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Wahrnehmen, Verstehen, Worte finden

von Heike Raap 

Irgendwie so, aber irgendwie auch anders …

Wahrnehmen, Verstehen, Worte finden - Produktkritik in der Designausbildung

Produkte werden wahrgenommen – bewusst oder unbewusst
Jeder Mensch in unserer heutigen Gesellschaft steht in Kontakt mit unzähligen Produkten. Begonnen mit dem Wecker, den man morgens missmutig malträtiert, um sein penetrantes Piepen zu unterbinden, bis hin zum Lichtschalter, mit dem man das letzte Kunstlicht des Tages verlöschen lässt. Viele dieser alltäglichen Begegnungen mit industriellen Produkten laufen glücklicherweise unbewusst ab. Glücklicherweise, da sonst der Mensch, würde er die Fülle von Informationen eines jeden einzelnen Produkts aufnehmen, Gefahr liefe, wahnsinnig, zumindest aber handlungsunfähig zu werden. Der Designer hingegen muss sich ein wenig dieser Gefahr aussetzen. Zwar muss auch er im Alltag nicht zwingend wissen, ob die Ziffern auf seinem Wecker in einer Sans Serif gesetzt sind oder welche Form der Knopf seiner Kaffeemaschine hat, aber das Wahrnehmen, Verstehen, Bewerten und Benennen von Gestaltungsmerkmalen, das Zusammenfassen zu Entitäten, ist für ihn wesentlicher Bestandteil seiner fachlichen Qualifikation.

Produktkritik – lustvolles Geschwafel oder nutzbringendes Mittel?

Die Produktkritik, also die „Beurteilung von Produkten, erfüllt viele Zwecke. Diese reichen vom puren Lustgewinn – man diskutiert leidenschaftlich gerne über Design – bis hin zu einem potenziellen Wettbewerbsvorteil im Berufsleben. Im Folgenden werden lediglich drei, jedoch sehr unterschiedliche Anwendungsbereiche der Produktkritik erläutert, die deren vielfältige Spielvarianten erahnen lassen.

• Produktkritik als Mittel zum Erkenntnisgewinn
Da ist zum einen der Designer mit forschenden Ambitionen, welcher Einsichten und Erkenntnisse aus den Produkten ziehen will. Er überlegt sich genau, welche Fragen er an ein Produkt stellen kann, um aussagekräftige Antworten zu erhalten. Antworten, die ihn in seiner eigenen Entwurfstätigkeit voranbringen. Diesem Designer ist ein amorphes Gefühl nicht genug. Er sucht nach griffigen Beschreibungen für das, was er zu erkennen meint und externalisiert seine Gedanken. Dieser Prozess des Ausformulierens dient der Klärung und dem Ordnen, hilft die eigenen Gedanken mit Abstand zu betrachten, um sie dann zur Basis weiteren Überlegens machen zu können, d.h. sie wieder zu internalisieren. Dieser Designertypus wird zum visuellen, verbalen und sinnlichen Jäger und Sammler von Produktaspekten. Nebenbei lernt er Produkte beim Namen zu nennen, einen Starck oder Breuer als solchen zu erkennen. In seinem Kopf entsteht unweigerlich ein Fundus, auf den er nach Belieben und Bedarf zurückgreifen kann.

• Produktkritik als Forderung vom Auftraggeber: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Leider behält dieses Sprichwort nicht in jeder Situation Recht. Da befindet man sich mitten im Gespräch mit einem möglichen Auftraggeber, als dieser unvermittelt einen Produktkatalog seiner Firma zückt und mit vor Stolz geschwellter Brust verkündet „Sehen Sie mal, druckfrisch, unsere neue Produktpalette! Was halten denn Sie als Gestalter davon?“ Betretendes Schweigen wäre sicher die falsche Reaktion, selbst wenn einem vor Grauen die Sinne schwinden. Korrekte Kritik, sachtes Hinweisen auf offensichtliche Schwachstellen, aufrichtiges Hervorheben der Positivpunkte und der vorsichtige Ansatz einer möglichen Verbesserung der Produktpalette wären einer zukünftigen Zusammenarbeit zuträglicher.
Um dieses leisten zu können, muss nicht nur blitzschnell eine Bewertung der Produkte vonstatten gehen, sondern deren Ergebnis muss zudem rhetorisch auf ein akzeptables Maß für den Auftraggeber zusammengeschnitten werden. Ähnlich verhält es sich, würde man gefragt, weshalb sich das Produkt der Konkurrenz besser verkauft als das eigene. Obengenannte Situationen sind zugleich eine hervorragende Gelegenheit, die eigene Fähigkeit des differenzierten Betrachtens vorzuführen. Gelingt einem dieses, so kann es das Vertrauen des Auftraggebers in den Designer stärken. Dies wiederum kann die angenehme Folge nach sich ziehen, dass der Designer in Zukunft seine eigenen Entwürfe weniger wortreich begründen muss oder gar sein Aufgabenfeld über die ursprüngliche Vorstellung des Auftraggebers hinaus erweitert wird.

