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Nach langer Inkubationszeit

Eine kurze Betrachtung über den Stellenwert von Theorien und Methoden in der Designausbildung von Heike Raap

Nach langer Inkubationszeit …

Theorien und Methoden des Planens und Entwerfens.
Seit Jahren eines der nachhaltigsten Seminare, welches an der Universität Kassel für die Studierenden des Studiengangs Produktdesign angeboten wird. Erscheinen die dort vermittelten Inhalte manch einem Drittsemestler noch recht abstrakt – gemessen an der Handfestigkeit der Entwurfsmodelle, die zu gleicher Zeit in den Werkstätten auf ihre Fertigstellung warten – so ist dem engagierten Studenten eine Reihe von imposanten Aha–Momenten vorprogrammiert.
Im Idealfall steigt die Komplexität der Entwurfsprojekte mit wachsender Semesterhöhe, sei es dass die Sachverhalte komplexer werden, die gesellschaftliche Relevanz der Themen steigt, höhere Ansprüche an die Ausformulierung des eigenen Standpunktes gestellt werden oder vieles mehr. Und irgendwann knirscht es. Zunächst leise, der Einstieg in das Projekt fällt schwer, der Arbeitsfluss lässt auf sich warten und das amorphe Gefühl eines möglichen Scheiterns stellt sich ein. Das Knirschen wird lauter, man zweifelt vielleicht an der eigenen Person. Wurde man von seinen Fähigkeiten im Stich gelassen? Dies ist der Punkt, an dem Theorien und Methoden ihre praktische Anwendung finden. Sie ermöglichen dem Designer gleichsam einen Schritt von dem Entwurfsprozess zurückzutreten und neue Perspektiven einzunehmen, und zwar sowohl hinsichtlich der Bewertung der Ausgangslage als auch hinsichtlich dem Einschlagen möglicher Lösungswege. Dabei zeigen Theorien und Methoden nicht zwingend Wege auf, wie ein Problem zu lösen ist, manchmal hindern sie einen lediglich daran zum unpassenderen oder gar falschen Werkzeug zu greifen, wie etwa lineare Wege der Problemlösung einschlagen zu wollen (waterfall models), wo die spezielle Art des Problems derartige Lösungswege nicht zulässt (wicket problems). Theorien und Methoden anzuwenden, heißt demzufolge nicht, einer Gebrauchsanleitung zu folgen, die einen zwangsläufig zu guten Ergebnissen führt, aber das Wissen um ein breites Spektrum an Theorien und Methoden bereitet einen guten Nährboden, für das Einziehen neuer Denkebenen in vorhandene Strukturen.

Eine gedankliche Spielerei
Um zu erahnen, welchen Stellenwert die Vermittlung von Theorien und Methoden des Planens und Entwerfens für die Designausbildung besitzt, hier ein gedankliches Experiment. Angenommen es gäbe kein Studienangebot wie beispielsweise das eingangs erwähnte Seminar „Theorien und Methoden des Planens und Entwerfens“.
Welche Auswirkungen hätte dies auf die Entwicklung der Studierenden? Ausgehend von der Annahme, dass die Studierenden bei einem Knirschenim Designprozess angelangt sind, hier drei Szenarien, wie sie dem sich anbahnenden Scheitern begegnen könnten.

Szenario 1 – Die Schuldzuweisung
Der Student sucht die Ursache, in diesem Falle die Schuld, für das Scheitern bei anderen. Er verflucht die Aufgabe bzw. den Lehrenden, weil jener eine nicht zu lösende und somit falsche bzw. schlechte Aufgabe gestellt hat.
Fazit: Der Student beschäftigt sich zukünftig soweit möglich nur mit „vernünftigen“, meist minderkomplexen Problemstellungen. Euphemistisch gesprochen: Er minimiert das Risiko des Scheiterns – stagniert jedoch auch bei seinem geringen Grad der Problemlösungskompetenz.

Szenario 2 – Der Selbstzweifel

Der Student sucht die Ursache für sein Scheitern in erster Linie bei sich und seinen geistigen Fähigkeiten. Er hält sich schlichtweg für zu blöd.
Fazit: Der Student bildet nicht das für das Entwerfen bzw. Urteilen und Entscheiden notwen-
dige Selbstvertrauen aus. Er zieht sich frustriert aus dem Studium zurück.

Szenario 3 – Das Produktive Scheitern

Der Student zieht weder die Aufgabe noch sein Potenzial in Zweifel. Er setzt sein „Scheitern“ produktiv um, indem er die Aufgabe und den von ihm beschrittenen, unbefriedigenden Lösungsweg theoretisch hinterfragt. Er begibt sich auf die Suche nach Erklärungsmodellen und adäquaten Werkzeugen und schielt dabei über den Tellerrand der eigenen Disziplin, da diese ihm augenscheinlich nichts zu bieten hat.
Fazit: Der Student arbeitet am eigenen Instrumentarium und entwickelt es beständig weiter. In dem Maße wie seine Fähigkeit zu Lösungen zu gelangen steigt, steigt auch sein Selbstvertrauen. Er verlässt vertraute Terrain und wendet sein gestalterisches Denken und Handeln auf diverse Gebiete an. Durch seine refklektierende Arbeitsweise erweitert er das Berufsfeld und die Disziplin des Designs.

