Bernd Löbach zum Designprozess

Der Designprozess

Bei der Betrachtung des Designprozesses sind drei Aspekte wichtig. Ausgangspunkt ist der Industrial Designer als kreative Person, die sich in einen kreativen Prozess einlässt, vier verschiedene Phasen durchläuft und bestrebt ist, als kreatives Produkt ein Industrieprodukt mit einer hohen Anzahl von Gebrauchseigenschaften zu entwerfen.

Der Industrial Designer als Kreativer

Die Forderungen der Unternehmensleitung an den Industrial Designer sind vielfältig und wurden zum Teil schon genannt. Vor allem wird von einem Industrial Designer die Fähigkeit erwartet, neue Lösungen für Industrieprodukte zu produzieren. Der Industrial Designer kann somit als Ideenproduzent betrachtet werden, der Informationen zum anstehenden Problem aufnimmt, diese verarbeitet und in brauchbare Problemlösungen überführt. Neben intellektuellen Fähigkeiten, d. h. Fähigkeiten, Informationen zu sammeln und diese in verschiedenen Situationen zu gebrauchen, bedarf es kreativer Fähigkeiten. Wie bei allen kreativen Personen (Künstlern, Wissenschaftlern usw.) äußert sich die Kreativität des Industrial Designers darin, dass er, aufbauend auf Wissen und Erfahrung, gegebene Informationen zu einem Problem zu verknüpfen und neue Beziehungen zwischen diesen herzustellen vermag. Voraussetzung dafür ist, dass bekannte Sachverhalte aus anderen Perspektiven betrachtet werden, die Sicherheit des Bekannten und Bewährten verlassen und das Wagnis eingegangen wird, neue Antworten zu einem Problem zu suchen, die den bekannten Bezugsrahmen erweitern. Die Forderung an den Industrial Designer, originell zu sein, Produkte zu entwerfen, die von den bisher bekannten abweichen, wurde bereits mit dem Zwang zum Neuen begründet, dem viele Hersteller von Industrieprodukten durch die Konkurrenzsituation im Markt unterliegen. Damit der Industrial Designer der Forderung nachkommen kann, originelle Ideen zu einem Problem zu entwickeln und diese im Designprozess in ein Gebrauchsprodukt mit ungewöhnlicher Erscheinung zu überführen, bedarf es verschiedener Voraussetzungen. Das Wissen über einen Sachverhalt oder über ein Problem ist die Voraussetzung, auf der alle Aktivität des Industrial Designers aufbaut. Daher ist es von großer Bedeutung für die angestrebte Problemlösung, alles verfügbare Wissen zu sammeln und auszuwerten. Je vieldimensionaler ein Problem angegangen wird, desto mehr Verknüpfungen sind zwischen den Einzelaspekten möglich, und es erhöht sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, zu neuen Lösungen für Produkte zu gelangen. Um Wissen und Erfahrung im Designprozess anwenden zu können, muss der Industrial Designer über ein gewisses Maß an Neugierde und Wissensdrang verfügen, das sich in der Aufgeschlossenheit der Außenwelt gegenüber zeigt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt aber muss der Industrial Designer beim Entwurf von Industrieprodukten auch für einige Zeit alles Wissen ausklammern können, um durch schöpferisches Handeln neue Einblicke in bekannte Dinge zu gewinnen. Daher gehören zu den Voraussetzungen auch Naivität und Spontaneität. Gerade weil der kreative Industrial Designer jederzeit auf das erarbeitete Wissen zurückgreifen kann, wächst die psychologische Sicherheit, die es ihm ermöglicht, das Wagnis des Ungewissen einzugehen.

Der Designprozess — ein Problemlösungsprozess

Jeder Designprozess ist sowohl ein kreativer Prozess als auch ein Problemlösungsprozess:

  • Ein Problem ist vorhanden und wird entdeckt;
  • Informationen über das Problem werden gesammelt, ausgewertet und kreativ (schöpferisch) verknüpft;
  • es entstehen Problemlösungen, die nach aufgestellten Kriterien beurteilt werden;
  • die geeignetste Lösung wird realisiert z. B. in ein Produkt überführt). Das Spezifische am Designprozess ist (wie bereits erwähnt) die Bemühung des Industrial Designers, durch Entwerfen eines Industrieproduktes mit entsprechenden Eigenschaften eine Problemlösung zu finden, durch deren Gebrauch menschliche Bedürfnisse dauerhaft gedeckt werden können. (…)

Phasen des Designprozesses

Da sich ein Designprozess als äußerst komplexer Vorgang entwickeln kann (abhängig vom Umfang des Problems), erscheint es für dessen Betrachtung nützlich, den Gesamtvorgang in verschiedene Phasen zu gliedern, obwohl diese Phasen im realen Ablauf nie genau begrenzbar sind. Sie sind miteinander verwoben, es gibt ein Vor und Zurück.

1. Phase: Problemanalyse

Problemerkennung

Die Entdeckung eines Problems bildet den Ausgangspunkt und die Motivation für den Designprozess, der dann in seinem Ablauf durch die Art des Problems vorbestimmt ist. Es wäre also die erste Aufgabe des Industrial Designers, Probleme zu erkennen, die mit den Möglichkeiten des Industrial Designs lösbar erscheinen. Bei der heutigen Organisation industrieller Produktion wird dem Industrial Designer aber die Aufgabe der Problemerkennung von der Unternehmensleitung oder den Spezialisten der Markt- und Verbraucherforschung abgenommen. Der Industrial Designer im Unternehmen hat in der Regel wenig Einfluss auf die Aufgabenstellung. Sein Problem besteht darin, für eine gestellte Aufgabe eine Lösung in Produktform zu erarbeiten.

Informationsbeschaffung, Wissensauswertung

Wenn ein Problem als solches erkannt ist und die Absicht besteht, dafür eine Lösung zu erarbeiten, erfolgt die sorgfältige Analyse des Problems. Von seinem Umfang und von der Wichtigkeit seiner Lösung hängt es ab, ob sich die Analyse auf das eigentliche Problem mit seinen Teilaspekten beschränkt oder auch das Problemumfeld mit analysiert wird. In der ersten Phase des Designprozesses, der Problemanalyse, ist es aber in jedem Falle wichtig, alle nur erreichbaren Informationen zu sammeln und für eine Auswertung aufzubereiten. Bedeutend ist dabei die Sammlung von Wissen über das Problem ohne Zensur. Alle Daten können als Basis wichtig sein, auf der die Lösung aufgebaut werden kann. Bei der Lösung eines Problems durch die Entwicklung eines Industrieproduktes sind zahlreiche produktbeeinflussende Faktoren zu analysieren. In einer Bedarfsanalyse müsste überschaubar werden, wie viele Personen an der ins Auge gefassten Problemlösung in Form eines Industrieproduktes interessiert wären. Davon macht die Leitung eines Industrieunternehmens im Hinblick auf den Markterfolg die Entwicklung eines solchen Produktes abhängig. Eng mit der Bedarfsanalyse verknüpft ist die Sozialbezugsanalyse. Hier wird untersucht, welche Beziehungen der mögliche Benutzer mit dem geplanten Produkt eingehen kann, von welchen sozialen Schichten die noch nicht genau bekannte Problemlösung benutzt würde und inwieweit die Problemlösung geeignet wäre, soziales Prestige zu stiften bzw. als Statussymbol zu dienen. In der Umweltbezugsanalyse werden alle denkbaren Wechselbeziehungen zwischen der möglichen Problemlösung und der Umwelt, in der sie benutzt werden wird, aufgezeigt. Dabei handelt es sich um Vorhersagen aller Umstände und Situationen, welchen das Produkt während seiner Lebensdauer ausgesetzt ist. Zum einen werden die Einwirkungen der Umwelt auf das Produkt analysiert (Witterung, Beschmutzung usw.), zum anderen die Einwirkungen des Produktes auf die Umwelt (Signalwirkung, Umweltbelastung usw.). Je nach Problemstellung kann es interessant sein, in einer Analyse die historische Entwicklung eines Produkttyps darzustellen, um daraus eventuelle Schlüsse für eine Neuentwicklung zu ziehen. In einer Marktanalyse werden alle im Markt angebotenen Produkte eines Produkttyps überschaubar gemacht. Sie erhält für ein Unternehmen dann besondere Wichtigkeit, wenn die anstehende Problemlösung dahin zielt, ein vorhandenes Produkt zu verbessern und vom Angebot der Mitbewerber zu differenzieren. Der Vergleich der verschiedenen im Markt angebotenen Produkte erfordert gemeinsame Bezugspunkte, an denen die Produktkritik ansetzen kann. Um solche Bezugspunkte zu schaffen, muss der Industrial Designer das Produkt in seine Eigenschaften strukturieren. Nur wenn alle Einzelheiten bekannt sind, kann das Produkt durchschaut werden, sind Ansatzpunkte für eine Verbesserung gegeben. Daher wird diese Art der Analyse als produktorientiertes Analyseverfahren der Marktforschung (im Gegensatz zu verbraucherorientierten Verfahren) oder als vergleichende Produktanalyse bezeichnet. Solche vergleichenden Produktanalysen sollen Istzustände der bereits vorhandenen Produkte darstellen, ihre Schwächen herausstellen und Sollwerte für die Verbesserung des zu entwickelnden Produktes aufstellen. Zur Durchführung von Produktanalysen gibt es spezielle Verfahren wie z. B. Funktionsanalyse, Strukturanalyse usw.

