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Zwischen Tradition und Moderne

Alltagsobjekte der 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts

Die Ausstellung entführt Sie in die Alltagswelt der westdeutschen Bevölkerung der 50er bis Mitte 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Ausstellungsinhalt ist die zeitgenössische Sachkultur in Form von Möbeln, Hausrat und Kleidung. Auch der Bereich „Freizeit“, mit  Kino-Filmen und Musik, kommt zu Wort. Auf dieser erlebnisreichen und lebendigen Zeitreise wird besonders das Nebeneinander von Tradition und Moderne, sowie von Rückständigkeit und Fortschritt deutlich.



Nach den Schrecken der Kriegs- und Nachkriegszeit war die Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit, nach einem farbigen, harmonischen „Lebensdesign“ groß. Runde, bauchige und schwingende Formen waren auf dem Vormarsch. „Besser und schöner leben“ wurde zum vielfältig variierten Slogan.
Dies schloss vor allem „schöner wohnen, schöner essen, schöner  kleiden, schöner reisen und schöner sich vergnügen“ mit ein. Schon eine neue Vase oder ein Kaffeeservice mit abstraktem Dekor ermöglichte den Anschluss an die „neue Zeit“ – gerade wenn das Geld für eine komplett neue Wohnungseinrichtung (noch) nicht reichte. Viel gibt es zu entdecken, denn die fünfziger Jahre waren mehr als Tütenlampen, Nierentisch und Petticoat.



Wohnen – zwischen Wunsch und Realität

Außer Essen, Trinken und Kleidung war in der Nachkriegszeit nichts von so großer Wichtigkeit wie die eigene Wohnung bzw. Unterkunft. Mehr als 20% allen Wohnraums hatte der Zweite Weltkrieg zerstört.



Hinzu kam der anhaltende Zustrom von Vertriebenen und Flüchtlingen, der die Bevölkerungszahl Westdeutschlands gegenüber dem Vorkriegsstand um ein Fünftel, auf etwa 51 Millionen ansteigen ließ. Wer nicht ausgebombt oder Flüchtling war, wohnte weiter im „Vorkriegsambiente“. Alle Übrigen suchten sich ihr Mobiliar mehr oder weniger zusammen oder fertigten es selbst an. Diese Möbel waren meist funktional und „stilfrei“. Sie wurden oftmals bis weit in die Fünfziger oder sogar in die Sechziger Jahre benutzt.
Da die Raumnot groß war, produzierte die Nachkriegsindustrie neue „Verwandlungsmöbel“ für kleine Wohnungen, deren doppelte Funktion auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Dazu gehörten die Bett-Couch, die Schreibtisch-Couch und das Klapp-Bett.



Eine große Rolle in der Geschmacksbildung der frühen Fünfziger Jahre spielte der 1907 von Hermann Muthesius gegründete „Deutsche Werkbund (DWB)“, der sich der „Veredlung der gewerblichen Arbeit mittels technisch wie ästhetisch hochwertiger  Produktion“ verpflichtet sah. Nach der Auflösung des DWB 1934 durch die Nationalsozialisten, fand 1947 eine Neugründung auf  föderalistischer Basis statt. Bereits 1949 veranstaltete die Kölner Gruppe des Deutschen Werkbundes eine Ausstellung mit dem Thema „Neues Wohnen“ – Möbel für Kleinfamilien, Möbel für Kleinwohnungen, die raumsparend, verstellbar, zusammenlegbar, wegwerfbar und zweckmäßig waren. Die gute Form sollte normiert werden, „guter Geschmack“ lernbar sein.
(Vgl. Glaser, Hermann. Die 50er Jahre. Deutschland zwischen 1950 und 1960,  S. 44 – 60)

Sogar in der damals verbreiteten „Ratgeberliteratur“ (Einmaleins des guten Tons, Die gute Ehe,…) war die Wohnungseinrichtung ein Thema. Tische und Sessel, Lampen und Vasen waren nicht nur tote Gegenstände, sondern gaben einen Einblick in das Wesen und den Charakter seiner Besitzer.



Die Wohnung erzählte, ob seine Bewohner sauber und ordentlich waren, ob sie Geschmack hatten oder ob sie mehr scheinen wollten, als sie waren. Wer einen guten Geschmack hatte, hatte Sinn für Formen und Farben und lehnte alles Auffallende zugunsten des Gediegenen ab. Soweit die Ratgeberliteratur…
Das Nierentisch-Ambiente spiegelte in der Zeit des Wirtschaftswunders  keineswegs den vorherrschenden Geschmack wider. So schreibt das Umfrageinstitut Allensbach in seinem 1957 erschienen Jahrbuch, dass 1955 nur drei und 1956 nur zwei Prozent der Bevölkerung in modernen Räumen wohnen wollten.
Trotzdem ist es gerade das Auffallende, die Tütenlampen, Cocktailsessel, Nierentische und die typischen Piet Mondrian - Motive (Niederländischer Maler, 1872-1944), die wir heute mit der Wohnkultur der Fünfziger Jahre verbinden.
Dieses schräge Design war zwar zeittypisch, aber keineswegs repräsentativ für das Wohnverhalten der  Durchschnittsbevölkerung.







