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Dieter Rams Stereo-Kompaktgerät „RC 81“

Dieter Rams Stereo-Kompaktgerät „RC 81“, 1958 Rüsternholz, Kunststoff, Eisen Hersteller: Braun AG
Dieter Rams Stereo-Kompaktgerät „RC 81“, 1958, Rüsternholz, Kunststoff, Eisen Hersteller: Braun AG

„Weniger, aber besser!“ ist der wohl prominenteste Leitsatz des international renommierten Designers Dieter Rams (*1932). Mit Hans Gugelot und Wilhelm Wagenfeld revolutionierte er seit Mitte der 1950er Jahre die Produktgestaltung. Gemeinsam bildeten sie das Dreigestirn des deutschen Industriedesigns. Von 1955 bis 1997 entwickelte Rams beim Elektro-Kleingerätehersteller Braun – zunächst als Architekt, anschließend als Chefdesigner und zuletzt als Direktor – einen eigenen unverkennbaren Stil, der Funktionalität und Ästhetik gepaart mit kalkuliertem Understatement verschmolz. Diese charakteristische Art der Gestaltung gewann internationale Anerkennung und eine fortwährende Vorbildfunktion. An der Hochschule für bildende Künste Hamburg konnte Rams als Professor für Industriedesign von 1981 bis 1997 die in Jahrzehnten erworbenen Erfahrungen aus der Praxis weitergeben und die stets wiederkehrenden Probleme, die Material, Konstruktion und Funktion aufwarfen, artikulieren und dokumentieren. Damit gelang es ihm seinem spezifischen Stil, jenem eigenwilligen technisch orientierten Gestalten, einen wissenschaftlichen Unterbau abzuringen. Ferner leitete er von 1987 bis 1997 als Präsident des Rates für Formgebung das deutsche Kompetenzzentrum für Kommunikation und Wissenstransfer im Bereich Design. Rams hatte über mehrere Jahrzehnte Schlüsselstellungen inne, die die Schnittstellen von Produktdesign, Wissenschaft und Wirtschaft in einer wohl singulären Weise miteinander verwoben. Bezeichnend für dessen gestalterische Diktion ist das Stereo-Kompaktgerät „RC 81“ der Atelier-Modellreihe von Braun aus dem Jahr 1958. Drei Gesichtspunkte sind gleichermaßen von besonderem Interesse: technischer Fortschritt, originäre Formgebung und die sich in der Produktion von Luxusgütern widerspiegelnde wirtschaftliche Entwicklung der jungen Bundesrepublik. Gegen Ende der 1950er Jahre zeichnete sich eine Verdrängung der Monophonie, der ennuyanten Schallübertragung mittels Einkanaltechnik, durch die Stereophonie, der plastischen Klangwiedergabe mittels Zweikanaltechnik, ab. Bereits seit den 1920er Jahren fanden Experimente mit mehrkanaligen Übertragungs-und Aufzeichnungsverfahren statt. Ziel war, dem Hörer ein bestmögliches Klangerlebnis zu ermöglichen. Hierzu sollte eine räumliche und naturgetreue Wiedergabe generiert werden. Nachdem die Stereophonie im Film erfolgreich Fuß gefasst hatte und sich ein Wechsel zu stereophonen Rundfunkübertragungen bei den Sendeanstalten ankündigte, einigte sich 1958 die Schallplattenindustrie auf ein international einheitliches Aufzeichnungsverfahren für Stereo-Schallplatten. Obwohl sich diese Entwicklung erst in den 1960er Jahren manifestierte und zur Marktreife gelang, griff Rams schon 1958 diese technische Innovation auf und setzte sie im Stereo-Kompaktgerät „RC 81“ um. Zur Generierung des für die Stereophonie charakteristischen räumlichen Wiedergabeeffektes war es nötig, die bisherige Einheit von Radioempfänger bzw. Schallplattenspieler und Lautsprecher aufzuheben sowie einen zweiten Lautsprecher zu nutzen. Bilden hierbei beide Lautsprecher und der Hörer ein gleichseitiges Dreieck, das so genannte Stereodreieck, entsteht die Illusion eines Klangbildes dessen körperliche Ausdehnung sich sowohl in einer horizontalen Auflösung als auch in einer Tiefenstaffelung zu erstrecken scheint. Das „RC 81“ setzt sich aus dem „Atelier 1-81 Stereo“ und den Lautsprecherboxen „L 11“ zusammen. Es handelt es sich hier um eine Stereoanlage im Baukastensystem, die aus standardisierten Einzelbauteilen besteht. Das „Atelier 1-81 Stereo“ vereint Steuergerät, Radioempfänger und Schallplattenspieler in einem. Bereits 1955 hatte Rams mit dem Entwurf des Braun „SK 4“ und „SK 5“ große Erfolge feiern können. Aufgrund ihrer Plexiglas-Abdeckungen wurden diese Empfänger-Plattenspieler-Kombinationen als „Schneewittchensärge“ bekannt. Als Vorlage dienten, wie später auch beim „RC 81“, die Entwürfe von Hans Gugelot, der mit dem Braun „G 11“ und dem Musikschrank „PK-G“ aus den Jahren 1955/56 das Design von Radiogehäusen revolutioniert hatte. Querformat, schwere dunkle Hölzer, Goldzierleisten und Stoffverkleidungen prägten seit Mitte der 1930er Jahre das teils im Jugendstil oder Art Déco gehaltene teils wuchtige barocke Einheitsgewand von Radios und Musiktruhen. Sie sollten als zentrales Schmuck-und Möbelstück des Wohnraums dienen. Die allgemeine Einführung elfenbeinfarbiger Tasten zu Beginn der 1950er Jahre, welche die Verhöhnung als „Gebiss-Radios“ nach sich zog, verstärkte zudem jenes konforme und eintönige Erscheinungsbild. Dem typischen geschwungenen und gespreizten Möbelstil der 1950er Jahre entsprachen diese Gehäuse indes keineswegs. Gugelot behielt das Querformat, die „Gebiss-Tasten“ und die lang gestreckte Skala an der unteren Frontseite bei, verwand jedoch helle Hölzer für ein minimalistisches Gehäuse sowie geprägte Blech-Stanzteile für die schräg gestellten Skalen und die Lautsprecherabdeckungen. Ein gestalterischer Quantensprung war hier vollzogen worden. Funktionalität und elegante Schlichtheit in hellen, leichten Tönen strahlten dem muffigen phantasielosen Einheitsantlitz von zwei Jahrzehnten Radioentwicklung entgegen. Nachteilig auf die Wiedergabe wirkten sich jedoch die verwandten Blechteile aus, dennoch übernahm Rams dieses avantgardistische Konzept für die Atelier-Modellreihe. Den Holzanteil verringerte er konsequent weiter und verstärkte damit das lichte und strahlende Erscheinungsbild. Das „G 11“ und das „RC 81“ erscheinen dem Betrachter entrückt, sie wollen so gar nicht dem tradierten Bild der Wohn-und Designkultur der 1950er Jahre entsprechen. Sie hinterlassen eher einen progressiven und wegweisenden Eindruck gleich einem flüchtigen Blick in die Zukunft.

Urheber: Oliver Groß

Einstelldatum: August 2012