Eine Funktionsanalyse gibt Auskunft über die technische Funktionsweise eines Produktes. Damit ist die Arbeitsweise eines Produktes gemeint, die auf physikalischen oder chemischen Gesetzen beruht, welche im Gebrauchsvorgang als praktische Funktionen erfahrbar werden. Diese Arbeitsweise eines Produktes kann durch rationale Prüfverfahren wie Messen, Wiegen, Röntgen, Dauerbelastung usw. geprüft werden. Die Funktionsanalyse ist eine Methode zur Strukturierung der technischen Funktionseigenschaften eines Produktes, durch die seine Funktionsqualitäten überschaubar werden. Durch die Funktionsanalyse wird das Produkt in seine Teilfunktionen zerlegt. Das Mittel für die Darstellung ist der »Topographische Baum«. In diesem graphischen Bild werden alle Teilfunktionen und deren Nachbarschaftsbeziehungen in eine logische Rangfolge gebracht. Die Abhängigkeiten der Teileigenschaften werden festgehalten und nach Komplexitätsgraden geordnet. Durch dieses Verfahren werden selbst komplexe Industrieprodukte einer objektiven Beurteilung zugängig gemacht. Dies ist wichtig für die Frage nach den Möglichkeiten der Verbesserung eines Produktes. Ziel der Strukturanalyse ist das Durchschaubarmachen der Baustruktur eines Produktes, das Aufzeigen der strukturellen Komplexität. Aufgrund der Analyse der Baustruktur eines Produktes kann entschieden werden, ob die Anzahl der Bauteile reduziert werden kann, ob Bauteile zu Baugruppen zusammengezogen werden können, kurz, wie die technologische Reife eines Produktes verbessert werden kann.

Innerhalb einer Designproblem-Analyse wird durch die Gestaltanalyse die ästhetische Erscheinung vorhandener Produkte untersucht, um daraus Schlüsse für eine Neugestaltung ziehen zu können. In einer Gestaltanalyse werden alle Gestaltmerkmale eines Produktes aufgezeichnet und mit den Varianten verglichen. Bei umfassender Ausführung kann eine Gestaltanalyse auch Baukasten für formale Detaillösungen des neuen Produktes sein, wenn alle möglichen formalen Lösungen aufgezeichnet werden. In die Gestaltanalyse werden meist auch Farbgebung, Oberflächenausbildung usw. einbezogen. Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, alle Quellen von Informationen näher zu beschreiben und alle Verfahren zu erläutern, mit denen eine Designproblem-Analyse durchgeführt werden kann. Weitere wichtige Aspekte sind bei der Entwicklung von Industrieprodukten die Analysen von verwendeten Materialien und möglichen Herstellungsverfahren; ferner muss geprüft werden, inwieweit mögliche Problemlösungen durch Patente, Bestimmungen und Normen beeinflusst werden. Bei Produkten, die Teil eines Systems sind, wird durch eine Produktsystemanalyse ermittelt, inwieweit eine Wechselbeziehung zwischen den Systemteilen besteht und in welcher Weise diese Tatsache das einzelne Produkt beeinflusst. Art des Vertriebs, Montage des Produktes, Kundendienst und Wartung sind weitere Aspekte, die bei einer anstehenden Problemlösung beachtet werden müssen.

Problemdefinition, Problemklärung, Zieldefinition

Durch die Sammlung allen verfügbaren Wissens und die Vermehrung spezifischen Wissens aufgrund analytischer Verfahren wird allmählich das Problem mit seinem Umfeld überschaubar, und es wird möglich, das Problem umfassend zu definieren. Die Definition des Problems und die Visualisierung aller Sachverhalte sind wichtig, wenn am Designprozess mehrere Personen beteiligt sind. Dies ist bei der Entwicklung und Gestaltung von Industrieprodukten im Industrieunternehmen fast immer der Fall, eine umfassende Problemanalyse und die Darstellung der Fakten sind daher unumgänglich. Ziel der Problemdefinition ist die Offenlegung des Problems, die Verbalisierung und Visualisierung aller Gedanken und analytischen Ergebnisse, die das Problem diskutierbar machen. Durch die Problemdefinition ergibt sich die Problemklärung, wobei alle am Designprozess Beteiligten Einblick in die anstehende Problematik erhalten. Nun ist auch ein Urteil über Wichtigkeit und Unwichtigkeit der Fakten möglich. Alle Ergebnisse der Designproblem-Analyse können nun als Anforderungen an die neue Problemlösung formuliert und mit Wertigkeiten versehen werden. Das Festlegen der Wertigkeiten der produktbeeinflussenden Faktoren kann mit Hilfe eines Verknüpfungsverfahrens geschehen, wie es am Beispiel des Krankenhauskinderbettes praktiziert wurde. Durch vorhergegangene Darstellung der Beeinflussungsfaktoren entstehen die Ziele, die durch die Aktion im kreativen Prozess verwirklicht werden sollen. Problemdefinition und Problemklärung sind neben Zieldefinition die Auslöser des kreativen Entwurfsprozesses.

2. Phase: Problemlösungen

Nachdem in der ersten Phase des Designprozesses das Problem mit seinem Umfeld analysiert wird, werden in der zweiten Phase Problemlösungen produziert. Es ist die Phase der Ideenproduktion durch Rückblick auf die analytischen Ergebnisse und durch Vorausschau auf mögliche Lösungen. Diese Phase der Ideenproduktion ist jene, die bisher am schwierigsten erforschbar war. Es ist die Phase der Intuition, der Eingebung von Ideen aus dem scheinbaren Nichts, die auch als die eigentliche kreative Phase bezeichnet wird. Tiefenpsychologen erklären diesen Vorgang so, dass das Unbewusste im Menschen verschiedene Schichten hat. In der obersten dieser Schichten werden alle möglichen Lösungskonstellationen durchkombiniert. Nur die brauchbaren Kombinationen dringen ins Bewusstsein und werden dort einer Kontrolle unterzogen, die sich auf festgehaltene Kriterien stützt. Als unzusammenhängend angesehene Sachverhalte werden vereint, wobei chaotische Komplexität z. T. in überschaubare einfache Ordnung gebracht werden muss.

