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Praktische Funktionen

Als praktische Funktionen gelten alle Relationen zwischen einem Produkt und einem Benutzer, die auf unmittelbar körperlich-organischen, also physiologischen Wirkungen beruhen. Daraus abgeleitet könnte definiert werden:
Praktische Funktionen von Produkten sind alle physiologischen Aspekte des Gebrauchs.
Diese Aussage soll am Beispiel Stuhl verdeutlicht werden. Durch die praktischen Funktionen eines Stuhles wird das physische Bedürfnis des Benutzers befriedigt, dem Körper eine Position zu ermöglichen, die der physiologischen Ermüdung weitgehend vorbeugt. Hier einige praktische Funktionen eines Stuhles, welche durch die gleichzeitige Erfahrbarkeit die Befriedigung dieses Bedürfnisses ermöglichen:
Die Sitzfläche nimmt das Körpergewicht des Benutzers auf. Der Effekt der kalten Füße, der durch Druckbelastung der Oberschenkel und mangelnde Durchblutung der Beine entsteht, wird durch eine starke Abrundung der vorderen Sitzkante weitgehend verhindert.
Die Rückenlehne stützt die Wirbelsäule und entlastet die Rückenmuskulatur.
Sitzfläche und Rückenlehne gemeinsam erlauben, dass durch die Entlastung der Bein- und Rückenmuskulatur der Blutkreislauf sinkt, Energie eingespart wird.
Eine ausreichende Sitzbreite erlaubt Bewegungsfreiheit und Veränderung der Sitzposition, zwei Aspekte, die ein frühzeitiges Ermüden des Gesäßes verhindern.
Die Armlehnen stützen die Arme und ermöglichen eine aufrechte Sitzhaltung.
Eine Polsterung der Sitz- und Rückenfläche ermöglicht Belüftung der belasteten Körperpartien, dadurch wird starke Schweißbildung an diesen Stellen verhindert.
Bei der Entwicklung von Industrieprodukten haben die physiologischen Aspekte der menschlichen Existenz besondere Bedeutung. Wichtigstes Ziel der Produktentwicklung ist es, die Produkte mit praktischen Funktionen auszustatten, damit durch den Gebrauch der Produkte die physischen Bedürfnisse gedeckt werden können. Die praktischen Funktionen der Produkte stellen also die grundlegenden Existenzbedingungen des Menschen sicher, erhalten die physische Gesundheit im Gebrauchsvorgang.
Nun haben aber alle materiellen, gegenständlichen Produkte unserer Umwelt eine Erscheinungsform, die durch den menschlichen Wahrnehmungsvorgang erfahrbar wird und auf unsere Psyche wirkt. Daher ist es für die psychische Gesundheit des Menschen von entscheidender Wichtigkeit, dass diese gegenständliche, künstlich erzeugte Umwelt den menschlichen Wahrnehmungsbedingungen entsprechend optimiert wird, damit sich der Benutzer von Industrieprodukten z. B. mit diesen identifizieren, damit er sie psychisch besetzen kann.
Der sinnliche Gebrauch der Industrieprodukte (Gebrauch mit den Sinnen, vorwiegend visueller, haptischer und akustischer Gebrauch!) wird durch die ästhetische Funktion der Produkte ermöglicht.

© Bernd Löbach. Textauszug aus: „Industrial Design. Grundlagen der Industrieproduktgestaltung“, München 1976

Einstelldatum: Oktober 2008