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Design und Mikroelektronik

Angesichts der gegenwärtigen rasanten IT-technologischen Neuerungen bezeichnet der italienische Architekt und Designer Andrea Branzi das vergangene 20. Jahrhundert wehmütig als „das goldene Zeitalter des Objekts“. Seine Nobilitierung dieser Phase des Designs leitet er aus der immensen Vielfalt damaliger Gebrauchsgegenstände ab, die mit ihren immer weiter vorangetriebenen Funktionsdifferenzierungen den Alltag bestimmten.

Jedes entwickelte Ding, sofern es die Unternehmen zuließen, bekam seine Chance: Unzählige Produkte des täglichen Gebrauchs ließen sich außerordentlich erfolgreich veerkaufen und überlebten häufig auf Grund ihrer gewonnenen Idealform. Doch viele wurden aufgrund des permanenten technischen Fortschritts auch von der Entwicklung überholt. Sie verschwanden einfach, wie sie aussahen zeigen nur noch alte Fotos.

Branzis Beobachtungen korrespondieren mit dem Opus magnum des Schweizer Gelehrten Siegfried Giedion, der – mitten im Zweiten Weltkrieg – akribisch genau die goldenen Zeiten als »Die Herrschaft der Mechanisierung« erforschte. Darin legt er brillant dar, wie die mechanische Entwicklung vieler Dinge im vergangenen Jahrhundert mit der Moderne ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte und mit welchem raschen Tempo sie bis in die kleinsten Winkel des Alltagslebens vorgedrungen war. Giedion denkt universell und politisch, als Triebfeder aller Neuerungen gilt für ihn die Fortschrittsidee der kapitalistische Ökonomie, die auf ständigen Absatz und Gewinnmaximierung angewiesen ist. Illustrieren lässt sich dieser historisch einzigartige Entwicklungsprozess an x-beliebigen mechanischen Gegenständen oder an bestimmten Tätigkeiten: Automobilen, Küchengeräten, Büromaschinen, Fotoapparaten et cetera. Aber ebenso auch am stetigen Wandel bestimmter Tätigkeiten wie Fahren, Schreiben, Sitzen, Kochen, Telefonieren oder Musikhören.

Beispielsweise mauserte sich der berühmte 1877 von Edison erfundene Phonograph, noch betrieben mit einer Handkurbel und Tonwalze, im Laufe der Jahrzehnte über diverse mechanische Zwischenstationen motorgetriebener Walzen, Schellackplatten, Magnetbändern oder Compact-Discs zum heute vorzufindenden digitalen Speicherwinzlings eines leistungsfähigen MP3-Players mit einer druckempfindlichen Oberfläche des Click Wheel. […]

[…] Man muss ein wenig Abstand nehmen, um sich den qualitativen Wechsel bewusst zu machen. So wie uns alte Fotos eine verflossene Lebenswelt vor Augen führen, waren die Alltagsgegenstände der mechanischen Zeiten stark und ausdrucksvoll. Sie symbolisierten ihren Gegenwartsbezug wie ein beredter Spiegel technischer Errungenschaften. Ihre Gehäuse besaßen ein typisches Gesicht, das professionell zugeschnitten, für die verhüllten Funktionen und ästhetischen Symbolisierungen gleichermaßen zuständig zu sein schien. Sogar die belanglosesten Dinge waren in Abhängigkeit von ihrer Ingenieurskunst, ihrem “oberflächlichen” Aussehen und ihren manchmal demonstrativ zur Schau getragenen sozialen Markierungen stets mehr als nur ein ästhetisches Phänomen. Gerade die oft hochkomplexen Zeichengefüge des Äußeren schienen geeignet, etwas höchst Banales zum Begehrenswerten zu codieren. Objekte repräsentierten ihre scheinbare Einzigartigkeit damit gewissermaßen aus sich selbst heraus, wie Branzi notiert, „und hatten dabei dem Dogma der Beziehungseinheit Form/Funktion zu entsprechen.“ Wobei geflissentlich übergangen wird, dass bereits zu allen Zeiten Produkte nur mehr oder weniger überlebten, sie meist von Neuersccheinungen gleichsam überholt wurden und einer ständigen Veralterung (Obsoleszenz) in technischer, materialer oder ästhetischer Hinsicht unterlagen. Demzufolge verschwanden die Vorgänger nach ihrem Auftritt oder leisen “Ausdienen” meist ohne größeres Aufsehen von der Bildfläche – oder im Designmuseum.

Seit etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts ändert sich die erwähnte, stets auch fragile „Beziehungseinheit“ zwischen Form und Funktion in bestimmten Produktsektoren gravierend. Ihre tieferen Ursachen gründen im schleichenden Übergang der Industrie- zur Informationsgesellschaft, die sich auch als “Wissensgesellschaft” bezeichnen lässt. Vor allem durch die neu entwickelten Bauteile der Mikroelektronik, zunächst also Transistoren, Widerstände, Kondensatoren oder gedruckte Schaltungen, die wesentlich kleiner und leichter sind als ihre Vorgänger in Gestalt herkömmlicher Röhren oder mechanischer Schaltsysteme, verändern sich die technisch-funktionalen Rahmenbedingungen bestimmter Objekte von Grund auf. Der Mikrochip betritt die Bühne. Die Mikroelektronik wiederum wirkt konstruktiv zurück auf ihre äußere Gestalt, ihr Gewicht, ihren Gebrauch usw. Viele bekannte Dinge (z.B. Kameras, Telefone, Radios et cetera) werden vor allem kleiner, eine um sich greifende “Miniaturisierung” setzt sich durch – bis an die Grenze ergonomischer Gesetzmäßigkeiten. Doch was taugt ein durch diese “Schrumpftechnik” (Jochen Gros) verkleinertes Ding, das sich kaum noch bedienen läßt, weil unsere Hände eben nicht mitschrumpfen? Unser Hinweis auf „bestimmte Objekte“ schränkt die Produktpalette ebenfalls ein, verweist er doch auf ihre Zugehörigkeit zu ganz bestimmten Warensegmenten, in denen die angesprochenen technologischen Neuerungen überhaupt keine Rolle spielen. Denn für eine Vielzahl von konventionellen Gebrauchsdingen, wir denken beispielsweise an Möbel, Küchengeräte oder Blumenvasen, ist die Frage des Einsatzes elektronischer Bauteile ohne jede nutzbringende Bedeutung.