Wahl der Problemlösungsmethoden

Für die Produktion von Problemlösungen sind zwei verschiedene Arten des Vorgehens möglich, die aber auch als Mischformen auftreten können: Versuch und Irrtum, Warten auf Inspiration.

Dies sind Lösungswege, die oft von Künstlern bevorzugt werden. Bei der Suche nach Problemlösungen für Gebrauchsprodukte durch den Industrial Designer bietet sich der organisierte Zugang zur Problemlösung an. Beim organisierten Suchen von Problemlösungen können geeignete Methoden gewählt werden, um mit wenig Zeitaufwand gezielt zu dem anstehenden Problem eine brauchbare Lösung zu finden. Beim Beispiel des Krankenhauskinderbettes wurden in Diskussionen alle nur denkbaren Prinziplösungen durchgespielt und die als brauchbar erscheinenden in Form von Ideenskizzen in ein Maßraster gezeichnet. Durch den Einsatz von geeigneten Problemlösungsmethoden kann die Wartezeit auf die Inspiration durch zielgerichtete Aktivität verkürzt und auf jeder Stufe kontrolliert werden.

Ideenproduktion, Problemlösungen

Ideenproduktion ist das Erwägen der verschiedenen Möglichkeiten zur Lösung des anstehenden Problems. Wichtig ist dabei die vorübergehende Trennung von den in der analytischen Phase ermittelten Faktoren, die ins Unbewusste zurückgedr.ngt werden sollten. Dies fällt dem Industrial Designer oft sehr schwer, weil die Problemanalyse meist mit sehr viel Zeitaufwand erstellt wurde und es unsinnig erscheint, in der kreativen Phase all das gesammelte Wissen zu verdrängen. Zu intensives Denken an die Beeinflussungsfaktoren behindert aber den kreativen Vorgang der Ideenproduktion. Wichtig ist, dass in dieser Phase die Lösungen noch wenig bewertet werden. Vorerst muss noch mit einer gewissen Naivität nach weiteren möglichen Lösungen für ein Problem gesucht werden. Die Technik dieser Phase ist die Assoziation von Ideen, die zu immer neuen Gedankenkombinationen führt. Dieser Vorgang kann zwischenzeitlich durch Rückkopplung mit dem analytischen Material immer aufs Neue provoziert werden. Es findet also laufend ein Abstandnehmen und ein Sichnähern statt. In dieser kreativen Phase ist es für den Industrial Designer wichtig, Ideenskizzen oder Hilfsmodelle von allen erdachten Prinziplösungen anzufertigen. Auf diese Art können alle neuen Kombinationen als Alternativen gesammelt und für die Bewertungsphase bereitgestellt werden.

3. Phase: Problemlösungsbewertung

Einsicht in die Lösungen, Selektionsvorgang

Wenn in der Phase der Problemlösungsproduktion alle Ergebnisse überschaubar gemacht, d. h. durch Skizzen oder Hilfsmodelle visualisiert wurden, werden diese nun in der Phase der Problemlösungsbewertung vergleichbar. Es erfolgt die plötzliche Einsicht in die vorliegenden Lösungen. Der Designer hat dann das »Aha-Erlebnis«, bei dem sich das ausgebreitete Ideenmaterial zu einem sinnvollen Ergebnis kristallisieren lässt. Aus den erarbeiteten Alternativen kann nun im Vergleich mit den vorher aufgestellten Sollwerten die brauchbarste Lösung ermittelt werden.

Bewertungsvorgang

Für die Bewertung von Designlösungen ist es wichtig, dass gegen Ende der analytischen Phase des Designprozesses die Anforderungen an das neue Produkt anhand des analytischen Materials festgehalten und diese Fakten mit Wertigkeiten belegt wurden. Nur so kann der Industrial Designer die beste Lösung aus den Alternativentwürfen im Hinblick auf den Benutzer auswählen. Im Industrieunternehmen geschieht dies in der Regel durch alle an der Produktplanung, Produktentwicklung und dem Produktvertrieb beteiligten Bereichsleiter. Auch für die Bewertung von Designlösungen gibt es verschiedene Bewertungs- und Entscheidungsverfahren, die Bernhard E. Bürdek u. a. in seinem Buch (Design: Geschichte, Theorie und Praxis der Produktgestaltung) vorstellt. Für die Bewertung von neuen Industrieprodukten gibt es zwei verschiedene Maßskalen, die sich als Fragen formulieren lassen: Welche Bedeutung hat das neue Produkt für den Benutzer, für bestimmte Benutzergruppen, für die Gesellschaft? Welche Bedeutung hat das neue Produkt für den finanziellen Erfolg des Unternehmens im Markt? Alle Bewertungskriterien sind an diese beiden Dimensionen gebunden, und esist von der Zielsetzung der Produktentwicklung abhängig, wo das Schwergewicht der Entscheidungen liegt.

4. Phase: Problemlösungsrealisation

Der letzte Schritt innerhalb des Designprozesses ist die Konkretisierung der ausgewählten besten Problemlösung. Dabei wird diese nochmals überarbeitet und vervollkommnet. Die für das gestellte Problem beste Lösung in Form eines Industrieproduktes wird in verschiedenen Stufen nun so behandelt, dass ein serienreifer Prototyp entsteht. Konstruktion und struktureller Aufbau des Produktes werden vom Konstrukteur genau fixiert. Der Industrial Designer arbeitet die beste Lösung bis in die Details aus. An einem Gerät werden z.B. Radien und Flächenspannungen aufeinander abgestimmt, Bedienungselemente oder Skalen genau festgelegt. Das Ergebnis ist meist ein Anschauungsmodell mit allen notwendigen Zeichnungen und erarbeiteten Texten. Anhand dieser Unterlagen wird in Industrieunternehmen auf höchster Ebene eine abschließende Lösungsbewertung durchgeführt und entschieden, ob das erarbeitete Ergebnis produziert wird.

Bewertung von Design

Allgemeine Prüfkriterien für Design kann es nicht geben, dazu sind die Produkte und Anforderungen zu unterschiedlich. Zehn Thesen des renommierten Designers und Hochschullehrers Herbert Lindinger finden bei der jährlichen Designerauszeichnung durch die Jury des weit beachteten Industrie Forum Design Hannover e. V, Berücksichtigung und können helfen, für jeweils spezifische Produkte eigene Bewertungsmaßstäbe zu entwickeln.
An beliebigen Produktbeispielen aus unserem Alltag können die verlangten Eigenschaften überprüft, verändert oder ergänzt werden. Die Diskussion in der Lerngruppe, vielleicht im Rahmen eines kleinen Designwettbewerbs “Tops und Flops”, wird neue Einsichten hervorrufen.

Kriterien für eine Designauszeichnung von Industrieprodukten.

Produkte oder Produktsysteme von überragender Designqualität zeichnen sich durch eine Reihe von Eigenschaften aus:

1. Praktischer Nutzen
Hohe Gebrauchstauglichkeit und einwandfreies Funktionieren.

2. Ausreichende Sicherheit
Erfüllung einschlägiger Sicherheitsvorschriften und bestehender Leistungsnormen sowie Berücksichtigung von flüchtigem und unachtsamem Gebrauch (Narrensicherheit). Eliminierung von Verletzungsgefahren beim Bedienen.

3. Lebensdauer und Gültigkeit
Übereinstimmung von ästhetisch und physisch angemessener Lebensdauer.

4. Ergonomische Anpassung
Anpassung des Gegenstandes an die physischen Gegebenheiten der Benutzer (leichte Bedien- und Ablesbarkeit, geeignete Arbeitshöhen, Greifweiten, Komfort, Vermeidung von unnötiger und belastender Ermüdung). Visuelle Störungsfreiheit (Vermeidung von Irritationen, Blendung und visueller Fehlinformation).

