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Anfang und Krise des Wohlstandsdesigns

Pop-Art

Sicherlich auch im Zusammenhang mit der antiautoritären Phase muß der Höhepunkt dieser Welle im Bereich der Kunst gesehen werden, die in Groß-Britannien ihren Ursprung hat: der Pop-Art. Diese Kunstrichtung hatte sich bereits in den 50er Jahren als Gegenpol zu der elitären, abstrakten Kunst mit unkomplizierten, farbenfrohen Darstellungen u. a. auch Fotokollagen etabliert, während das Motiv zunächst überwiegend eine Glorifizierung des »American way of life« war. Ende der 60er Jahre wird dieses Thema, wenn überhaupt, nur noch kritisch ironisch behandelt, die Pop-Art wird zur Kunst, die mit allen Konventionen bricht, grenzenlos in der Wahl der Farben, der Formen, der Motive, der Objekte. Autos und ganze Häuser werden bemalt.

Konsequenzen aus Pop-Art und APO-Zeit

Die Popwelle wird schnell vermarktet. Ihr Einfluß auf kurzlebige Erzeugnisse wie Nonsens-Geschenkartikel, Poster, Plattenhüllen und vor allem Bekleidung fördert den Verkauf durch Boutiquen und verhilft zunächst der Carneby-Street zu ihrer Berühmtheit. Die geisteswissenschaftliche Linke bezeichnet diese Bewegung abwertend als Pop-Bourgeoisie. Doch auch die Antimode- Bewegung findet den Weg in die Vermarktung. Die JeansweIle (Jeans, je älter und verwaschener, um so besser) zieht weite Kreise. Die Antipathie gegen den Zwang, sich modisch anziehen zu müssen, ist auch für die Bevölkerungsgruppen attraktiv, die mit den übrigen Zielen der Linken nicht sympathisieren. Damit eröffnen sich neue Märkte für die Textilindustrie: Jeans werden in großen Stückzahlen produziert, auf Wunsch verwaschen und geflickt ab Fabrik. Wem das als Befreiungsillusion nicht ausreicht, der kann noch Jeans- Jacken, JeansHüte, Jeans-Taschen etc. und schließlich noch einen Volkswagen als Jeans-Käfer dazukaufen.

»Billig-Design«

Die Apo-Zeit findet auch im Möbelbereich ihren Niederschlag. Die zum Bettersatz erhobenen Schaumstoffmatratzen werden gleich komplett mit pflegeleichtem Bezug von Versandhäusern angeboten. Als Folge der Pop- Art-Bewegung, die im textilen Bereich preiswerte Materialien eingeführt hat, und der Apo-Zeit, aber auch als Affront gegen das »Teuer-Design« befassen sich einige meist junge Designer mit der Entwicklung preiswerter Möbel, die häufig in sogenannten Abholläden vertrieben werden. Die Apo- Zeit hat 1968 in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht, als sich mit der Bildung einer SPD-geführten Bundesregierung die Hoffnung verbindet, eine Institution für die Reformziele gefunden zu haben. Bald schon kommt es jedoch zu Desillusionierung und Resignation. Ein Großteil der Wohngemeinschaften, der antiautoritären Kinderläden etc. scheitert an unvorhergesehenen Schwierigkeiten und löst sich wieder auf. Neukonzipierte Massenverkehrsmittel (Magnetschwebebahn, Kabinentaxi etc.) erweisen sich als ökonomisch zu unrealistisch. Gegen die vielfach geforderte grundlegende Reform der Sozial- und ‘Gesellschaftsstruktur erweist sich, zumindest kurz- und mittelfristig, die Gesellschaft resistent. Zu den wenigen Zielen aus der Apo-Zeit, die realisiert werden , zählt die partielle Verdrängung des Autoverkehrs aus den Stadtkernen. Es werden Fußgängerzonen angelegt (nachdem sich herausgestellt hat, daß sich diese Maßnahme umsatzfördernd auswirkt).

»Soft-Line«

Die Desillusionierung und die daraus resultierende Sehnsucht nach der angeblich so heilen Welt von gestern ist sicherlich eine Ursache für die Nostalgiewelle, die Anfang bis Mitte der 70er Jahre einen starken Einfluß ausübt. Darüber hinaus muß sie aber auch als Reaktion auf ein Design und insbesondere auf eine Architektur verstanden werden, die häufig über formalen Gesichtspunkten Atmosphäre, Erlebbarkeit und das Moment der sinnlichen Animation vernachlässigt haben. Als Stilelement der 70er Jahre präsentiert sich die »Soft-Line«, die mit einer gewissen Logik auf die vorausgegangene »hard-edgeWelle« folgt und in vielen Anwendungsbereichen sicherlich funktioneller ist als diese. Gleichzeitig muß die Soft-Line aber auch in dieser Resignationsphase als Sehnsucht nach Reintegration in die bekanntermaßen nicht-rechtwinklig-kantige Natur interpretiert werden. Anstelle der relativ knappen kleinen Radien der 60er Jahre, die hinterher eher als Kantenbrechung bezeichnet werden können, treten nun ganz eindeutig große, weiche Radien auf, wobei allerdings die Grundstruktur noch immer eine bevorzugt rechtwinklige, ebenflächige ist und die Anordnung aller Teile nach wie vor klaren mathematisch nachvollziehbaren Rastern entspricht. Im Gegensatz dazu stehen die organisch orientierten Auffassungen, bei denen Details frei platziert erscheinen (z. B. die Arbeiten Colanis). Auffällig ist auch die stärkere Tendenz, die Plastizität der Objekte mehr skulptural zu interpretieren, z. B. konkav/ konvexe oder positiv/negative Wechselspiele. Daneben ist in den 70er Jahren nach der kritischen Phase der Wunsch nach Solidität und Robustheit feststellbar, dem die Rustikalwelle im Möbelbereich, Militarylook bei Kleingeräten in problematischer Weise entsprochen wird. Die Automobilindustrie der 60er Jahre ist durch die funktionell gestalteten Karosserien und mangelnde technische Innovation in eine Sackgasse geraten. Versuche, durch Styling-Gags erneut die psychologische Obsoleszenz zu beschleunigen, scheitern an den Kunden.

