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Die wilden Achtziger und Postmoderne

Zwar hatten sich die politischen Turbulenzen und weltweiten Jugendproteste gelegt, doch die Entwicklungen waren keineswegs ohne Überraschungen, Widersprüche, Verirrungen. Vielleicht ist es symptomatisch, im Musterland extravaganten Designs, in Italien, zieht 1981 die attraktive Gespielin des amerikanischen Künstlers Jeff Koons, die Pornoaktrice Cicciolina (ital. "das Schnuckelchen"), ins römische Parlament als Abgeordnete der Partito Radicale ein. Und Koons agiler Mitbürger, der Schauspieler Ronald Reagan, wird zeitgleich von unseren atlantischen Verbündeten zu ihrem Präsidenten gekürt. Umjubelt fordert er 1983 in Berlin: »Mister Gorbatchew tear down this wall !« Bekanntlich kam das dann schneller als alle begriffen, schon ab 1985 wirkte Michail Gorbatschow als Wegbereiter für radikale Reformen. Mit Glasnost und Perestroika, also Transparenz und Umgestaltung, leitete er eine beispiellose weltpolitische Umwälzung ein, die schließlich zur Auflösung der UDSSR führt und bis heute in die Weltpolitik bestimmt. 

Auch die Designszene zeigt sich in jener Zeit turbulent und widersprüchlich. Auf der einen Seite etabliert sich das ökologisch orientierte Design, auf der anderen ist eine ablesbare Auflehnung gegen die funktionalistische "weniger ist mehr"-Ideologie bereits erkennbar. Das populäre Einrichtungsmagazin Schöner Wohnen blickt im Jahre 2000 zurück auf die Jahrzehnte zuvor und konstatiert: "Der Wohnungsstandard ist hoch, Yuppies, eine neue Schicht erfolgreicher Singles, bestimmen den Lebensstil. Man zeigt, was man hat, und was man hat, muss auf den ersten Blick erkennbar sein, plakative Memphis-Möbel kommen da gerade recht." (Heft 2) Doch das, was damals als »aufmüpfig«, »irritierend« oder gar »revolutionär« etikettiert wird, bedarf einer Relativierung, weil die auftauchenden ungewöhnlich bunten Gegenstände – form follows fun – wenig über die tatsächlichen Zusammenhänge aussagen. Meist bleiben die Hintergründe ausgeblendet. Denn vorausgegangen waren den »wilden Achtzigern« die schon seit den 60er Jahren vornehmlich in den USA geführten Kontroversen um die spektakuläre postmoderne Architektur, die sich deutlich von herkömmlichen Architekturauffassungen unterschied. Im zurückhaltenden Deutschland zogen erst sehr viel später exponierte Gebäude, wie die 1984 von James Stirling entworfene Neue Staatsgalerie in Stuttgart (http://www.staatsgalerie.de/geschichte/neu.php), die Aufmerksamkeit auf sich. Und das neue, nun aufkommende extrovertierte Design profitierte - formal, inhaltlich, ideologisch - vor allem zunächst von der postmodernen Architektur.


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Raumeteiler Carlton von Ettore Sottsass
Foto: Museum für Angewandte Kunst Frankfurt

Besonders von den Revoluzzern aus Italien ging nach den legendären Auftritten ihrer Architektur- und Designschmieden (»Italy: The New Domestic Landscape« im Museum of Modern Art) in New York 1972 und 1981 in Mailand - mit »Alchimia« und »Memphis« - eine ungeahnte Wirkung aus, die in der Folgezeit die internationalen Märkte aufmischte. Jedenfalls war es den vitalen Italienern einschließlich ihren sekundierenden Theorielieferanten gelungen, dem päpstlich gehüteten funktionalistischen Design einen Makel der Langeweile und ästhetischen Verarmung anzuhängen. »Immer mehr Kritiker begannen sich gegen Ende der 60er Jahre zu fragen, ob die geglätteten Produkte, wenngleich sie hervorragend funktionierten, nicht eher steril als human wirkten.« (Marion Godau, a.a.O.) Aus Sicht optimierter Verkaufschancen erscheint plausibel, dass dieses Lamento auch sofort von bestimmten Produzenten und ihren Werbefritzen mit Lobeshymnen nachgebetet wurde, zumal das bunte, lebhafte und manchmal schrille Design vor allem bei jungen Zielgruppen ausgezeichnete Marktchancen eröffnete. 