5. Technische und formale Eigenständigkeit
Vermeidung von Nachahmungen (Plagiat).

6. Umfeld-Beziehungen
Der Gegenstand soll in Funktion und Gestalt nicht nur für sich, sondern auch in zwischengegenständlicher Beziehung, d. h. in seiner späteren Produkt-Nachbarschaft, sinnvoll sein. Angemessenheit des Aufwands an Formen, Farben, Materialqualitäten in Bezug auf Gebrauch und Stellenwert des Produktes.

7. Umweltfreundlichkeit
Energie- und ressourcenschonend in Herstellung und Gebrauch, abfallarm und recyclinggerecht.

8. Gebrauchsvisualisierung
Die Form des Produktes soll nach Möglichkeit informieren über Funktion und Nutzung des Objektes und seiner Teile, um seine Handhabung zu erleichtern oder um seinem Sinn Ausdruck zu verleihen.

9. Hohe Gestaltungsqualitäten
Überzeugender struktureller Aufbau, Erkennbarkeit des beabsichtigten Gestaltungsprinzips, z. B. bewusste Schalen- oder Skelettbauweise u. ä. Augenscheinliche Beziehung des Ganzen zu seinen Teilen hinsichtlich Formen, Volumen, Maßen, Farben, Materialqualitäten, Produktgrafik, Durchgängigkeit von einmal gewählten Konstruktions- und Gestaltungsprinzipien (formale Konsequenz). Prägnanz und Eindeutigkeit der Gestaltungselemente, z. B. Formüberg.nge, Kontraste von Formen, Farben und Schriften, Proportionen. Ästhetisch sinnvolle Gliederung im Einklang mit Herstellung, Montage, Nutzung und Wartung der Teile. Logik der Form hinsichtlich des verwendeten Materials, des jeweiligen Herstellungsverfahrens und Gebrauchs.

10. Eine sinnlich-geistige Stimulanz
Eine Gesamtwirkung, die den Nutzer animiert, erfreut, seine Sinne stimuliert, dort, wo es sinnvoll ist, seine Neugierde weckt, zum Spielen oder eigenem Gestalten anregt, die Lust an Witz, Ironie oder Verfremdung anspricht. Kurzum eine Form, die zu einer Identifikation führen kann. Je nach Objekt und Branche werden diese Kriterien meist von produktspezifischen ergänzt. Auch ihre Bedeutung bzw. Gewichtung hängt von der Funktion der Objekte ab. Sie wird z. B. bei einer Blumenvase oder einem M.belstück anders ausfallen als bei der Einrichtung einer Intensiv- Station. Zudem sollte betont werden, dass diese Wertmaßstäbe einer langsamen, aber stetigen Veränderung unterliegen. Industrieprodukte entstehen in einem Spannungsfeld zwischen technischem Fortschritt, sozialem Wandel, ökonomischen Gegebenheiten und den Entwicklungen in Künsten, Architektur und Design.

Praktische Funktionen

Als praktische Funktionen gelten alle Relationen zwischen einem Produkt und einem Benutzer, die auf unmittelbar körperlich-organischen, also physiologischen Wirkungen beruhen. Daraus abgeleitet könnte definiert werden:
Praktische Funktionen von Produkten sind alle physiologischen Aspekte des Gebrauchs.
Diese Aussage soll am Beispiel Stuhl verdeutlicht werden. Durch die praktischen Funktionen eines Stuhles wird das physische Bedürfnis des Benutzers befriedigt, dem Körper eine Position zu ermöglichen, die der physiologischen Ermüdung weitgehend vorbeugt. Hier einige praktische Funktionen eines Stuhles, welche durch die gleichzeitige Erfahrbarkeit die Befriedigung dieses Bedürfnisses ermöglichen:
Die Sitzfläche nimmt das Körpergewicht des Benutzers auf. Der Effekt der kalten Fü.e, der durch Druckbelastung der Oberschenkel und mangelnde Durchblutung der Beine entsteht, wird durch eine starke Abrundung der vorderen Sitzkante weitgehend verhindert. Die Rückenlehne stützt die Wirbelsäule und entlastet die Rückenmuskulatur. Sitzfläche und Rückenlehne gemeinsam erlauben, dass durch die Entlastung der Bein- und Rückenmuskulatur der Blutkreislauf sinkt, Energie eingespart wird. Eine ausreichende Sitzbreite erlaubt Bewegungsfreiheit und Veränderung der Sitzposition, zwei Aspekte, die ein frühzeitiges Ermüden des Gesäßes verhindern. Die Armlehnen stützen die Arme und ermöglichen eine aufrechte Sitzhaltung. Eine Polsterung der Sitz- und Rückenfl.che ermöglicht Belüftung der belasteten Körperpartien, dadurch wird starke Schweißbildung an diesen Stellen verhindert. Bei der Entwicklung von Industrieprodukten haben die physiologischen Aspekte der menschlichen Existenz besondere Bedeutung. Wichtigstes Ziel der Produktentwicklung ist es, die Produkte mit praktischen Funktionen auszustatten, damit durch den Gebrauch der Produkte die physischen Bedürfnisse gedeckt werden können. Die praktischen Funktionen der Produkte stellen also die grundlegenden Existenzbedingungen des Menschen sicher, erhalten die physische Gesundheit im Gebrauchsvorgang.

Nun haben aber alle materiellen, gegenständlichen Produkte unserer Umwelt eine Erscheinungsform, die durch den menschlichen Wahrnehmungsvorgang erfahrbar wird und auf unsere Psyche wirkt. Daher ist es für die psychische Gesundheit des Menschen von entscheidender Wichtigkeit, dass diese gegenständliche, künstlich erzeugte Umwelt den menschlichen Wahrnehmungsbedingungen entsprechend optimiert wird, damit sich der Benutzer von Industrieprodukten z. B. mit diesen identifizieren, damit er sie psychisch besetzen kann. Der sinnliche Gebrauch der Industrieprodukte (Gebrauch mit den Sinnen, vorwiegend visueller, haptischer und akustischer Gebrauch!) wird durch die ästhetische Funktion der Produkte ermöglicht.

Industrieprodukte als Symbole

… Ein Symbol ist ein Bedeutungsträger, ein sichtbares Zeichen, welches meist für nicht direkt wahrnehmbare Zusammenhänge steht. Dabei kann das Symbol einmal ein Gebilde sein, dem von einer bestimmten Gruppe von Menschen ein besonderer Sinn verliehen wurde. Diese Symbole werden als künstliche Symbole bezeichnet, weil sie auf Konventionen beruhen. Zum anderen kann ein Symbol für einen Menschen eine individuelle Bedeutung haben, die dem Mitmenschen nicht verständlich ist. Diese werden als natürliche Symbole bezeichnet, weil deren Wirkung durch individuelle assoziative Verknüpfungen von Phänomenen zustande kommt. Auch unsere Industrieprodukte mit vorwiegend praktischen Funktionen haben unvermeidlich symbolische Funktionen, die, wie schon festgestellt wurde, in hohem Maße durch ästhetische Dimensionen der Produktgestalt beeinflusst sind. Industrieprodukte als Symbole verdeutlichen nicht den Wert, sondern den Stellenwert des Menschen in Bezug auf die gesellschaftliche Ordnung. Diese Symbole ordnen in einer anonym gewordenen Gesellschaft die Beziehungen der Menschen zueinander, sie sind die Zeichen für das Verhalten. Der Mann im schnellen Auto signalisiert durch die visuelle Erscheinung des Fahrzeugs, dass der andere zu weichen hat. Die Produkte als Symbole müssen zudem Auskunft geben, ob der nicht mehr persönlich bekannte andere oberhalb, unterhalb oder auf der gleichen gesellschaftlichen Ebene steht.

