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Wie wir leben und wie wir leben könnten

[…] Ich habe davon gesprochen, daß Maschinen freizügig dazu benutzt werden sollten, Menschen von mehr mechanischer und abstoßender, aber notwendiger Arbeit zu befreien.
Nun weiß ich, daß es kultivierte Menschen gibt, Menschen mit künstlerischem Bewußtsein, denen Maschinen besonders widerlich sind. Sie behaupten, solange es Maschinen gäbe, werde man nie eine angenehme Umwelt schaffen können. Ich bin nicht ganz ihrer Meinung. Es ist doch der Umstand, daß wir es Maschinen gestatten, uns zu beherrschen, und sie nicht nur als unsere Diener gebrauchen, der heutzutage der Schönheit des Lebens ins Gesicht schlägt. Mit anderen Worten, es ist dies der Hinweis auf ein schreckliches Verbrechen, das wir unbewußt begehen. Wir mißbrauchen unsere Herrschaft über die Naturkräfte zur Versklavung der Menschen und merken dabei schon gar nicht mehr, wieviel Glück dem menschlichen Leben auf diese Weise entzogen wird.

Zur Beruhigung der Künstler will ich sagen: Ich glaube, daß ein Zustand sozialer Ordnung zuerst zu einer Entwicklung von Maschinen führen würde, die für nützliche Zwecke gebraucht werden könnten, und zwar deshalb, weil die Menschen noch Probleme damit haben werden, wie sie dann die zum Zusammenhalt der Gesellschaft erforderliche Arbeit bewältigen sollen. Nach einer Weile erst werden sie feststellen, daß es gar nicht soviel Arbeit zu tun gibt wie sie erwartet haben. Dann bleibt ihnen Muße, dieses Problem noch einmal zu überdenken. Wenn sie dann zu der Überzeugung kommen sollten, daß sich eine bestimmte Tätigkeit mit größerer Genugtuung für den Arbeiter und mit günstigeren Ergebnissen im Hinblick auf die Qualität der Erzeugnisse besser durch Hand- als durch Maschinenarbeit erledigen läßt, werden sie bestimmt die entsprechenden Maschinen aufgeben. Dann ist es möglich für sie, so vorzugehen. Jetzt ist es nicht möglich. Es steht uns nicht frei, so zu handeln. Wir sind Sklaven der Untiere, die wir geschaffen haben. Ich habe die Hoffnung, daß gerade die Vervollkommnung der Maschinen in einer Gesellschaft, die nicht unbedingt auf Vermehrung der Arbeit, sondern auf Vermehrung des Lebensgenusses aus ist, schließlich zu einer Vereinfachung des Lebens und somit auch zu einer Begrenzung der Zahl der Maschinen führen wird. […]
Dies sind die Lebensbedingungen, die gebildete Menschen zu allen Zeiten als erstrebenswert erachteten. Zu oft aber ist der Mensch, indem er dieses Ziel verfolgte, derart ermattet, dass er sehnsuchtsvoll seinen Blick rückwärts wandte […]

Autor

Morris, William

Werk

Auszug aus dem gleichnamigen Essay im Band „Zeichen der Zeit“ von 1902) Neuauflage 1983, S. 155.

Quellen

Weitere Literatur

Verweise

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