Skip to content

Kunst und Handwerk & Design und Industrie

Kunst und Handwerk (1913)

Jedes Handwerk zeigt, daß ein Mensch es für einen Menschen gemacht hat. Kunst, das ist Menschlichkeit in der Form des guten Handelns, alles übrige ist Sklaverei. Der Unterschied zwischen einem Gegenstand, der von einem Menschen gemacht wurde, und einem, der kommerziell hergestellt ist, ist so ähnlich wie der Unterschied zwischen einem Edelstein und einer Nachahmung. Auf den ersten Blick mag man den Unterschied nicht erkennen, aber wenn man ihn einmal erkannt hat, fühlt man den größeren Wert des Edelsteins ganz genau. Es ist aber trotzdem außerordentlich wichtig, daß auch das kommerzielle Werk anständig gemacht wird, in seiner eigenen Art nämlich.
Obwohl ein Gegenstand, der von der Maschine hergestellt worden ist, niemals im eigentlichen Sinne ein Kunstwerk sein kann, gibt es keinen Grund, warum er nicht in seiner zweitklassigen Art auch gut sein sollte — gut geformt, glatt, stark, angemessen, nützlich: so wie die Maschine selbst. Was die Maschine herstellt, sollte ganz klar zeigen, daß es ein Kind der Maschine ist; die Prätention, die Lüge, mit welcher die meisten Gegenstände, die die Maschine macht, sich darstellen, sie erst macht sie so ekelhaft. Wenn man es richtig versteht, so ist „Design” nicht ein Suchen nach dem Außerordentlichen, sondern das Streben danach, einen Gegenstand so darzustellen, daß er ganz augenscheinlich für seinen Zweck geeignet und wahr ist. Das beste Design ist eines, welches einen Gemeinplatz hervorbringt. (Ein solcher Gemeinplatz mag teuer sein.) Ein gutes Möbel, ein gut gebundenes Buch sollte in seiner Gestalt so endgültig sein wie eine Geige.
Die Kunst des Entwerfens ist die, einen bestehenden Typ in einer einzigen Hinsicht zu verbessern; ein wirklich guter Tisch oder Stuhl oder ein wirklich gutes Buch ist das Ergebnis hoher Zucht.
Eine andere Reaktion gegen das moderne Leben ist die übergroße Verehrung für das Alte, aber dadurch entzieht man dem gegenwärtigen Handwerker die Möglichkeit, die Traditionen seiner Kunst lebendig zu halten. […] Wenn augenblicklich Leute wirklich das Beste haben wollen, das sie haben können, dann sollten sie zu fähigen Leuten gehen, die es ihnen in modernen Formen herstellen.

Design und Industrie (1915)

Während der letzten beiden Generationen hat man in England mehrere Versuche unternommen, mit den neuen Produktionsbedingungen ins Reine zu kommen, welche die Maschinenindustrie umformen und das, was man „Design” nennt, umformen müssen. In dieser Richtung müssen wir gegenwärtig weiterarbeiten, denn fremde Konkurrenten haben unsere Gedanken übernommen, haben sie voll ausgewertet und wenden sie heute gegen uns. Der erste ernsthafte Versuch, Design und moderne Industrie zusammenzubringen, war die große Ausstellung von 1851. Die Gründung des Royal College of Art und des Victoria & Albert Museum haben Einrichtungen ins Leben gerufen, welche seither überall in der Welt nachgeahmt worden sind. Die Arts and Crafts-Bewegung des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts war ebenfalls eine durchaus englische Erscheinung, welche man im Ausland studiert und nachgeahmt hat, während sie sich hier in London in einem hoffnungslosen Kampf befindet. Gewiß, sie hat gelegentliche Auswüchse gezeitigt, sie war zuweilen affektiert; aber ebenso gewiß hat sie eine Menge von Gedanken hervorgebracht, Gedanken, welche in vielen Fällen von unseren ausländischen Rivalen aufgenommen und weiterentwickelt worden sind. Die Schwierigkeit war die: der Designer und der Fabrikant arbeiten völlig getrennt voneinander, und das kaufende Publikum vertritt wieder einen anderen Standpunkt. […]

Autor

Lethaby, Richard William

Werk

Quellen

Auch zit. in: Ästhetik der schönen Genügsamkeit oder Arts & Crafts als Lebensform. Programmatische Texte, erläutert von Gerda Breuer. Bauwelt Fundamente 112. Hrsg. von Conrads, Ulrich u. Neitzke, Peter. Braunschweig/Wiesbaden 1998

Weitere Literatur

Verweise

Print Friendly, PDF & Email