Was darf designgeschichtlich als Hintergrund des angesprochenen tiefen Wandels angesehen werde? Als historische Triebfeder der umwälzenden technologischen Fortschritte dürfen vor allem die Anforderungen der Raumfahrt nach kleinen und leichten Bauelementen (u.a. die Mercury- und Apolloprogramme der USA) gelten, die unmittelbar nach ihrer Entdeckung in die Militärtechnologie einflossen. Paul Virilio wies auf diesen Zusammenhang hin, denn ohnehin gab es keine Trennung zwischen Raumfahrt und Militär – nicht in den Personen, nicht in den Technologien. 1954 hatte William Shockley den ersten Transistor aus Silicium vorgestellt und eröffnete nah der Stanford Universität in Palo Alto (Californien) ein Labor, das als Keimzelle des späteren Silicon Valley gilt. Im gleichen Jahr beginnt auch der Wettstreit um den besseren Halbleiter-Grundstoff: Germanium oder Silicium. Shockley wurde 1956 mit dem Nobelpreis geehrt.

Unbestritten war seine bahnbrechende Erfindung folgenreich für das Produktdesign. “Die technologische Entwicklung war ein ´Sachzwang´, dem man sich schlechterdings nicht entziehen konnte.” (Trappschuh 1997, S.68) Bereits seit den 60er Jahren werden in viele Geräte des täglichen Lebens, wie in Staubsauger, Radios, Fernseher oder Küchengeräte, die viel kleineren, “geschrumpften” Bauteile der Halbleitertechnologie eingebaut, – damit veränderten sich nicht nur die Komponenten, sondern auch die Objekte selbst und schufen damit zugleich einen Freiraum für völlig neue Lösungen. Helga und Hans-Jürgen Lannoch wiesen bereits 1983 auf die innovativen Gestaltungsmöglichkeiten und – gebote hin, “die die Eliminierung konstruktiver Vorgaben durch den kleinen Mikrochip zur Folge hatte, vor allem auf den Wandel vom Volumen zur Fläche. (…) Die Form folgt nicht mehr der elektronischen Funktion.” (Lannoch, S. 28) Die bekannte Miniaturisierung setzt nur noch dort ihre Grenzen, wo das menschliche Maß unterschritten wird. Keineswegs allein in der Unterhaltungsindustrie oder Computertechnologie verfeinerte sich diese Entwicklung zunehmend in die Richtung, – die prinzipiell auch zukünftig eine unbekannte Größe darstellt.

Der ökonomische Vorteil des Einsatzes mikroelektronischer Komponenten ergibt sich nicht lediglich aus der materialen Verkleinerung, sondern ebenso aus der Ersparnis teurer Spezialteile für dedizierte Anwendungsbereiche, bis hin zu kompatiblen, billig und in großer Stückzahl (Economies of Scale) zu produzierenden Bauteilen (Units). Die dann eben auch ergänzend durch „Software“ an ihren jeweiligen Einsatzbereich – durch Programmierung – angepasst werden können. Der Nutzer gerät hierbei in eine kaum auflösbare Abhängigkeit zum Vorteil des Handels oder Service. Inwiefern die Nutzer solcher von allerlei Diensten begleiteten Produkte (Datenpflege, Updates, Inspektionen etc.) dabei in ein undurchschaubares Netz von Abhängigkeiten gegenüber dem Hersteller durch geschickt generierte Serviceleistungen und die Kompliziertheit der Systeme gerät, kann in diesem Rahmen nicht weiter verfolgt werden. Ob sich allerdings die losgelassenen Geister, wie in Goethes berühmtem Zauberlehrling [1] zukünftig noch fesseln lassen, – niemand kann es voraussagen. Unser literarischer Adlatus war bekanntlich anfangs stolz auf sein Können, bis sein magischer Besen unkontrolliert immer mehr Badewasser herbeischaffte und eine bedrohliche Überflutung verursachte. Er allerdings konnte in größter Not noch nach seinem großen Meister rufen…

Autor*in

Stehr, Werner

Quellen

Branzi, Andrea: Der Niedergang des Objekts. In: Ders. (Hrsg.): Was ist Design? Florenz, Mailand 2007, S. 274-278.
Bonsiepe, Gui: interface. Design neu begreifen. Mannheim 1996.
Lannoch, Helga u. Hans-Jürgen in: form, Heft 104, 4/1983.
Selle, Gert: Der Chip. In: Ders.: Design im Alltag. Vom Thonetstuhl zum Mikrochip. Frankfurt/New York 2007, S. 211ff.
Trappschuh, Elke: Neonlicht und Laminate. Seitensprünge ins Banale. In: form spezial 1/1997, S. 68ff.

Verweise

[1] Der Zauberlehrling

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