Statusprodukte

Industrieprodukte, die für eine soziale Schicht von Benutzern typisch sind, können diese Schicht symbolisieren, werden zum Symbol des sozialen Status. Das Industrieprodukt wird dann zum Bedeutungsträger, der etwas über die Lebensgewohnheiten derer aussagt, die sich mit dem Produkt identifizieren und es benutzen. Es kann eine Aussage machen über Art des Berufes, Höhe des Einkommens, Stand der Bildung usw. Statusprodukte sind also solche Produkte, die die gesellschaftliche Stellung des Benutzers oder sein Streben danach anzeigen. Hierbei wäre die schon angesprochene Identität der Lebensform der Menschen mit der Erscheinungsform der Produkte gegeben. Die Produkte entsprechen dabei genau der Art der Bedürfnisbefriedigung, die durch statusbildende Faktoren beeinflusst wird. Die Produkte, die vorwiegend von Angehörigen der Oberschicht benutzt werden, unterscheiden sich häufig von den Produkten der Mittel- und Unterschicht.
… Ein Industrieprodukt wird erst dann Symbol eines sozialen Status, wenn es für die übrigen Gesellschaftsmitglieder wahrnehmbar ist. In besonderer Weise sind Industrieprodukte als Statussymbole geeignet, wenn sich der Besitzer mit ihnen zusammen in der Öffentlichkeit zeigen kann. Das Automobil ist daher eines der geeignetsten Produkte, um die gesellschaftliche Stellung des Besitzers anzuzeigen. Produkte, die vorwiegend im Privatbereich benutzt werden, haben eine geringere Öffentlichkeitswirkung und ermöglichen die Demonstration des eigenen Status nur im Bekanntenkreis. Ein Statusprodukt kann auch ohne den Besitzer wirksam werden, wie z. B. das Schwimmbad hinter dem Bungalow. Gesellschaftliche Normen schreiben den Angehörigen einer Gruppe oft den Besitz bestimmter Produkte (als Statussymbole) vor, z. B. muss das Mitglied eines exklusiven Reitclubs entsprechende Kleidung tragen und ein eigenes Pferd besitzen. Wer diese Normen nicht beachtet, kann mit Sanktionen rechnen, die bis zum Ausschluss aus der Gruppe führen können. Mitglieder einer sozialen Schicht entwickeln durch den Gebrauch gleicher Produkte oft eine Solidarität, die sich z. B. darin äußert, dass sich zwei Personen lediglich grü.en, weil sie den gleichen Autotyp fahren. Der Besitz des gleichen Produktes symbolisiert ihnen den gleichen sozialen Status und erzeugt eine Verbundenheit. Als Statussymbole können Industrieprodukte betrachtet werden, die den echten Bedürfnissen von Benutzergruppen entsprechen und deren Erscheinungsform der Lebensform, d. h. der Art der Bedürfnisbefriedigung entspricht. Der echte soziale Status wird dabei durch das Industrieprodukt repräsentiert (auch Repräsentationsprodukt), das beim Mitmenschen ein Prestige, ein Ansehen, welches mit dem Status identisch ist, erzeugt.

Prestigeprodukte

Statusprodukt und Prestigeprodukt scheinen zwei verschiedene Begriffe für ein und dasselbe Phänomen zu sein. Wenn durch den Gebrauch eines Produktes der wirkliche Status des Benutzers angezeigt wird, symbolisiert dasselbe Produkt beim Betrachter gleichzeitig Ansehen, Prestige. Für Benutzer und außenstehende Betrachter ist in diesem Fall dasselbe Produkt gleichzeitig Statusprodukt und Prestigeprodukt. Nun besteht aber z. B. für den Angehörigen einer unteren Schicht die Möglichkeit, durch das Benutzen von Statusprodukten einer höheren sozialen Schicht den Anschein zu erwecken, als gehöre er zu dieser Schicht. Dadurch erhält ein Produkt, welches den Status einer Schicht anzeigt, im Gebrauchsvorgang durch den Angehörigen einer unteren Schicht die Funktion, dessen Prestige zu heben. Aus dem Statusprodukt der oberen Schicht wird das Prestigeprodukt der unteren Schicht. Ein Prestigeprodukt ist also ein Produkt, mit dem ein Wunschstatus symbolisiert werden kann. Es kann also festgehalten werden: Hat ein Produkt primär die Aufgabe, einen vorhandenen Status zu repräsentieren, bietet sich die Verwendung des Begriffs Statusprodukt an. Wenn ein Industrieprodukt aber vorwiegend die Aufgabe hat, ein Ansehen zu prägen, welches mit dem eigentlichen Status nicht identisch ist – z. B. einen höheren Status vorzutäuschen –, dann wäre es sinnvoll, den Begriff Prestigeprodukt zu verwenden.

Es besteht natürlich auch für den Angehörigen einer höheren Schicht die Möglichkeit, durch den Gebrauch von Statusprodukten einer tieferen Schicht den Anschein zu erwecken, als gehöre er zu dieser. Solches Verhalten wird in unserem Sprachgebrauch als Tiefstapeln bezeichnet. Meist spielen jedoch Prestigeprodukte im sozialen Aufstieg eine wichtige Rolle, weil deren Besitz der erste konstituierende Faktor eines höheren Status sein kann. Das Benutzen der Statussymbole einer höheren Schicht alleine führt allerdings noch nicht zu einem Wechsel in diese Schicht… Die Bedeutung von Statusprodukten in der Verwendung als Prestigeprodukte wird in ihrer Wirkung abnehmen, sobald sich der Käuferkreis erheblich über die ehemalige Bezugsgruppe hinaus ausweitet. Die Wirkung des Produktes kann dann sogar ins Negative umschlagen. Die Reaktion der Besitzer eines höheren Status, die sich ihrer Statusprodukte beraubt sehen, kann sich dann so entwickeln, dass sich diese Gruppe neuen, unverbrauchten, bis dahin seltenen Produkten zuwendet.

Designfunktionen

Funktionen – Welche Aufgaben erfüllt ein Produkt?

Was Design bedeutet ist je nach Blickwinkel unterschiedlich. Der Designer [1] möchte über das ökonomische Interesse hinaus ein Produkt mit möglichst kreativer Freiheit gestalten, seine Designaufgabe optimal erfüllen und seine Kreation am Ende in den Verkaufsregalen sehen. Für den Produzenten sollen Produkte Kaufbereitschaft erzeugen und den Absatz steigern. Dabei ist die Unterscheidung von der Konkurrenz essentiell. Das Design der Produktpalette muss dazu so gestaltet sein, dass es das Markenimage unterstützt bzw. profiliert. Idealerweise sollen Produkte im Unternehmen weitere Rationalisierung ermöglichen und so entworfen sein, dass sie Ressourcen schonen. Designer und Produzenten sind sich darüber im Klaren, dass die Form eines Objektes eine entscheidende Rolle spielt. Jenseits von Funktionen wird sie zuerst wahrgenommen. Noch bevor sich die Benutzbarkeit des Produktes erweisen kann, entsteht durch die visuelle Wahrnehmung der Form eine emotionale Wirkung. Sie spricht an – oder nicht. Der potentielle Käufer erhält ein ästhetisches Versprechen, das er erst im zweiten Schritt, manchmal sogar erst nach dem Kauf, praktisch überprüfen kann.

