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Design im Dritten Reich

[…] Zerschlagung der etablierten Verbände und Gleichschaltung

Die Schließung des letzten Bauhauses (Berlin) wurde bereits erwähnt, 1934 wird der Deutsche Werkbund aufgelöst. Die NSDAP schafft das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, zuständig für “alle Aufgaben der geistigen Einwirkung auf die Nation, der Werbung für Staat, Kultur und Wirtschaft, der Unterrichtung der in- und ausländischen Öffentlichkeit über sie und die Verwaltung aller diesen Zwecken dienenden Einrichtungen.” Als Unterorganisation ist die “Reichskammer für bildende Künste” zuständig unter anderem für Architekten und Designer. Mit dieser Reichskammer versuchen die neuen Machthaber politisch belastete und nicht arische Künstler auszuschalten und die verbleibenden ideologisch und künstlerisch zu kontrollieren und gleichzuschalten. […]
Die Frage nach dem Design des Dritten Reiches ist nicht einfach zu beantworten. Mit starken Worten wird die Entwicklung der zwanziger Jahre als “Kulturverfall” und “Kulturbolschewismus” bekämpft. Die Ziele des Designs sind vor allem durch Unschärfe und widersprüchliche Phrasologie gekennzeichnet. Da sollen “kulturell wertvolle, für das Volk erschwingliche” Produkte geschaffen werden”, “ewige Formen” orientiert am “rassebedingten Schönheitsideal” werden propagiert und zur Beurteilung appelliert man an “das gesunde, bodenständige Formgefühl des Volkes.” Der Stil des Nationalsozialismus wird vor allem in der Architektur offizieller Bauten deutlich. Auf Grundlage pseudo-klassischer und klassizistischer Elemente wird eine allen menschlichen Maßstäben entrückte Monumentalität gefördert, garniert mit den Symbolen der neuen Machthaber und einer eher süßlichen, naturalistischen Kunst am Bau. Dem viel beschworenen Volk (“Du bist nichts, Dein Volk ist alles”) wird bäuerliche, handwerksorientierte Schlichtheit verordnet und lediglich eine “organische Verbindung der Grundform mit einem sinnvollen, innerlich notwendigen Schmuck” zugestanden. Damit ist offenbar, wie an den heute noch erhaltenen typisierten Volksgeräten (Volkskühlschrank, Volksempfänger) zu sehen ist, der Reichsadler mit Hakenkreuz gemeint. Dieser vermeintliche Stil für den “Volksgenossen” hat nichts mit dem der Selbstdarstellung des Staates gemein. Es ist eher die Verherrlichung des Spießigen, Kleinbürgerlichen, vermischt mit bäuerlichem Möbelstil. Trotzdem gelingt es noch einigen Entwerfern, die Ideale der Zeit vor dem Nationalsozialismus in Gerät und Geschirr zu realisieren. Vor allem Hermann Gretsch, Wilhelm Wagenfeld und Trude Petri erreichen dies trotz aller Widerstände und Gleichschaltung.
[…] Im industriellen Bereich sind Konflikte dagegen offensichtlich. Die Machthaber des Dritten Reiches können sich keinesfalls eine romantische Rückbesinnung auf handwerkliche Produktionsverfahren leisten. Vielmehr müssen sie die Industrie in kürzester Zeit zu höchster Leistungsfähigkeit bringen, um ihr fatales Ziel zu erreichen, Deutschland bis 1940 zu Autarkie und Kriegsbereitschaft zu führen. Das Regime erkennt den Wert neuer Ergebnisse der Arbeitswissenschaft, vor allem der Arbeitspsychologie und Arbeitsphysiologie für die Steigerung der Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer, und setzt diese massiv ein. Fabrikgebäude werden durch großzügigen Einsatz von Glas lichtdurchlässig gestaltet und man orientiert sich zum Teil durchaus an den funktionellen Vorbildern aus der so geschmähten Bauhauszeit. Der Eindämmung von Lärm und Staub sowie guten Lüftungsverhältnissen wird erhebliche Bedeutung geschenkt. Den psychologischen Hintergrund für die durch Zerschlagung freier Gewerkschaften entrechtete Arbeiterschaft liefern vor allem die “Deutsche Arbeitsfront (DAF)” und das “Amt für Schönheit der Arbeit”.
Die Produkte der Industrie sind, soweit sie nicht für den häuslichen Bereich bestimmt sind, selten typisch für NS-Gestaltungsverordnungen. Man läßt hier der Industrie und der Kontinuität technischer Entwicklungen weitgehend freien Raum, um nicht die Leistungsfähigkeit zu behindern. […] Basierend auf früheren Theorien, die die Natur als Lehrmeister der Technik betrachten, konstruieren die Nationalsozialisten unter Verwendung ihrer rassistisch ideologisierten Biologieauffassung eine Pseudo-Theorie, die in ihrer Unschärfe auf alle Produkte bis hin zum Autobahnbau anwendbar ist.

Autor*in

Lindinger, Herbert

Werk

In: Lindinger, Herbert / Huchthausen, Claus-Henning: Geschichte des Industrial Design. Darmstadt 1978 (Kap. 5, 1933 – 1945), S. 21/22. (mit freundlicher Genehmigung des Autors)

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