Resopal – spart Zeit, Arbeit und Nerven…


Bis Mitte der Fünfziger Jahre setzten sich viele neue Materialien im Haushalt, bei der Wohnungseinrichtung und bei der Kleidung durch. Aber auch traditionelle Materialien wurden – in ungewöhnlicher Verarbeitung- weiterverwendet. Möbel- und Kunstgewerbeproduzenten arbeiteten gerne mit Werkstoffen wie Bambus, Rattan oder eloxiertem Draht.  Die Leichtigkeit und Lichtdurchlässigkeit der Objekte reizte zum Kauf.
Große Bedeutung erlangten  die zahlreichen Alltagsgegenstände aus Kunststoff, später Plastik (in Form gießen, verformen) genannt. Dazu gehörten Hornitex, Formica und Resopal, sowie im Textilbereich Perlon, Nylon und Diolen.
Das Kunstharz Resopal, bereits in den 1930er Jahren als Patent angemeldet, wurde in den Fünfziger Jahren als Oberflächenbeschichtung eingesetzt. Das neue Material, ob gefärbt, mit farbigen Akzenten oder „weiß gewolkt“, erfreut sich sehr großer Beliebtheit, da es abwaschbar und hitzebeständig war. Hellblaue, gelbe oder graue Küchen und Kleinmöbel, wie Tische oder Blumenbänke, waren typisch für diese Zeit.
Einförmigkeit war unmodern – „Harmonie trotz Gegensatz“ war die Devise. Farbigkeit, Funktionalität und Leichtigkeit standen für modernes Wohnen. Der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg sollte sich auch in der Alltagskultur widerspiegeln.
(Vgl. Faas, Martin. Die fünfziger Jahre, Alltagskultur und Design, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg 2005. Tieskötter, Ruth. S. 24-28.)





Trautes Heim – Glück allein


„Am 1. Juli 1958 trat das ein Jahr vorher beschlossene Gesetz über die Gleichberechtigung der Geschlechter auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts in Kraft.  Auch das Grundgesetz hatte bereits Normen abgeschafft, die dem Prinzip der Gleichberechtigung widersprachen. Die gesellschaftliche Realität war jedoch weit von solcher Errungenschaft entfernt.“
(Glaser, Hermann. Die 50er Jahre. Deutschland zwischen 1950 und 1960, S. 79)

Nachdem die Frauen ihren Beitrag zum Überleben nach dem Krieg geleistet hatten, sollten sie nun wieder in die Küche zurückkehren und die Familie zusammenhalten.
Die kleinen, durchrationalisierten Küchen waren so geschnitten, dass die Arbeit von einer Person, der Hausfrau, verrichtet werden konnte.  Die mit optimistischen und beschwingten Formen und Farben ausgestalteten Küchen erhielten immer mehr den Charakter von Prestigeobjekten. Gleichzeitig fing die Elektroindustrie an, den Markt mit Küchengeräten zu überschwemmen.



Passend dazu das Frauenbild der 50er Jahre: eine schicke, adrett gepflegte Hausfrau und Mutter, die alle anfallenden Arbeiten im Haus spielend und wie nebenher erledigte, dafür mit viel Raffinesse neue Gerichte erfand und die Kindererziehung bewältigte. Diesem Ideal zu entsprechen war nahezu unmöglich.

Ein weiteres Phänomen der Fünfziger Jahre war die zunehmende, teilweise freiwillige Isolierung zahlloser Familien von der Gesamtgesellschaft.  Der Rückzug in das  Privatleben hatte mehrere Gründe - einer davon war, dass die materiellen Unterschiede zwischen den Familien zunahmen.
Das Gemeinschaftsgefühl der Trümmerjahre wich immer mehr einem Konsumwettbewerb – kurz gesagt „Wir haben es geschafft, wenn das neue Auto vor der Tür steht“.



Technische Geräte, Autos, Mode und Urlaub waren die deutschen Nachkriegsträume. Diese Zeit des „Wirtschaftswunders“ brachte zwar vielen Familien den ersehnten Wohlstand, aber eben längst nicht allen.
(Vgl. Ausstellungskatalog „Party, Perlon, Petticoats, Kultur der Fünfziger Jahre in Westdeutschland“, Hrsg. Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Oldenburg, 2008, S. 18-20)







Das Material entstammt einer Ausstellung des Vortaunus Museums Oberursel 2008/2009.

Texte:
Renate Messer M.A.
Fotos:
Detlev Harms und Johannes Kirschenmann

Einstelldatum: Mai 2009