Die Gebraucherperspektive

Für jeden Benutzer haben Gegenstände hochkomplexe Bedeutungen. Neue Produkte beispielsweise sollen zu vertrauten passen und sich in den Lebensstil der Benutzer einfügen. Mit Hilfe der Dinge wird Ordnung [2] geschaffen, sie verbessern den Gebrauchsnutzen und ermöglichen die Identifikation mit sozialen Milieus und gesellschaftlichen Idealen1. Dementsprechend beinhaltet ein Gegenstand ein ganzes Bündel an Funktionen, von der praktischen Funktion des Gebrauchs bis zur symbolischen Funktion des Prestiges. Dieses komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Gegenstand lässt sich grob in rationale und emotionale Aspekte [3] teilen, die sich meistens überschneiden. Da sie nicht voneinander zu trennen sind, muss man sie als gleichwertig anerkennen. Selbst ein so simpler Gegenstand wie ein Weinflaschen-Korken beinhaltet rationale und emotionale Funktionen. Über die praktische Funktion des Verschlusses hinaus bietet der Korken sinnliches Erleben und soziale Botschaft. Ist der Korken aus Plastik? Aus Korkschnipseln? Aus Vollkorken? Weinkenner schließen vom Material des Verschlusses auf die Qualität der Weine eines Gastgebers und dementsprechend auf den Wert, den dieser dem Ritual Wein trinken beimisst.

Bei manchen Produkten steht sein Zweck nur scheinbar im Vordergrund. Tatsächlich geht es um die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse. Armbanduhren etwa weisen nicht selten technische Funktionen und Merkmale auf, die eher im Hinblick auf den emotionalen Nutzen hin kreiert wurden (z.B. Mondphasenanzeige, extreme Ganggenauigkeit, Wasserdruckresistenz, hoch komplizierte Mechanik). Je komplexer ein Produkt aufgebaut ist, desto verwischter sind seine einzelnen Funktionen. Ein Auto besteht aus vielen verschiedenen Einzelkomponenten wie Bremsen, Lenkrad, Polsterung, Markenemblem, Verriegelung etc. Jeder Bestandteil hat einen anderen Schwerpunkt im rational-emotionalen Funktionsgefüge. Fahrzeugbremsen sollen in erster Linie technisch einwandfrei funktionieren, während das Markenemblem primär symbolische Aussagekraft hat.
Am Beispiel von Produkten des Schreibgeräteherstellers Lamy werden die einzelnen Designfunktionen im Folgenden auf ihren Nutzen für den Gebraucher hin beleuchtet.
Lamys Produkte gliedern sich heute in Schreibgeräte für Kinder und Jugendliche und in solche für Erwachsene. Lamy-Käufer finden sich hauptsächlich unter den modern eingestellten Anhängern klarer Formen. Sie verfügen über ein mittleres bis hohes Einkommen und haben ein Faible für technische Innovationen und Understatement.

RATIONALE FUNKTONEN

Rationale Funktionen lassen sich im Gegensatz zu emotionalen Funktionen präzise benennen und beschreiben. Hier geht es pragmatisch um Benutzung und Ökonomie aus der Sicht des Gebrauchers.

Technisch-praktische Funktionen (Benutzen)

Handhabbarkeit, Haltbarkeit, Zuverlässigkeit, Sicherheit, Technische Qualität, Ergonomie und ökologischer Wert2 – Wird ein Produkt als „funktional“ bezeichnet meint man damit meist, dass es die Kriterien der technisch-praktischen Funktionen [4] erfüllt.
Ein solch funktionales Gerät ist der Schreiblern-Füller „Lamy ABC“. 1987 fand das Schreibgeräteunternehmen, dass es bislang keinen wirklich kindgerechten Einstiegsfüller für ABC-Schützen gab. Im Entstehungsprozess von Pädagogen begleitet entwickelte Lamy daraufhin ein „Schreiblernsystem“. Es besteht aus einen Bleiminenstift mit robuster Mine, der den Übergang vom Buntstift zum Füller ebnen soll. Nach dieser Vorbereitung können Schulanfänger unkompliziert auf den LamySchreiblernfüller ABC umsteigen, nicht zuletzt, weil er in derselben Form gestaltet wurde. Diese besteht aus Holzschaft und robuster Kunststoffkappe, die in Material und Farbe an Spielzeug erinnern soll. Würfelförmige Abschlüsse dienen als Wegrollbremsen. Ergonomische Griffstücke bieten der Kinderhand Halt. Die funktionale Gestaltung des „ABC-Schreiblernsystems“ brachte Lamy bis 2002 eine sehr hohe Marktdurchdringung.

Wirtschaftliche Funktionen (Besitzen)

Dieser Komplex dreht sich um Fragen wie: Wie hoch ist der Kaufpreis des Produktes, wie ist das Preis- / Leistungsverhältnis, was kostet der Unterhalt des Produktes, wie hoch ist der Wiederverkaufswert?

EMOTIONALE FUNKTIONEN

Lassen sich rationale Funktionen relativ klar benennen, sind die emotionalen Funktionen eines Produktes sehr viel schwerer zu fassen. Sie sind subjektiv, amorph und bieten breiten Spielraum für Interpretationen. Prinzipiell kann jeder Gegenstand aus vielfältigen Gründen für einen Menschen bedeutungsvoll sein. Dieser selektiert aus der Flut der Produkte, nicht nur, was er praktisch braucht, sondern was für ihn auch emotional „brauchbar“ ist. Kurz, was ihm ein gutes Gefühl gibt. Für andere ist seine Wahl womöglich abwegig. Die uralte Diskussion um ästhetische oder soziale Bewertungen, wie z.B. schön oder hässlich, geschmackvoll oder vulgär, erwächst nicht aus rationalen Funktionen; sondern aus dem unterschiedlichen individuellen Pool emotionaler Bedeutungen.

Ästhetische Funktionen (Ansehen)

Die Gestalt [5] eines Produktes hat eine ganz besondere Bedeutung. Gefällt uns die Form nicht, werden wir dem Produkt kaum Chance geben, auch wenn es noch so praktisch ist. Die Form mit ihren Gestaltelementen [6] gibt visuelle Hinweise auf die Funktion. Formen sprechen uns aber vor allem emotional an. Sie können unser rationales Urteilsvermögen benebeln, sie können uns aber auch veranlassen, bewusst Abstriche bei den rationalen Funktionen hinzunehmen.

Form, [7] Farbe, [8] Material [9] und Oberfläche [10] sind die Faktoren, die die Gestalt eines Produktes bestimmen. Oft wird Form synonym für die Gestalt, das Aussehen benutzt. Auch der griffige Leitsatz „Die Form folgt der Funktion“ meint eigentlich, dass die Ästhetik dem praktischen Zweck folgt. Denn auch Farbe, Material und Oberfläche sind je nach geplanter Verwendung mit Bedacht gewählt, z.B. Warnfarben oder solche, die sich unauffällig in ein Ambiente einfügen sollen. Soll Luftwiderstand verringert werden, wird man glatte statt raue Materialien verwenden. Geht es darum, Gewicht zu sparen, z.B. bei einem Rucksack, wird dies Einfluss auf die Materialwahl haben. Die wiederum beeinflusst die gesamte Formgebung, von der Haptik über verarbeitungsbedingte Formdetails (z.B. Versteifungen) bis hin zur Farbgebung („leichte“ Farben oder „schwere“, die trotz Leichtigkeit Robustheit suggerieren sollen).

Die ästhetische Beurteilung von Produkten ist abhängig von verschiedensten Faktoren: von den ästhetischen Vorlieben der sozialen Schicht, Nationalität, dem Geschlecht und Alter. Und von Gewöhnung. Wir neigen dazu, alles was wir sehen, sofort zu bewerten. Darunter versteht allerdings jeder etwas anderes.

– Soziale Konditionierung: Der französische Soziologe Pierre Bourdieu belegte Ende der 60er Jahre mit Hilfe empirischer Untersuchungen, dass Kultur ein Unterscheidungsmerkmal für soziale Differenzen darstellt, dessen Mechanismen unbewusst bleiben3. Demnach ist Geschmack das Ergebnis sozialer Konditionierung und damit abhängig von der jeweiligen sozialen Schicht, in der Menschen aufwachsen.