Man betrachte diese drei Gruppen näher, beginnend mit der letzten. An fast allen Designhochschulen wird zu Beginn ein Eignungstest zur „Feststellung künstlerischer Eignung“ durchgeführt. So fraglich diese Tests auch sind, so hat diese Eingangshürde zumindest die positive Auswirkung, dass wir in der Designausbildung meist motivierte oder gar hochmotivierte Studierende vorfinden. Aber wieviele dieser Studierenden bringen das Selbstbewusstsein, die Ausdauer und die Fähigkeit zum Transferdenken bereits in einem solchen Maße mit, wie sie zu einer Autodidaktik wie in Szenario 3 beschrieben vonnöten wäre? Vermutlich eine verschwindend geringe Zahl.
Wendet man sich dem Szenario 2 zu, so ist zunächst festzustellen, dass ein mangelnd ausgeprägtes Selbstvertrauen, zudem verstärkt durch eine Wissenslücke im Bereich der Theorien und Methoden, keineswegs gleichbedeutend ist mit einem generellen Fehlen gestalterischer Kompetenzen. Im Gegenteil: Die Fähigkeit, in einem vernünftigen Maß Zweifel zu äußern, ist eine Grundvoraussetzung für die Tätigkeit des Entwerfens. Hier drängt sich geradezu die folgende Frage auf: Kann die Disziplin Design es sich erlauben, potenziell gute Designer zu verlieren? Man mag die Anzahl möglicher Talente, die hier heimlich still und leise ihren Hut nehmen, ruhig größer annehmen als die Gruppe der oben beschriebenen Autodidakten.
Zum Schluss ein kurzer Blick auf den Designnachwuchs, welcher sich in Szenario 1 wiederfindet. Diese angehenden Designer zeichnen sich durch eine selbstsichere, jedoch nicht durch eine ausgeprägt diskursive und selbstkritische Haltung aus. Nimmt man die verschwindend kleine Anzahl der Autodidakten des Szenario 3 aus der Gesamtanzahl der Studierenden heraus und hofft, dass ein gesunder Selbsterhaltungstrieb die Gruppe der Selbstverzweifelnden aus Szenario 2 einzudämmen vermag, so ist davon auszugehen, dass es sich bei der Gruppe
des Szenarios 1 um die prozentual größte handeln würde.

Sieht man nun die Notwendigkeit, die Disziplin und das Berufsfeld Design weiterzuentwickeln, muss man sich fragen, ob dieses prozentuale Größenverhältnis der drei Gruppen hinnehmbar wäre. Zwar zimmern alle aktiven Designer eifrig am Berufsbild und an vorhanden Wertekomplexen, aber nicht alle Beiträge sind zukunftsweisend. Von welchen Designern sind die meisten Impulse zur Veränderung zu erwarten? Sicher nicht von jenen Designern, die sich neuen Herausforderungen verschließen und stattdessen die Sicherheit auf vertrauten Pfaden suchen. Aber auch auf jene Designer, deren schwaches fachliches Selbstwertgefühl eine klare Meinugsäußerung verhindert, sollte man seine Hoffnung nicht setzen. Bleiben also als Hoffnungsträger und Pioniere nur noch jene hinterfragenden und über den Tellerand schielenden Designer des Szenario 3. Unglücklicherweise die kleinste Gruppe.

Diese Gedankenspielereien kann man unendlich fortsetzen, beispielsweise schlösse sich die Frage an, wieviele Pioniere die Disziplin eigentlich benötige oder überhaupt vertragen könne. Oder man mag darüber nachdenken, welche weiteren und detaillierteren Szenarien denkbar wären – etwa der zufriedene Student, der, um seine vorhandenen und nicht vorhandenen Fähigkeiten wissend, sich zum absoluten Spitzendesigner auf dem Gebiet der Spaghetti–Zangen mausert.

Ich für meinen Teil möchte dieses Essay an dieser Stelle schließen und den Leser seinen eigenen Gedanken überlassen. Jedoch nicht ohne eine letzte Frage: Angenommen es gäbe an den Designhochschulen keine Lehrveranstaltungen zum Thema Theorien und Methoden des Planens und Entwerfens. Die Studierenden wüssten also nicht, was ihnen entginge. Wer könnte in diesem Fall die Lücke, also das Fehlende beschreiben und so einen Bedarf formulieren? Böses Problem … oder sollte ich „bösartig“ sagen?

Einstelldatum: April 2009