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Kognitive und emotionale Aspekte der Wahrnehmung

Wahrnehmungsinhalte werden einmal durch das aktuelle Projektionsbild und zum anderen durch Gedächtnisinhalte im Bewusstsein zu einer Einheit. Dieser Vorgang beruht auf kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Zugleich gilt, dass gerade ästhetische Aspekte des Wahrnehmungsangebotes unbewusst bleiben und emotional erlebt werden. Selbst wenn ein visuell geschulter Betrachter aufgrund des bewussten Wahrnehmens der Gestaltstruktur den Informationsgehalt des Wahrnehmungsobjektes reduziert, bleibt ein Rest, der emotional, d. h. gefühlsmäßig erfahren wird. Die menschliche Erkenntnis über die gegenständliche Umwelt wird demzufolge durch den Intellekt und durch das Gefühl beeinflusst. Bei jedem Menschen sind beide Faktoren mehr oder weniger stark ausgeprägt entwickelt. Bei dem einen überwiegt mehr der Intellekt, beim anderen mehr das Gefühl bei der Konfrontation mit Wahrnehmungsobjekten. Der überwiegend mit kognitiven Fähigkeiten ausgestattete Betrachter von Industrieprodukten ist bestrebt, bei der Wahrnehmung so schnell wie möglich eine Fassbarkeit zu erzielen … Der Intellekt entwickelt eine Vorliebe für Ordnung und Klarheit, weil dadurch der Wahrnehmungsaufwand geringer bleibt. Damit wird erklärbar, dass die Produkte der Firma Braun in den frühen 50er Jahren, die sich wie Bauhausprodukte durch Informationsarmut auszeichneten, vorwiegend von einer »intellektuellen Oberschicht« bevorzugt wurden.
In den 1970er Jahren wurde der Uniformität und Informationsarmut der modernen Industrieprodukte von einigen Kritikern der praktisch-funktionalen Industrieproduktgestaltung die Forderung nach Individualität gegenübergestellt.  Eine Forderung nach Individualität führt zur Forderung nach Originalität der visuellen Erscheinung der Produkte. Dieser Forderung der Kritiker des damaligen Industrial Designs kamen einige Industrieunternehmen nach durch die verstärkte Ausstattung der Produkte mit ästhetischen Funktionen bzw. erhöhter Komplexität …

Wir leben in einer Zeit, in der die meisten Gebrauchsprodukte technisch so ausgereift sind, dass der Markterfolg der Unternehmen in hohem Maße davon abhängig ist, wie die Produkte dem Benutzer gefallen. Da die Zustimmung zu einem Produkt oder seine Ablehnung durch Interessenten heute vorwiegend von der Art der Gestaltung ausgelöst wird, erhalten Erkenntnisse der Wertästhetik und der Empirischen Ästhetik für das Industrial Design immer mehr Bedeutung.

© Bernd Löbach. Textauszug aus: „Industrial Design. Grundlagen der Industrieproduktgestaltung“, München 1976

Einstelldatum: Oktober 2008