• Produktkritik als Mittel, große Massen sichten zu können
Wer jemals eine größere Messe besucht hat, wird bestätigen können, dass einen das Angebot dort sprichwörtlich erschlägt. Findet hier keine Selektion beim Betrachten der Angebote statt, wird man am Ende des Tages erschöpft sein, ohne jedoch die befriedigen-de Erkenntnis, jede Menge neuer Ideen und Informationen mitgenommenzu haben. Die Produktkritik hilft einem, Kriterien aufzustellen, nach denen man das Ange bot durchleuchtet und befragt. Gleichzeitig wird das geschulte Auge wissenswerte Neuartigkeiten erkennen, nach denen nicht explizit gesucht wurde.

Die kontinuierliche und analytische Auseinandersetzung mit der Qualität von Produkten, insbesondere das Ringen mit den treffenden Worten für einen latent erkannten Produktaspekt, hilft dem Designer immer seine Gedanken zu ordnen, die gewonnene Erkenntnis abrufbar zu halten und sich plausibel dem Kunden und seinem Team gegenüber
auszudrücken.

Plausible Worte finden – warum ein Bild nicht immer mehr als 1000 Worte spricht
Ein gutes sprachliches Ausdrucksvermögen ist für den Designer der heutigen Zeit ungleich wichtiger als für seinen gestaltenden Vorfahren der vergangenen Jahrhunderte: Der Designer gestaltet in der Regel immer für andere Menschen. In der Vergangenheit tat er dieses als Personalunion von Entwerfer und Hersteller, zudem konnten er und seine Kunden, was ihre sinnliche Erfahrungswelt betraf, als relativ homogene Menge betrachtet werden. Wenn man die gleichen Erfahrungen teilt und die Wertmaßstäbe des anderen leicht erfassen kann, braucht man darüber nicht viele Worte zu verlieren und es wird dennoch nicht zu groben Missverständnissen kommen. „Ich wünsche mir einen soliden Bauernschrank in der und der Größe aus dem und dem Holz”, diese Angaben mögen dem Schreiner respektive Möbeldesigner gereicht haben, um dem Bauern Johann einen Schrank zu erschaffen, mit dem dieser und noch weitere drei Generationen des Bauerns Familie vollauf zufrieden waren. In unserer jetzigen Zeit aber, in der die Grundbedürfnisse mehr als befriedigt sind, in der die Menschen sowohl global als auch lokal sehr unterschiedliche Lebensumstände und Erfahrungswelten mitbringen, in der der Designer die Nutzer nur noch in Ausnahmefällen persönlich kennt, die Produkte komplexer geworden sind und der Designer nicht selten nur ein einzelnes Element einer Vielzahl von Leuten ist, die man benötigt, um ein Produkt zu entwickeln und herzustellen, braucht es schon ein paar mehr Worte. Die verbale Sprache und bildliche Ausdrucksformen bieten generell unterschiedliche Vorzüge. Bildliche Mittel, wie etwa Collagen oder Handskizzen, erlauben dem Menschen intuitiv sehr große Mengen an Information zu handhaben. Diese Informationen sind jedoch miteinander verwoben und jede einzelne ist nur unscharf abgegrenzt. Die verbale Sprache hingegen zwingt den Menschen zu rationalisieren und die Informationen in eine lineare, logische Reihenfolge zu bringen. Unweigerlich muss er seine Gedanken, Ideen und offenen Fragen ordnen, damit er sich Dritten gegenüber verständlich auszudrücken vermag –ganz wie es Heinrich von Kleist treffend in einem Aufsatztitel ausdrückte „Über die allmähliche
Verfertigung der Gedanken beim Reden”. Auf diese Weise lassen sich zwar –verglichen mit den bildlichen Mitteln –weniger Informationen verarbeiten, die einzelne Information ist jedoch weitaus klarer umrissen und lässt sich fokussiert betrachten. Wenn der Designer nun wie zuvor beschrieben abgeschnitten ist von den sinnlichen Erfahrungswelten derjenigen, für die er entwirft, hilft die verbale Sprache, möglichst genaue Informationen über ebenjene Erfahrungswelten zu erlangen. Diese Genauigkeit ist es auch, die man für eine möglichst
verlustfreie Kommunikation mit seinen Teamkollegen braucht. Insbesondere im Umgang mit Nicht–Designern, also etwa Technikern, Wirtschaftlern etc., ist die klar nachvollziehbare Darstellung von Sachverhalten und Ansichten vonnöten, damit es nicht zu Missverständnissen aufgrund stillschweigender divergierender Annahmen kommt. Die Folgen solcher Missverständnisse haben heutzutage andere Ausmaße als früher: Konnte der gestaltende Schreiner von Annodazumal an seinem Schrank noch einigermaßen einfach und zügig Korrekturen vornehmen, so sorgen bei komplexen Produkten mit langen Entwicklungszeiten Fehler leicht für immense Kosten oder gar für das Scheitern des kom-pletten Projektes.