– Nationalitäten: Bekanntermaßen gibt es in anderen Ländern andere Geschmacksvorlieben. Das Schreiben mit dem Füller etwa ist in südeuropäischen Ländern eher als in Deutschland mit einem Design verbunden, das an traditionelle Schreibgeräte in Schwarz mit goldfarbenem Dekor und Goldfeder erinnert.

– Alter und Geschlecht: In jungen Jahren liebt man es eher bunter, in zunehmendem Alter mag man es dezent. Jeder kann solche Geschmackstendenzen in seinem Bekanntenkreis beobachten. Ebenso, dass Frauen nicht selten andere ästhetische Vorlieben haben als Männer.

– Gewöhnung: Die Ästhetik eines Produktes kann bei seiner Markteinführung so ungewohnt sein, dass die Neuheit erst einmal floppt. Als das Mikroauto „Smart“ 1994 eingeführt wurde, sorgte es mit seinem unkonventionellen und bunten Design für viel Aufsehen, jedoch für keinen kommerziellen Erfolg. Wegen der geringen Nachfrage mussten die Verkaufserwartungen immer weiter reduziert werden. Das Management erwog schließlich sogar die Einstellung der „Smart“-Produktion. Heute erfreut sich der Zweisitzer wachsender Beliebtheit. Er ist auch ästhetisch längst angenommen. Allerdings erleichterte das Unternehmen die Kaufentscheidung durch Preisreduzierung und vielseitigere Ausstattungsmöglichkeiten, z.B. eine dezente Farbpalette, die es bei der Markteinführung nicht gab.

Symbolische Funktionen (Zeigen)

Symbolische Funktionen [11] von Designobjekten beziehen sich auf den Menschen als Besitzer der Dinge und geben ihnen verschlüsselte Bedeutungen. Durch die Wahl seines Besitzes oder auch dadurch, welche Dinge er nicht besitzt, gibt der Mensch anderen fortwährend Zeichen, [12] die diese entschlüsseln. Auf der kulturellen Ebene verschreibt er sich bestimmten Traditionen und Ritualen (z.B. Art des Essens und Tischsitten). Auf sozialer Ebene geht es um Gruppenzugehörigkeit und um Status, und auf individueller Ebene um die Gefühlsbindung an Objekte. Design ist gewissermaßen eine von mehreren möglichen Sprachen, die über verschiedenste Lebensstile und –auffassungen Auskunft gegen können. Klare, sachliche Gestaltung zum Beispiel steht für Aufgeschlossenheit, Modernität und Fortschritt. Sie ist Zeichen eines Lebensgefühls, dem sein Besitzer Ausdruck verleiht. Diese Zeichen werden von den Mitmenschen entsprechend ihrer Erfahrungen interpretiert. Ändert sich das Lebensgefühl durch individuelle Faktoren (z.B. beruflicher Aufstieg) oder gesellschaftliche Veränderungen (z.B. wirtschaftliche oder politische Krisen), kann es dazu kommen, dass derjenige, der noch zuvor Puristisches bevorzugte, sich nun in eine andere ästhetische Richtung bewegt, sein Geschmack zum Beispiel experimenteller oder konservativer wird.

Symbolisch-soziale Funktion:

1966 brachte das kleine Familienunternehmen Lamy den „Lamy 2000“ heraus, ein Füller mit technischen Neuheiten. Innovativ die Materialkombination aus mattem Kunststoff plus gebürsteten Edelstahl. Der ganz aus Edelstahl gefertigte Clip war federgelagert, auch das ein technisches Novum. Im Vergleich zu damaligen Füllern fiel der „Lamy 2000“ jedoch vor allem durch sein ungewöhnlich schlichtes und kühles Design auf. Marktuntersuchungen ergaben, dass besonders Männer mittleren Alters mit Sinn für Understatement die klare Spindelform als Zeichen ihrer modernen und fortschrittlichen Lebensauffassung schätzten. Lamy hatte mit dem klaren Design seines neuen Produktes eine ästhetische wie symbolische Lücke geschlossen, denn Unternehmenschef Manfred Lamy hatte erkannt: „Produkte müssen sich auch eignen zur sozialen Identifikation und Kommunikation. Damit werden sie zu Symbolen der Selbstdarstellung – der realen und der vortäuschenden – und zu Erkennungszeichen der erwünschten sozialen Einstufung.“ Damit verweist Lamy auf das bei jedem Menschen mehr oder weniger bewusste Bedürfnis, innerhalb seiner Gruppe (Familie, Freunde, Geschäftspartner) anerkannt zu sein. Gruppenzugehörigkeit kann durch für die Gruppe typische Produkte symbolisiert werden (Statusprodukte). Außerdem tendiert der Mensch dazu, sich mit Produkten der nächst höheren Schicht zu umgeben (Prestigeprodukte). In den unterschiedlichen sozialen Gruppen geht die Meinung allerdings darüber auseinander, was prestigeträchtig ist (siehe Pierre Bourdieu). Die einen beurteilen z.B. diamantbesetzte Füllfederhalter mit üppigem Golddekor als vornehmkostbar und konservativ, andere wiederum als protzig-vulgär.

Symbolisch-kulturelle Funktion:

Mit dem was er besitzt und benutzt, ordnet sich der Mensch bewusst und unbewusst als kulturelles Wesen ein und dokumentiert gleichzeitig den jeweiligen Zeitgeist. Im Zuge der wachsenden Computerisierung beispielsweise wurde vor einigen Jahren das Schreiben mit dem Füller wieder entdeckt, vielleicht weil man befürchtete, das Jahrhunderte alte, handschriftliche Schreiben mit seinem individuellen Ausdruck würde mit der modernen Datenverarbeitung untergehen. Mit Füllern im traditionellen Design, oft federartig verlängert und mit Breitbandfeder, wiesen ihre Besitzer besonders deutlich auf ihr Traditionsbewusstsein über das kulturelle Erbe des Schreibens hin.

Symbolisch-individuelle Funktion:

Erbstücke, Sammlerobjekte, einst heiß geliebte Teddybären – viele unserer Gegenstände repräsentieren individuelle Erfahrungen und Erinnerungen, die wir dokumentieren wollen oder von denen wir uns zumindest nicht trennen können, weil eine persönliche Gefühlsbindung zwischen Mensch und Gegenstand besteht. Gleichzeitig haben wir das Bedürfnis, innerhalb unserer industriell geprägten Umwelt Individualität auch über Produkte zu erleben. Lamy kreierte nicht zuletzt die Schreibgeräte-Serie „accent“, um dem Bedürfnis nach einem möglichst persönlichen Industrieprodukt nachzukommen. Austauschbare Griffstücke im Baukastenprinzip sollen individuelle ästhetische Wahlmöglichkeiten bieten.

Material

Wie bereits angedeutet wurde, wird die Gestalt eines Industrieproduktes nie allein von der ästhetischen Absicht des Industrial Designers im Hinblick auf den möglichen Benutzer beeinflusst, sondern in hohem Maße durch verwendete Materialien und deren ökonomischste Verarbeitungsverfahren. Eines der Hauptkriterien industrieller Produktion ist der ökonomische Einsatz entsprechend geeigneter Materialien… So sind die Wahl eines geeigneten Materials für ein Produkt (u. a. auch ein ästhetisches Problem) und dessen Verarbeitung primär von wirtschaftlichen Gesichtspunkten abhängig. Zum Beispiel wird ein bestimmtes Material, welches aus gewinnvermehrenden Motiven verkauft werden soll, in verschiedenen Produktionsbereichen zum produktbestimmenden Faktor. Der Industrial Designer erhält in der Rolle des Materialverkaufsförderers die Aufgabe, Produktideen zu entwickeln, bei deren Realisation das bestimmte Material zur Anwendung kommen muss. Die Auswahl des Materials geschieht dabei nicht aus dem Grund, weil es sich für die Herstellung eines Produktes bzw. für die beabsichtigte ästhetische Wirkung eignet, sondern aus verkaufsfördernden Gründen. Daran soll deutlich werden, dass die Auswahl von Gestaltelementen nicht ausschließlich nach ästhetischen Kriterien in Orientierung am Benutzer erfolgt.