Während also damals in Deutschland im Design eher noch das Credo des Seriösen und Funktionalistischen herumgeisterte – neben dem in der Bevölkerung weit verbreiteten ›Gelsenkirchener Barock‹ mit Nußbaumschrankwand und geblümtem Bettvorleger –, waren in Italien die Verhältnisse schon seit jeher anders – und nicht erst seit Cicciolina. »Und in der Tat: Als hätten sie nur auf ein Signal gewartet, lassen sich Europas Designer nun von Memphis inspirieren, was in Wahrheit kein Stil ist, sondern ein Programm voller ›Komplexität und Widerspruch‹ (Venturi lässt grüßen). Damit trifft Memphis den Nerv der Zeit, denn auch die Welt jenseits des Designs ist voller Gegensätze und Ungereimtheiten, manchmal irrational bis zur Absurdität.“ (Kurt Gustmann, a.a.O.)
Von ihren von Oppositionsgeist und Kritik getragenen phantasievollen Entwürfen her betrachtet, werfen Memphis und Alchimia alle bisherigen funktionalistischen Regeln und Gestaltungskonventionen über den Haufen. »In Memphis’ und Alchimias Arbeiten formulierte sich ein völlig neues Verständnis von Design. Es wurde zum Frontalangriff auf eine bis dahin allgegenwärtige puristische Ästhetik. Mit Witz, Ironie und Provokationen machten vor allem junge Designer auf ein Riesenmanko der bisher herrschenden Designdoktrin aufmerksam: dem Fehlen von Emotionen und Sinnlichkeit. Und tatsächlich konnte die Formel »form follows function« keine Antwort darauf geben, warum Menschen emotionale Objektbeziehungen zu Gegenständen aufbauen, warum manche einen bestimmten Kaffeetopf lieben oder nur diese eine Automarke fahren wollen. [...] Das neue, emotionsgeladene Design der 80er Jahre verursachte nicht nur ein nachhaltiges Umdenken in der Formgebung, es führte auch zu neuen Konzepten in Herstellung und Vertrieb. Die meist in Kleinserie handwerklich hergestellten neuen Möbel und Accessoires der Designrebellen wurden auf Ausstellungen wie Kunstwerke präsentiert, in neu entstandenen Designgalerien vertrieben oder einfach auf Bestellung verschickt. [...] Nicht wenige Designer mit Talent zur Selbstdarstellung schafften den Sprung aus den Fachblättern in die Wochenmagazine und Tageszeitungen. Bekanntestes Beispiel ist der Franzose Philippe Starck, der mit unkonventionellen Entwürfen und unverwechselbarem Stil weltweit bekannt wurde.« (siehe Marion Godau: »Was ist Design?«) Ein wenig resignativ beklagt Dieter Rams in jener Zeit angesichts der frechen Kritik und augenfälligen Kostümierung der Gebrauchsdinge »die aufgehende Hefe des Memphis-Kuchens« (1985).

© Werner Stehr

(Siehe die Abbildungen im Beitrag von Oraide Bäß
)

Quellen:
Oraide Bäß: Die 80er Jahre – Pluralismus im Design
Alessandro Mendini: Das Alchimia-Manifest (1985)
Alessandro Mendini: Im Februar 1983.
Werner Stehr: »Die aufgehende Hefe des Memphis-Kuchens«.

Einstelldatum: September 2008