Produktkritik in der Lehre – drei Beispiele
Wie kann man das Beurteilen von Produkten und das Kleiden dieser Beurteilung in plausible Worte in der Lehre vermitteln? Im folgenden werden drei Übungen beschrieben, die sich in der Praxis bewährt haben. Durchgeführt wurden diese Übungen im Studiengang Produktdesign der Universität Kassel und am Department of Industrial Design der University of Lapland in Finnland (Unterrichtssprache Englisch).
Die vollständige Dokumentation dieses Seminars ist zu finden unter: http://www.raap-design.de/lv_prodk.html

Zunächst ein Hinweis. Der hinterfragende Umgang mit Produkten wird in der Designausbildung oft „Produktkritik” betitelt. Jedoch wird der Begriff der „Kritik” gerade in Deutschland häufig mit negativen Assoziationen verknüpft, ganz gleich, ob man ihm den Zusatz „konstruktiv” voranstellt. Eine Kritik wird in erster Linie mit dem Aufzeigen von Schwächen gleichgesetzt, obwohl das Wort per se eine solche Wertung nicht beinhaltet. Verfolgt man gar den Ursprung des französischen Wortes „critique”, gelangt man zu dessen griechischen Ursprung „ κριτικη τέχνη”, was sich mit „Beurteilungskunst” übersetzen lässt. Vielleicht sollte man –nomen est omen –gerade vor dem Hintergrund der Lehre dem Begriff der „Begutachtung” den Vorzug geben, um sich den Blick für das Positive nicht zu verstellen. Unbenommen, man kann aus Fehlern lernen, aber sie lehren einen in erster Linie, was es zu vermeiden gilt, und helfen daher nur indirekt bei der Verbesserung der eigenen Entwurfsarbeit.

Übung 1 „Lediglich hinschauen und beschreiben“

Zwei Personen bekommen hinter einem Sichtschutz Gegenstände gezeigt. Diese müssen sie den übrigen Seminarteilnehmern beschreiben, jedoch ohne deren Zweck zu benennen. Die übrigen Seminarteilnehmer müssen die Gegenstände nach der Beschreibung erkennen.
Um offene Fragen zu klären, wird zunächst ein Nussknacker gezeigt. „Zwei Schenkel sind mit einem Scharniergelenk verbunden“ – erlaubt. „Man benutzt es im Zusammenhang mit Nüssen“ – nicht erlaubt. Lediglich das, was man sehen kann, darf beschriebenwerden (phänomenologisch). Hierbei wird jedoch auf Haarspalterei verzichtet. So ist es etwa erlaubt zu sagen, etwas sei aus Holz, auch wenn dies genau betrachtet bereitseine Deutung aus Oberflächenbeschaffenheit, Reflektion etc. ist.

Von mir verwendete Gegenstände:
Gegenstand 1: eine Zitruspresse aus Kunststoff
Gegenstand 2: ein Kurzzeitmesser in Form einer Zitrone
Gegenstand 3: eine Zitruspresse aus Glas
Gegenstand 4: eine Zitruspresse, die Juicy Salif von Starck

Diese Übung bildet die Basis für eine vergleichende Betrachtung und Strukturierung ver-
schiedener Produktkriterien, also Fragen, die an ein Produkt gestellt werden können.

Übung 2 „Knöpfe zeichnen“
Die Studierenden sollen innerhalb von je fünf Minuten Bedienelemente zeichnen.

• einen Knopf zum Drehen
• einen Knopf zum Drücken
• einen Knopf zum Ziehen
• einen Knopf zum Schieben
• einen Knopf zum Berühren

Es ist ihnen nicht erlaubt, Pfeile oder schriftliche Erläuterungen auf der Zeichnung anzubringen. Nach jeder Einheit werden die Zeichnungen eingesammelt und aufgehängt. Besprochen werden sie nach Fertigstellung aller fünf Arten. Die Diskussion dieser Knopfzeichnungen zeigt, welche Gestaltungsmerkmale auf welche Funktion schließen lassen. Die Bedeutung des Begriffes Anzeichenfunktion wird zunächst auf anschauliche Weise erfahren, später erläutert. Aber auch die mit der Anzeichenfunktion verbundenen Probleme werden bei der Diskussion der Knöpfe offensichtlich. Unterschiedliche Deutungen und Bewertungen ein und desselben Zeichens führen zu Irritationen. Ich führe das Beispiel des „roten Lichtes" ins Feld, anhand dessen die Bandbreite an Deutungen abgeklopft werden soll. Das „rote Licht" als

• Aufforderung zu Verrufenem im Falle eines Bordells
• Halteaufforderung bei Ampeln
• Signalisierung des Stand–By–Modus
• Kennung für die linke Seite in Fahrtrichtung bei der Beleuchtung von Schiffen
• Zeichen für die Rückseite von Kraftfahrzeugen und Zügen
• Hinweis für den Aufheizvorgang bei Bügeleisen und Backöfen
• etc.

