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Die Entwicklung von ICE-Zügen

Die Entwicklung von ICE-Zügen



Der InterCityExpress 3 (ICE) für Geschwindigkeiten bis zu 330 km/h (1994 – 1999)

Die Hochgeschwindigkeitszüge (ICE) der deutschen Bahn wurden vom Kunden  besonders gut angenommen und sind darüber hinaus zum begehrten Exportschlager geworden. Das ist, neben der Technik, ganz wesentlich dem Design der Züge zu verdanken. Es stammt von Alexander Neumeister (*1941), der die Züge von der schnittigen äußeren Form bis hin ins kleinste Detail der Inneneinrichtung gestaltete. Das Beispiel zeigt, welche wichtige Rolle das Produktdesign heute spielt. „Früher“, erinnert sich Neumeister, „wurden die Designer gerufen, wenn die Techniker ihre Arbeit getan hatten. Dann durfte man sagen, ´Ich möchte statt einer Ecke lieber eine Rundung´, - oft vergeblich. Denn es war bereits alles konstruiert. Man kämpfte häufig erfolglos um Kleinigkeiten“ (form 153/ 1,1996). Inzwischen wird dem Design ein hoher Stellenwert beigemessen. Bei der Gestaltung von Produkten arbeiten Konstrukteure und Designer eng zusammen. Der Designer sieht sich dabei in Verantwortung gegenüber den einzelnen Menschen, der Natur, der Kultur und wirtschaftlichen Bedürfnissen.

Die neue Zug-Flotte, bestehend aus dem ICE 3 und seinem kleineren Bruder ICE-T, ist in enger Kooperation mit den Topmanagern der Bahn, deren Technikern und der Industrie entstanden. Die Gestalt der Züge und ihrer ansprechenden Qualitäten für den Nutzer sollten zu einem wesentlichen Verkaufsargument werden. Wie so oft, ermöglichten auch hier technische Innovationen neue Gestaltungsräume: So waren die Erfahrungen im Leicht-bau mit Aluminiumteilen weiter fortgeschritten als noch beim ersten ICE.



Anders als seine Vorgänger ist der Zug so konzipiert, dass der gesamte Antrieb unter dem Flur der Wägen untergebracht ist. Diese technische Innovation ermöglichte ein neues Design: Von der Spitze bis zum Zugende entsteht ein durchgehender Passagierraum, eine Reiselandschaft. Der Zugführer arbeitet nicht mehr in einer vom Rest des Zuges abgetrennten Lokomotive, sondern er sitzt mit den Fahrgästen in einem Raum, nur eine vollverglaste Trennwand schirmt ihn ab. Die Reisenden in dieser so genannten Frontlounge erleben ein neues Fahr-gefühl, sie können dem Zugführer über die Schulter schauen. Viele Details sorgen zudem für ein angenehmeres Reisen, was den Anreiz zum Umstieg vom Flugzeug auf den Zug erhöhen soll. So wurden die Toilettenanlagen vom Schmuddel- Image befreit und die Eingangssituation der Wägen großzügiger und einladender gestaltet. Hohe Geschwindigkeiten auf tunnelreichen Fahrstrecken erfordern zudem eine spezielle Kopfform des Bugs (Zugspitze). Dies wurde vom Designer berücksichtigt: Die endgültige Form entstand,  noch bevor Techniker im Windkanal das Produkt testeten und bestätigten. Diese  Vorgehensweise erwies sich als richtig.