»Sportlichwelle«

Um dennoch die geplanten Umsätze erreichen zu können, wird ein neues Autofahr-Lustgefühl aufgebaut, die »Sportlichwelle« wird kreiert. Die Automobilhersteller liefern zahllose TS, TI, GI, n, RS-Versionen etc. oder bringen völlig neue Modelle auf den Markt, die, unterstützt durch die Werbung, dem Käufer das Gefühl vermitteln sollen, ein viel bewunderter, erfolgreicher Sportfahrer zu sein.

Sicherheit und Ergonomie

Nicht zuletzt treibt die »Sportlichwelle« die ohnehin hohen Verkehrsunfallzahlen weiter in die Höhe. Die großen Zahlen der Verkehrsunfalltoten und -verletzten führt schließlich zuerst in den USA dazu, per Gesetz eine Verbesserung der Fahrzeugsicherheit zu fordern. Es werden verschiedene Prototypen von Sicherheitswagen gebaut, die die Grenzen des Möglichen aufzeigen sollen. Die Forschungsergebnisse fließen allmählich in die Serienproduktion ein. Das im Rahmen der Forschungen als günstigste Autofarbe ermittelte Orange wird zur Modefarbe in allen Bereichen. Kleingeräte (Mixer, Schreibmaschinen etc.), deren Sicherheit durch jede andere Farbgebung nicht eingeschränkt werden würde, werden fast nur noch in der Auto-Sicherheitsfarbe geliefert. Neben der Forschung zur Verbesserung der passiven Fahrzeugsicherheit und den Farbuntersuchungen wird auch der aktiven Sicherheit, insbesondere der Gestaltung des Fahrerplatzes, erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Damit erlangt, ausstrahlend auf andere Bereiche, die Ergonomie erhöhte Bedeutung im Design.

Das Ende der siebziger Jahre markiert offenbar eine neue Wende in der Diskussion um die grundlegenden Axiome der Philosophie der Gestaltung in Architektur und Design. Die im Namen des Funktionalismus errichteten Städte der Nachkriegszeit haben Einfachheit und Einheitlichkeit nicht im ästhetisch moralischen Sinne, sondern im ökonomisch kommerziellen Sinn verstanden. Die Prinzipien werden pervertiert und verschlissen. Andererseits hat unsere Massengesellschaft Größenmaßstäbe angenommen, bei denen die ursprünglich auch im Sinne demokratischer Gleichheit geforderte Einheitlichkeit eine Trostlosigkeit und Monotonie zeitigt, die ins Brutale umgeschlagen ist. Die Beachtung des Individuellen rückt nun wieder in den Vordergrund. So ist es zu verstehen, daß heute anstelle der »Schlichtheit und Einfachheit« eher »Artikulation«, anstelle der Einheitlichkeit »Vielfalt« gefordert wird. In den Gegenständen und Gebäuden werden die individuellen Teilfunktionen stärker als früher betont. Anstelle einer Subordination unter ein, dem Hauptzweck entsprechendes Formprinzip, wird ein eher offenes Gefüge von für sich funktionellen und ausdrucksstarken Teilformen gesucht. Faszinierende Komplexität wird zu einem höheren Ziel als leicht erfaßbare asketische Einfachheit der Formen. Das uneingeschränkte und für das 20. Jahrhundert so typische Primat alles Nützlichen kommt ins Wanken. Zunächst im Zeichen der übermütigen Wohlstandsgesellschaft der späten 60er Jahre – aus purem Hedonismus – und nunmehr als Antwort auf die Unterdrückung bzw. Vernachlässigung emotionaler, individueller Bedürfnisse in der Unwirtlichkeit der Städte (MitscherIich) und der industriellen Massenkultur. Die zunehmende Sorge um die Verknappung der Ressourcen und der Enegien, die täglich bedrohlicher werdende Verschmutzung der Luft, des Wassers, die zunehmende Zurück- und Verdrängung der Natur und andererseits die zunehmende »Verbetonierung« unserer Umwelt führen zur grundsätzlichen Infragestellung der heiligen Axiome der Umweltgestaltung vor und nach dem 2. Weltkrieg. Eine noch so schöne und gebrauchstüchtige Kultur von Objekten erweist sich insgesamt als zu aufwendig, zu umweltunfreundlich und energieverschwendend. Eine neue Art zu leben ist gefragt, mit den ihr entsprechenden dienstbaren Gegenständen. Konturen zeigt diese neue Kultur allerdings noch nicht. So wenig wie der von einigen Gruppen betriebene Rückzug in die bäuerliche Eigenproduktion eine brauchbare Alternative für nennenswerte Anteile der urbanen Massengesellschaft darstellen kann, so wenig Entlastung ist von einem »alternativen Design« aus Abfallprodukten gegenwärtig zu erwarten. Gleichwohl ist denkbar, daß wir in Zukunft von einer Vielzahl solcher partikulärer Lösungsansätze ausgehen werden, bis eine neue, universalere Theorie in Sicht ist. […]

Autor

Lindinger, Herbert

Werk

In: Lindinger, Herbert / Huchthausen, Claus-Henning: Geschichte des Industrial Design. Darmstadt 1978, S. 31 (mit freundlicher Genehmigung der Autoren)

Quellen

Weitere Literatur

Verweise

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