Für die Durchführung der Übung „Knöpfe zeichnen” war eine gewisse Logistik vonnöten. So mussten die Zeichenpapiere vorher zurechtgeschnitten und eine schnelle Möglichkeit der Aufhängung ersonnen werden. Immerhin handelte es sich schlussendlich um 160 Zeichnungen bei 32 Teilnehmern. Das gewählte Format war DIN A6, da die Zeichnungen später gescannt werden sollten und so immer vier Zeichnungen gleichzeitig auf einen Flachbettscanner passen.
Hinsichtlich dieser Weiterbearbeitung forderte ich die Studierenden auf, nur mit blauem oder schwarzem Stift zu zeichnen. Des weiteren sollten sie auf der Zeichnung vermerken, wo „oben“ bzw. „unten“ ist. Befestigt wurden die jeweils 32 Zeichnungen mit einer Rolle Malerkrepp, die an einem Ende angeheftet und abgerollt wurde. Die losen Blätter wurden einfach der Reihe nach unter den Klebestreifen gehalten und dieser angedrückt. Sehr effizient.
Im Anhang sind die auf diese Weise erstellten 160 Zeichnungen abgebildet. Bei deren Bearbeitung für diese Dokumentation wurden lediglich Beschriftungen oder Pfeile entfernt, die nicht Bestandteil der eigentlichen Knopfdarstellung waren, wie beispielsweise Hinweise auf die Ausrichtung der Zeichnung; gelegentlich wurden auch einzelne Bildteile von Zeichnungen zwecks Platzersparnis zusammengerückt.

Übung 3 „Bestecke ohne Ende“
Die Studierenden wurden aufgefordert, je einen Bestecksatz – bestehend aus Messer Gabel und Löffel – mitzubringen. Diesen sollten sie ihren Kommilitonen jedoch nicht vorher zeigen. Alle liefern die Bestecksätze ab, verlassen den Raum. Die Bestecke werden auf Tischen in langen Reihen ausgelegt. Insgesamt liegen 48 Bestecksätze aus.
Die Studierenden betreten den Raum und werden aufgefordert, an den Reihen entlang zu gehen, die Bestecke zu betrachten und sich dann auf ihre Plätze zu begeben. Nun werden die Studierenden gefragt:

• Welche Bestecke sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
• Weshalb diese?

Nach dieser Erfahrung werden die Studierenden gebeten sich in die Situation eines Messebesuchs hineinzuversetzen. Mit welchen Kriterien könnte man der Masse Herr werden? Welche „Selektionsbrille“ setzt man auf? Mögliche Antworten:

• Keine Selektion
Man geht „Bummeln“, d.h. man hat Zeit, frischt den Ideenpool und sein Wissen auf, lässt sich inspirieren, genießt die Atmosphäre. Für einen ersten Messebesuch sehr empfehlenswert.

• Technische Neuerungen
Der Designer sucht nach neuen Fertigungsverfahren oder Werkstoffen. Er muss auf dem Stand der Dinge bleiben, zumindest im Groben. Zudem sind die Anwendungspotenziale einer neuen Technik oder eines neuen Werkstoffes – und auch der formale Umgang mit diesen – noch nicht ausgelotet. Hier kann der Designer ein Betätigungsfeld finden.

• Die Suche nach Gleichgesinnten
Der Designer sucht Stände auf, deren Produkte und Auftreten ihm sympathisch sind. Er wünscht den indirekten Austausch über seine Arbeiten und Ansichten, z.B. interessiert es ihn, wie das Publikum auf die präsentierten Produkte reagiert. Wäre vielleicht eine Zusammenarbeit möglich?

• Trends und Tendenzen
Der Designer sollte wissen, in welchem Umfeld er sich mit seinen derzeitigen Entwürfen und Statements befindet. Dies ist besonders von Interesse, befindet er sich bereits im Berufsleben und pflegt Kundenumgang.


Anhang –Zeichnungen aus Übung 2 „Knöpfe zeichnen” (Kassel, 2001)

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Hinweis: weitere Zeichnungen können oben rechts als PDF herunter geladen werden.

Einstelldatum: April 2009