Gestaltelemente

Die ästhetischen Eigenschaften der Gestalt eines Industrieproduktes sind durch die Gestaltelemente bestimmt. Diese Gestaltelemente können nach Makroelementen und Mikroelementen unterschieden werden. Makroelemente sind solche, die beim Wahrnehmungsvorgang oft bewusst wahrgenommen werden wie Form, Material, Oberfläche, Farbe usw., wodurch die Gestalt im wesentlichen bestimmt wird. Mikroelemente sind solche, die nicht unmittelbar beim Wahrnehmungsvorgang in Erscheinung treten, allerdings auch den Gesamteindruck der Gestalt mitprägen. An einem Industrieprodukt wären dies beispielsweise kleine Schrauben, Trennfugen an Bauteilen oder Nietköpfe.
Die Gestaltelemente können als Träger der ästhetischen Information eines Produktes bezeichnet werden… Dem Industrial Designer müssen die mit den Gestaltelementen zu erzielenden Wirkungen durch Experimentieren klar werden, denn nur aufgrund solcher Erfahrungen ist es möglich, durch Addition von Gestaltelementen gewollte Wirkungen zu erreichen. Damit wird auch verständlich, dass ein Student des Industrial Designs nicht durch Aneignen von Wissen allein ein fähiger Gestalter wird, sondern es muss die Möglichkeit bestehen, durch Gestaltungsexperimente zu erfahren, welche Wirkungen mit welchen Gestaltelementen erreichbar sind. Durch die Anordnung der Gestaltelemente zu einem Industrieprodukt unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Ästhetischen Wahrnehmung kann bewirkt werden, dass solche Produkte beim Gebrauchs- bzw. Wahrnehmungsvorgang den menschlichen Sinnen zugänglicher werden. Gestaltelemente besitzen unabhängig von der Gestalt wenig Bedeutung. Diese entsteht erst durch deren Addition. In einen neuen Zusammenhang gebracht, ergibt die Kombination der gleichen Elemente eine völlig andere Bedeutung.

Form

Das wesentlichste Element einer Gestalt ist die Form, womit zwei verschiedene Ausprägungen gemeint sein können. Es kann erstens zwischen räumlichen und zweitens zwischen zweidimensionalen Flächen und dreidimensionalen Formen unterschieden werden. Räumliche Form ist die Form eines dreidimensionalen Produktes, die durch den Verlauf der Oberfläche (etwa konkav – konvex) bestimmt wird. Diese Form verändert sich bei Drehung des Produktes und hat bei unterschiedlichen Betrachtungspositionen unterschiedliche Wirkung.

Flächige Form ist die durch Projektion eines Produktes auf eine Fläche entstandene Form, die durch die Kontur festgelegt ist. Diese Form bleibt konstant auch bei Veränderung des Betrachtungsstandpunktes. Daraus kann abgeleitet werden, dass die räumliche Form eines Industrieproduktes immer vieldimensional deutbar ist entsprechend der unterschiedlichen Präsentation der Gestalt beim Wahrnehmungsvorgang. Diese Vieldeutigkeit kann durch die flächige Form (angewendet bei der Werbung für ein Produkt) eingegrenzt werden, es kann dadurch lediglich »die beste Seite« eines Produktes gezeigt werden. Hieran wird deutlich, dass die flächige Form als zweidimensionale Abbildung im Bereich der Werbung ein weiteres Mittel ist, über die räumliche Form des Produktes einen bewusst gewollten Eindruck im Bewusstsein der möglichen Interessenten zu prägen.

Farbe

Ein wesentliches Element der Gestalt ist die Farbe. Allein das Thema Farbe am Industrieprodukt ist so umfangreich, dass dies hier nur umrissen werden kann. Farbe ist in besonderer Weise geeignet, die Psyche des Produktbenutzers anzusprechen. Das eine Prinzip der Farbgebung am Industrieprodukt ist die Anwendung aktiver, kräftiger Farben. Dies kann einmal vom Industrieunternehmen mit der Absicht geschehen, die Aufmerksamkeit der Kaufinteressenten von den farbneutralen Produkten der Mitbewerber auf die eigenen zu lenken. Farbintensiv gestaltete Produkte haben für den Benutzer den Vorteil, dass sie sich in den meisten Fällen von der Umgebung, in der sie verwendet werden, abheben. Dies kann einmal geschehen, um in einer monotonen Umgebung Akzente zu setzen (z. B. intensive Farbgebung an Gartengeräten, die sich von dem überwiegenden Grün der Gartenlandschaft abheben sollen), zum anderen aber, um die intensive Farbe als Aufmerksamkeitserreger und Symbol für mögliche Gefahr einzusetzen (z. B. an Straßenbaumaschinen und Ackerfahrzeugen). Besonders in der Produktionssphäre und im Straßenverkehr ist die Anwendung von Farbe am Produkt als Signal für mögliche Gefahr sehr verbreitet. Das andere Prinzip der Farbgebung an Industrieprodukten ist die Verwendung passiver, neutraler Farben. Industrieprodukte mit neutraler Farbgebung haben die Eigenschaft, sich unauffällig in eine Umgebung einpassen zu lassen. Gerade weil Produkte unterschiedlichster Hersteller, die unabhängig voneinander gestaltet wurden, durch die Auswahl des Benutzers in dessen Umwelt zusammengefügt werden und dessen Lebensbereich prägen, erscheint es sinnvoll, wenn nicht jedes Produkt durch aktive Farbe die Aufmerksamkeit fesselt. Eine solche Umwelt wäre auf die Dauer sicher zu anstrengend und dann nicht zu ertragen. Durch die Entwicklung farbbeständiger Kunststoffe, die von den Rohstoffherstellern in einer breiten Farbskala angeboten werden, ist es vielen Herstellern der Produkte möglich, verschiedene Farbvarianten eines Produktes für die verschiedensten Benutzerwünsche anzubieten, ohne dass die Herstellungskosten wesentlich steigen würden. So werden heute oft benutzte Gebrauchsprodukte meist in neutraler Farbgebung und in verschiedenen aktiven Farben angeboten. In verschiedenen Produktbereichen (z. B. in der Automobilindustrie) hat sich seit einigen Jahren eingespielt, dass die Farbgebung wie in der Mode für eine begrenzte Saison festgelegt wird.

Für den Industrial Designer besteht über die Anwendung von neutraler oder intensiver Farbgebung hinaus die Möglichkeit, Farbe für eine differenzierte Gestaltung der Produkte einzusetzen. Es eignet sich Farbe besonders für die Erzeugung von Kontrasten. So kann bei verschiedenen Bauteilen eines Produktes durch deren unterschiedliche Farbgebung eine visuelle Strukturierung erzeugt werden. Große Farbflächen und kleine Farbflächen erzeugen an der Gestalt eine Kontrastspannung, wodurch eine Monotonie der Form aufgehoben werden kann. Zudem können durch verschiedene Farben Gewichtsvorstellungen beim Betrachter hervorgerufen werden. Dunkle Farben wirken schwer und erzeugen den Eindruck von Erdverbundenheit. Helle Farbtöne wirken dagegen leicht und schwebend. Durch den Einsatz solcher Erkenntnisse kann die Produktgestalt gezielt beeinflusst werden. Voraussetzung dafür ist natürlich eine genaue Vorstellung darüber, welche Wirkung durch die Farbgebung erreicht werden soll. Dies gilt prinzipiell für den Einsatz aller Gestaltelemente, denn wenn kein Ziel vorhanden ist, ergibt sich eine beliebige Lösung.