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Nachgefragt: Was ist eigentlich Design?

Ein Interview mit Erik Schmid

Es gibt Begriffe, die uns immer wieder im Alltag begegnen, von denen aber niemand genau weiß was damit denn nun gemeint ist, oder was beschrieben werden soll. So steht es auch um den Begriff „Design“. Was ist Design? Wer designt? Was ist gutes, was schlechtes Design? Face2Face sprach mit Erik Schmid, Professor für Theorien zum Design und Studiendekan am Fachbereich Design der Hochschule Niederrhein, um herauszufinden, was gemeint ist, wenn jenes ominöse Wort benutzt wird.


Der Begriff „Design“ ist für die meisten Menschen recht abstrakt. Alles und Nichts wird mit dem Etikett „Design“ versehen. Wie lässt sich Design zum Beispiel von Kunst abgrenzen??

Schmid:
Design ist ein flacher Begriff – zu Recht! Schließlich pflegt ihn ja niemand. Ja, man muss Begriffe auch geistig und sprachlich pflegen und reinigen, wenn sie sauber bleiben sollen. Übrigens ist der Begriff Design in Deutschland recht jung. Wir haben das Wort Design erst nach dem 2. Weltkrieg importiert. Davor sprach man von Gestaltung, industrieller Formgebung et cetera und heute fällt jeder über das Wort Design her, von den Nagelstudios über die Friseure bis hin zu den Partyservices… Mit der Kunst ist das ähnlich. Mit der Philosophie auch, die hat ja inzwischen jeder Fußballverein. So ist das heute. Wissenschaftler nennen das Ausdifferenzierung, Deutschlehrer Verflachung, andere schlicht Schwachsinn.
Aber zur Sache: Man sagt, Design müsse einen Nutzen haben, Kunst nicht, was aber so nicht ganz haltbar ist. Kunst nützt ja auch. Besser so: Design wendet sich dem praktischen Leben zu, das muss die Kunst nicht. Design bedient sich dabei künstlerischer Mittel, ist aber auch sehr stark in sich stets neu formierende Projekte verhaftet. Im Wesentlichen soll Design die Welt praktisch besser und sinnlich schöner machen. Dazu gehören gestalterische Fertigkeiten, technisches Knowhow und team- und projektbezogenes Arbeiten. Genau dieser wandelbare und oft scheinbar widersprüchliche Kontext macht Design spannend. Der Kunstkontext wandelt sich auch, ist aber institutionell konstant und überschaubar: Künstler, Museen, Galerien und Sammler! Letztlich müssen Designer Brücken zwischen sich wandelnden Interessen, Disziplinen und Menschen bauen, um Ihre Vorstellungen durchsetzen zu können. Das kann man nur, wenn man komplex denken kann, dabei aber die Komplexität eines Projektes immer so niedrig wie möglich hält, was oft sehr schwierig ist. Anders ausgedrückt: Formale Gestaltung ist nur ein Teil, dazu gehört aber immer das ganze Leben, Verantwortung für die Gesellschaft und die Zukunft. Wer da den Überblick und die Durchsetzungsfähigkeit mit sinnvoller Gestaltung verbindet, ist ein guter Designer. Ganz kurz: Künstler müssen immer auch wollen sollen, Designer müssen immer auch können sollen.


Pelztasse, Meret Oppenheim (Foto: Privat)

Wie viel Bauhaus-Geist und Handwerksarbeit steckt heute noch im Design??

Schmid: In der Ausbildung eine ganze Menge. Wir verdanken der Bauhaus-Lehre die bis heute gepflegte und sinnvolle Einheit von Kunst und Handwerk, wenngleich viel Handwerk heute ins CAD [Anm. d. Red.: Computer-aided design] geflossen ist, was jedoch auch nichts anderes ist, als ein Werkzeug. Ansonsten ist die nach außen hin dargestellte Homogenität des Bauhaus-Designs eine sehr verkürzte Darstellung. Das Bauhaus wurde von vielen verschiedenen Künstlern getragen, die sehr unterschiedlich gewirkt haben. Etwas, was auch bis heute nachwirkt: Dass die Vielfalt der teilweise über Kreuz liegenden Positionen sich sehr fördernd auf begabte Studierende auswirkt. Bauhaus-Design hat historische Maßstäbe gesetzt und die künstlerische Moderne in den Alltag gebracht, ist aber heute auch ein Modelabel geworden, auf dem Zahnärzte und „Ikea“ genauso surfen wie Designer und Lifestyle-Zeitschriften, wenngleich viele Prinzipien so gut sind, dass sie immer wieder aufgegriffen werden können und vielleicht auch müssen.

In Ihrem Aufsatz „Design, Erfolg und Verantwortung“ sagen Sie „Ein im Atelier oder gar am Schreibtisch entworfenes Produkt taucht erst sehr viel später und eventuell weit weg vom eigenen Erfahrungsbereich auf.“ Wie absehbar ist da der Erfolg oder Misserfolg eines Produktes? Kann Design überhaupt diesen Ansprüchen genügen??

Schmid: Was ist Erfolg im Design? Das muss jeder Designer selbst klären. Ob er anderen Leuten helfen will, deren Geld zu vermehren oder ob er die Welt besser und schöner machen will. Ob er mit Marketing oder mit Menschenbildern, mit Muse oder mit Müsli arbeiten will… In meinem Aufsatz versuche ich klar zu machen, dass es nicht nur um’s Geld verdienen gehen kann, weil sonst Design ja nur als Handlanger der Ökonomie dient. Für einen Widerspruch halte ich das nicht, wenn man Schönheit und auch wirtschaftlichen Erfolg verknüpft. Denn Schönheit schlägt oft sogar Wahrheit! Aber gestalterische Ziele sollten immer vor ökonomischen Zielen stehen. Um das auch umfassend erreichen zu können, gehört auch eine Geschmackserziehung in der Schule, die sträflich vernachlässigt wird, weshalb ich dringend mehr ästhetische Bildung einfordere! In der geistigen Entwicklung der Sinne liegt ein gewaltiges Weltverbesserungspotenzial. Denn die meisten Fehler beginnen schon recht früh mit Wahrnehmungsfehlern! Ich plädiere deshalb auch für eine engere Kooperation zwischen Wissenschaftlern, Ökonomen, Technikern, Designern und Künstlern. Denn jeder für sich hat nur einen Tunnelblick, der viel zu wenig komplex ist für eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. //weiterlesen...

 

Veröffentlicht: 20. April 2012 auf http://face2face-magazin.de

Einstelldatum: Dezember 2012