmethoden waren ausschließlich künstlerischer Natur.

Autor

Braun-Feldweg, Wilhelm

Werk

Auszug aus dem gleichnamigen Kap. II vom gleichen Autor (gekürzt) aus: Industrie Design heute. Umwelt aus der Fabrik. Reinbek bei Hamburg 1966, S. 25-26.

Quellen

Weitere Literatur

Verweise

Print Friendly, PDF & Email