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Industrial Design – Fragen und Antworten

Alex von Saldern

Auszug aus dem Ausstellungskatalog, Design Dasein, Ausgewählte Objekte zum Sitzen, Stellen und Leben, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1987

In den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts sprach man in Mailand und London von designo und design. Damals waren sich die Maler und Literaten ziemlich einige, was mit diesem Wort gemeint war. Heute nach genau 400 Jahren, weiß man es nicht mehr so genau. Bücher und Aufsätze in gelehrten Kompendien, Ausstellungskataloge und Zeitschriften, Institute und Gremien befassen sich sozusagen hauptamtlich mit seiner Analyse und Exegese. Die Schöpfer des Industrial Design (= ID = Industrieform) sind zu Abertausenden in Duzenden von Ländern tätig, ein Großteil der sogenannten westlichen Welt ist täglich mit Gegenständen des ID konfrontiert − und die Kunsthistoriker, Medienforscher und Soziologen sind sich über den Begriff eigentlich immer noch nicht ganz einig. (Herbert Reads kluges und klares Buch „Art and Industry“ von 1934 ist eine Wohltuende Ausnahme!).
Das Oxford Dictionary datiert die erste bekannte Erwähnung des Wortes design − ein englisches Wort, das im 20. Jahrhundert von den Amerikanern usurpiert und dann Allgemeingut wurde − auf das Jahr 1588:
Ein von Menschen erdachter Plan oder ein Schema von etwas, das realisiert werden soll; die erste Konzeption einer Idee, die durch eine bestimmte Handlung in die Tat umgesetzt wird.Ein erster zeichnerischer Entwurf für ein Kunstwerk...(oder) ein Objekt der Angewandten Kunst, der für die Ausführung eines Werkes verbindlich sein soll.

Der lombardische Künstler Maler Giovanni Paolo Lomazzo verlegte sich nach seiner 1579 erfolgten Erblindung auf das Schreiben kunsttheoretischer Schriften. In seinem 1584 in Mailand erschienenen „Trattato dell’arte della pittura“ und in dem 1590 herausgegeben Werk „Idea del tempio“ wird das designo interno zur im Künstler geborenen und von Gott inspirierten idea, zum Konzept für das auszuführende Kunstwerk. Auch Frederico Zuccari widmet 1607 diesem designo interno, als Vorstufe zum designo esterno, eine längere Betrachtung.
Im Ausstellungskatalog des Züricher Kunstgewerbemuseums von 1983 „Design − Formgebung für Jedermann“ heißt es: „Design wird als ein Vorgang verstanden, der Entwürfe bringt für die Herstellung von Serienprodukten und industrialisierten Methoden und Systemen.“ Diese neue Definition neueren Datums unterscheidet sich prinzipiell nicht von der des 16. Jahrhunderts.
Schwieriger muten die Versuche einer Begriffsbestimmung heutiger Kritiker und Soziologen an. So schreibt Gert Selle in der Einleitung zu seiner „Ideologie und Utopie des Designs“ von 1973 (DuMont): „... vor allem für jene Leser, denen sich das Industrial Design bisher noch nicht gesellschaftlich problematisiert dargestellt hat, ist dieser Kontext in einer bestimmten Weise zum Verständnis strukturiert“ (S.7). Wenn dann die Leser zum Kapitel VII, 2 kommen, das da lautet „Kritik der „konkreten Utopie“ als Konkretisierung der Utopie des Gestaltens“, werden zumindest einige von ihnen sich fragen, ob ein derart dunkler Wort-Mäander die aktuelle Sprache des Design von heute sein soll. Da lobt man sich die sprachliche Klarheit der Kunsttheoretiker des 16. Jahrhunderts oder die lapidaren, weniger spekulativen Katalogtexte der Kustoden für Design am New Yorker Museum of Modern Art oder in Zürich.

[...]
Design kann Konzept, Entwurf, prima idea oder designo interno eines Künstlers oder „Entwerfers“ sein, erdachte Vorstufe zu einem in die Tat umzusetzenden Werk. Industrial Design ist heute der Oberbegriff für eine bestimmte Gruppe von Serienerzeugnissen, die sich anscheinend qualitativ vom gesamten Ausstoß industriell gefertigter Ware abhebt, chronologisch begrenz ist und dem täglichen Gebrauch dient. Chronologisch: in Europa nach 1900/1910, in den Vereinigten Staaten seit den 20er Jahren. Qualitativ: zumeist innovative , im Hinblick auf formale und funktionelle Merkmale sorgfältigentworfene und möglichst handwerklich einwandfrei gefertigte Gebrauchsgüter des täglichen Lebens, vom Stuhl bis zur Uhr, vom Kochtopf bis zum Radio, vom Türgriff und der Tanksäule bis zur Lampe und dem Auto. Tendenz: formschön, materialgerecht, in die Zukunft weisend, einfach und dennoch elegant-schmissig (wobei die Grenzen zwischen dem so verstandenen ID und dem allgemeinen Kaufhausangebot seit 1920 oder 1950 oft fließend sein können).
„Vorbildliches Design“ kann allerdings auch usurpatorische Züge annehmen. Das Primat der reinen Form, das Diktat der klaren, geometrisch geführten Linie, das Ideal stereometrischer Körper haben seit den 20er Jahren unsere Umwelt optisch so nachhaltig zu prägen vermocht, dass man fast von der zum Teil gerne geduldeten Tyrannei eiskalter „Funktionalität“ sprechen kann. Frank Lloyd Wright, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier: Die großen Architekten unseres Jahrhunderts, mächtige Beweger, einflussreiche Designer und Inspiratoren, zogen einen Epigonentum von gewaltigem Ausmaß nach sich. Die von ihren Bauten abgeleitete Architektur hat weltweit zu fürchterlichen Exzessen geführt − eine faszinierende Verirrung das heutige Hongkong! Auch die „Gute Form“ oder „Scandinavian Modern“ zeigt oft eine von jeder lebendigen Inspiration abgelösten Charakter, dessen Blutleere dem 7. Aufguss einer in Weimar oder Dessau geborenen Idee der 20er Jahre zu verdanken ist. Dieses Primat eines funktionellen und „objektivierten“ Stils kann fast als Kolonialismus gelten, dem alle Länder, die sich westlichen Schemata anzugleichen suchen, zu verfallen scheinen: die hoch oder querrechteckige Schachtel in 10- oder 50facher Geschosshöhe, die eine Linie undekorierten Rosenthal-Tellers, die geometrische Klarheit der finnischen Lampe und des Breuer-Stuhl-Nachbaues.

Das alles kann fast so schlimm sein wie der plüschige Historismus, nur weniger anheimelnd für den normalen Erdenbürger! Befreiung vom Zwang des „modernen“ Stils tut ebenso Not wie die Ablösung von wilhelminischer Gediegenheit und dem so verächtlich apostrophierten Gelsenkirchener Barock. Einen neuen, wenn auch recht schmalen Pfad betraten die „Jungen Wilden“ des zeitgenössischen „lebendigen“ Designs, symbolisch durch Gruppen wie Memphis: spielerische und phantasievolle Romantisierung der Umwelt, wobei die Klippen der Manieriertheit nicht leicht zum umschiffen sind.

Einstelldatum: Dezember 2008