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Hundert Entdeckungen


1. Designwettbewerb für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung


Es gab eine Leerstelle, die rief Fragen hervor: Warum gibt es keine Design-Entwürfe von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung? Warum wenden Künstler mit Behinderung ihre Kreativität selten auf Gebrauchsgegenstände an? Warum gestalten Beschäftigte mit Behinderung nicht die Produkte, die sie in der Werkstatt herstellen? Warum sind sie am Gestaltungsprozess nur sehr selten beteiligt? Warum übernehmen andere das Design?

EUCREA Deutschland
blickte zurück, fand Gründe für diese Situation, doch keine Antwort. Als die Werkstätten für Menschen mit Behinderung in den 60er Jahren gegründet wurden, entstanden in ihnen Webereien, Nähereien, Keramik- und Holzwerkstätten. Neben Auftragsarbeiten wurden hier Eigenprodukte entwickelt und meist in werkstatteigenen Läden vertrieben. Doch blieben diese Produkte über Jahre hinweg in ihrem Design dem Traditionellen verhaftet, verloren an Attraktivität und waren schließlich nicht mehr konkurrenzfähig. Die Gestaltung nahmen zumeist Anleiter und Fachkräfte der Werkstätten vor, selten ausgebildete Designer und fast nie die Beschäftigten selbst. Seit einiger Zeit nutzen Designer die Werkstätten für die Produktion ihrer eigenen Entwürfe, und die Produktgruppen der einzelnen Betriebe werden teilweise gestalterisch (von wem?) überarbeitet. Damit liegen Herstellung und Gestaltung – weit voneinander entfernt – in verschiedenen Händen.

Seit den 80er Jahren gewann die Kunst in Werkstätten zunehmend an Bedeutung.Zunächst waren die kreativen Werkstattbeschäftigten in ihrer Freizeit künstlerisch aktiv. Später entstanden eigene Kunstwerkstätten und Ateliers und mit ihnen Arbeitsplätze für Künstler mit Behinderung. Diese neuen Bereiche wollen keinesfalls mit dem Kunsthandwerk der 60er Jahren verglichen und durch eine mögliche kommerzielle Verwertbarkeit ihrer Arbeit nicht in ihrem kreativen Spielraum beschränkt werden.

Angewandte Kunst und Design stießen in den Kunstwerkstätten bislang auf wenig Interesse. Zwar gelangte das ein oder andere künstlerische Werk auf Tassen und T-Shirts von einem gestalterischen, am Objekt orientierten Designprozess blieben diese Arbeiten aber weit entfernt. Welches Potential aber ist vorhanden, wenn man die Beschäftigten selbst als Gestalter und nicht nur als handwerkliche Ausführer aktiv werden lässt? So lautete unsere Frage für den ersten Durchlauf dieses Designwettbewerbes.

Die Antwort: Erstaunliches, Einfaches, Originelles, Kopiertes, Verrücktes, Dilletantisches .... - ein sgroßes Spektrum spiegelt sich in den 389 Beiträgen der 249 Teilnehmer wieder. Ungemein schwierig für die Jury eine Auswahl aus den eingereichten Arbeiten zu treffen, da wir für diesen ersten Durchlauf die Wettbewerbsbedingungen bewusst sehr offen formuliert hatten. Dementsprechend reichte die Bandbreite von kunsthandwerklichen Arbeiten, dekorierten Readymades, angewandter Kunst bishin zu Design in allen Formen und Facetten. Der überwiegende Teil der Arbeiten wurde in den Bereichen Keramik, Möbel und Textil eingereicht – eben aus den Handwerks- bereichen, die in den meisten Werkstätten seit langem betrieben werden. Eher zurückhaltend fielen die Einsendungen im Bereich Grafik und Schmuckdesign aus.

Rund hundert Arbeiten sind ausgewählt worden und spiegeln die durchschnittliche Beurteilung unserer sieben Jurymitglieder, allesamt Fachleute aus den Bereichen Architektur, Grafik und Industriedesign, wieder. Die Meinungen und Bewertungen fielen höchst unterschiedlich aus, und einige können Sie im Ausstellungskatalog wiederfinden.

Deutlich ist, dass viele der eingereichten Arbeiten dem Begriff des „Design“ nur teilweise gerecht werden. Reine Bemalungen von fertigen Objekten z.B. bewegen sich eher im Grenzbereich einer Designleistung, da es sich in vielen Fällen nicht wirklich um die Gestaltung einer Form handelt, sondern das dekorierte Objekt wie ein Blatt Papier verwendet wurde. Trotzdem haben wir uns für die Ausstellungen und den vorliegenden Katalog dazu entschlossen, einige der Arbeiten unter der Sonderkategorie „Dekorgestaltung“ zu veröffentlichen. Auch wurde deutlich, dass es sich bei einigen der eingereichten Arbeiten lediglich um Malereien der Beschäftigten handelte, die von den Anleitern nachträglich dekorativ auf Objekte aufgebracht wurden. Somit hätten Arbeiten eher als gestalterische Gemeinschaftsleistung bewertet werden müssen.

Uns wurde deutlich, dass es vielerorts an einer Vorstellung fehlt, was Design eigentlich ist, und welche vielseitigen Möglichkeiten dieser Arbeitsbereich für die Zukunft birgt. Daran gilt es zu arbeiten. [...] Wir möchten anhand einzelner Arbeiten zeigen, was kreative Gestaltung sein kann und alle  Bewerber, deren Arbeiten nicht ausgewählt wurden, motivieren, weiter dran zu bleiben. EUCREA Deutschland freut sich, Ihnen mit diesem Katalog eine Antwort auf die oben genannten Fragen präsentieren zu können: Es gibt sie – Design-Entwürfe von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Die Leerstelle füllt sich mit vielen Entdeckungen.

Urheber: EUCREA Deutschland e.V. / 2010 / Angela Müller-Giannetti

Einstelldatum: Februar 2010