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Historismus und Jugendstil

Große stilistische Unsicherheiten zeigen sich im ausgehenden 19. Jahrhundert – bis etwa zum ersten Weltkrieg – in der Adaption historisch früherer Gestaltungsmerkmale in Architektur und Gebrauchsform. Als Erklärung dafür wird meist das wirtschaftlich erstarkte Bürgertum angegeben, das noch kein eigenes ästhetisches Vokabular gefunden hatte, um sich entsprechend zu repräsentieren. Bedingt durch eine prosperierende Wirtschaft, die eine Schicht von wohlhabenden »Neureichen« hervorbrachte, wird diese Phase - seit den 70er Jahren - auch als "Gründerzeit" bezeichnet. Die Hohenzollern-Monarchie hatte 1872 den deutsch-französischen Krieg gewonnen, hohe Reparationszahlungen Frankreichs an das Deutsche Reich zogen jenen Wirtschftsboom nach sich, der mit einer Unzahl von Firmen-, Bank-  und Gesellschaftsgründungen einher ging. Sichtbar wird dies vor allem auch an Investitionen in eine rege Bautätigkeit und massenhafte Gütererzeugung. Weil dafür originäre ästhetische Vorbilder ebenso fehlten wie eigene Gestaltungskonzepte, bediente man sich aller nur denkbaren Kunstäußerungen vergangener Zeiten, die allerdings auch in ideeller Hinsicht in hohem Ansehen standen. Durch diese Form der Verehrung historischer Leistungen werden frühere Stile also schlicht nachgeahmt, kopiert, modifiziert oder gestalterisch nachempfunden. Der erst später eingeführte Kategorialbegriff »Historismus« findet europaweit seine Verbreitung. 

  

 

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Galée Tischlampe (1900)

Zu erinnern ist daran, dass bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch keine systematische Einordnung nach kunsthistorischen Epochen oder Phasen im modernen Sinne vorlag. Besonders augenscheinlich wird der erwähnte »Stileleklektizismus« in der Fassadenarchitektur, denn mancher gewöhnliche Profanbau erinnert eher an römische Paläste, griechische Tempel oder die verspielte Ornamentik von Barockschlössern.

Gebrauchsformen und Alltagsgegenstände zur Ausstattung des persönlichen Umfeldes bildet hier natürlich keine Ausnahme, denn die geistige Orientierung und Verehrung der Vergangenheit setzte sich hier fort. Folglich zeigt sich auch an industriell fabrizierten Massenprodukten, also an Haushaltsgeräten, Beleuchtungskörpern, Fahrzeugen oder Werkzeugen, dass sie meist ohne jeden konstruktiven Bezug mit oft schwülstigen Dekoren oder Schmuckelementen überzogen werden. Dabei treibt die ausgeprägte Sucht des aufgestiegenen, »neureichen« Bürgertums mit seiner regelrechten »Dekorationswut« (Gert Selle) bisweilen sonderbare Blüten hervor und übernimmt gleichzeitig eine prägende Vorbildfunktion für die Volksmassen, deren der Zugang zu billigen Waren wiederum erst durch die Massenproduktion ermöglicht wurde. Das vermeintlich Prunkvolle feudaler Zeiten, ehedem nur wenigen sozialen Eliten aus Adel oder Klerus vorbehalten, wird nun von breiten Bevölkerungsschichten hemmungslos benutzt. „Diese generelle Hinwendung [zur Stilkopie] und der Verfall tradierter Wert- und Qualitätsvorstellungen forcieren einen Trend zu Imitation und Kitsch in weiten Bereichen.“ (Herbert Lindinger/Claus-Henning Huchthausen, S. 10) Friedrich Nietzsche, kritischer Beobachter dieser orientierungslosen Entgleisungen, beklagte das Kopieren stilgeschichtlicher Vorbilder und deutete es als schöpferische Schwäche. 

Insofern ist die kurze Epoche des bereits vor der Jahrhundertwende aufkommenden Jugendstils zwar durchaus als „Absetzbewegung gegen den Historismus“ (Michael Müller) zu deuten, doch entwickelt er als populäre Stilvariante am Vorabend der klassischen Moderne durch sein international verbreitetes Programm einer „neuen Kunst“ oder „Art Nouveau“ (Frankreich, Belgien, Spanien) ein charakteristisches Gestaltungsalphabet. Der allerorten propagierte Jugendstil verstand sich weit über seine ästhetischen Äußerungen hinaus als legitime Erneuerungsbewegung eines neuen Lebensstils (Wandervogelbewegung, Literatur, Kleidung, Körperertüchtigung etc.). Seine signifikanten, sich in allen denkbaren Gegenständen manifestierenden neuen Formqualitäten, wie in Architektur, Möbelbau, Glas, Tapeten, Gebrauchsgrafik et cetera, sind jedoch nicht einheitlich: Einerseits suchen sie den Bezug zur Natur und bilden Anklänge an vegetabile Vorbilder, beispielsweise in Gestalt von Blütenkelchen, geschwungenen Ranken oder Blättern. So bilden sie oft ein ästhetisches Grundmotiv in einer amorphen Architektur, im Interieur oder den geschwungenen Formen von Gebrauchsgütern. Andererseits sind dies meist keine bloß naturalistisch übernommenen Merkmale, sondern sie sind der Natur eher nachempfundene, organisch-fließende oder florale Formen, „die einen Gemütszustand symbolisieren können“. (Michael Müller) Diesen organischen, gelegentlich auch Erotik symbolisierenden, Objekten stehen strenge, geometrisch angelegte Gestaltungskonzepte gegenüber (z.B. in Österreich mit der Wiener Sezession oder in Schottland mit Charles R. Mackintosh), die mit ihrer markant gezügelten Zeichensprache und ihrem klaren Grundkonzept die Hinwendung zu funktionalistischen Gestaltungslösungen bereits andeuten. 

 

 

© Werner Stehr

Quellen:
Herbert Lindinger: Jugendstil in Europa
Hermann Muthesius: Jugendstil
Henry van de Velde: Das neue Ornament
Peter Behrens: Stil? (1922)

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Jugendstilvase (Wien)

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Otto Wagner Sessel

Einstelldatum: September 2008