Entwicklungsprozess


Hinter einem Produkt wie dem ICE steht ein spannender Entwicklungsprozess, der sich in folgende Einzelschritte gliedert: 


Phase 1 – Konzeptentwicklung



• Einladung zu einem internationalen Wettbewerb mit insgesamt 3 Teams. Es ist üblich, dass die Auftraggeber gezielt bekannte und erfahrene Büros ansprechen und einladen.
• Die Ausschreibung war verbunden mit einem „Briefing“, einer Definition der Aufgabe und einer Darstellung der technischen Rahmenbedingungen. In diesem Fall beschränkte sich das Briefing auf wenige wichtige Merkmale. Dem Design wurde seitens des Auftraggebers eine zentrale Bedeutung zugemessen: So heißt es, es sei „zwingend notwendig, den Fahrzeugen eine zukunftsweisende Gestalt zu geben. Sie müssen die heutigen nationalen und internationalen Standards übertreffen, denn der Einsatzschwerpunkt der Züge liegt im dritten Jahrtausend“. (form. 153/ 1,1996)
• Konzeptentwicklung (6 Wochen). Folgende Grundüberlegung steht am Anfang: „Was sind die Merkmale des Zugreisens?“ Es entstehen erste Handskizzen: Die charakteristische Form entwickelt sich aus dem Fahrzeugquerschnitt des Zuges, es folgen Entwurfszeichnungen am PC, Variationen von Grundrissen des Innenraums, detailgenaue räumlich wirkende Darstellungen (2D) und ein Modell im Maßstab 1:10.
• Vertreter der Industrie und der Bahn sind als Berater eingebunden
• Das Top-Management des Auftraggebers entscheidet über den 1. Preis beim Wettbewerb



Abb. Handskizze (Schnittzeichnung); Entwurfszeichnung (Schnitt); Räuml. wirkende Darstellung (2D) Innenraum; Maßstabsgetreues Modell (1:10) des Innenraumes; Seitenansichten beider Züge (ICE 3 + ICE-T)


Phase 2 – Vorentwicklung und Modellierung





• Gemeinsame Vorentwicklung: Technische Abstimmung zwischen den Fachleuten der Bahn, der Industrie und des Designbüros; Entwurf aller Details des Zuges (Entwicklungszeit: 8 Monate)
• Es entstehen Modelle in Originalgröße, sog. „Mock-Ups“, von Innenraum und Außengestalt; ein aufwändiger Arbeitsprozess, der 10 Wochen in Anspruch nahm. Mit Hilfe einer programmierbaren Fräsmaschine wird der Zugkopf aus zwei Hälften erstellt, zusammengesetzt und mit dem zylindrischen Mittelwagen verbunden.. Die Modelle im Maßstab 1:1 werden in einer Halle aufgebaut. Solche Mock-Ups helfen nicht nur, sich eine genaue Vorstellung zu verschaffen, sondern dienen auch dazu, ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Die Bahn führte zusätzlich Testbefragungen mit Kunden durch. Zusammen mit  den Mock-Ups der Züge wurden außerdem eine neue Überdachung und Prototypen für Bahnsteig- Mobiliar vorgestellt.
• Präsentation des Modells vor dem Top-Management des Auftraggebers mit anschließender Begehung; Diskussion aller Details.
• Entscheidung und Freigabe durch das Top-Management, endgültige Festlegung aller Gestaltungselemente.



Abb.: 1:1-Modelle in Hartschaum (Mock-Ups); fotografische Visualisierung der zwei Züge in einer ehemaligen Produktionshalle von Siemens.


Phase 3 – Konstruktion und Umsetzung


• Konstruktionsbetreuung: Das Designbüro begleitet den Entwicklungs- und Produktionsprozess in der Industrie beratend, auftretende Probleme werden in gemeinsamer Abstimmung der Beteiligten (Auftraggeber, Industrie, Designer) gelöst.
• Fertigstellung eines ersten, voll funktionsfähigen Prototyps. Damit ist die Beteiligung des Designers abgeschlossen.


Das ICE-3 Design als Exportmodell

„Andere Länder, andere (Design-) Sitten“. In der Tat spielt beim Design auch die kulturelle Identität eine prägende Rolle, die Produkte müssen – nicht nur bei der Namensgebung – häufig den spezifischen Anforderungen angepasst werden, um international bestehen zu können. Zum ICE gibt es daher gleich mehrere Varianten.  Auf Basis des gleichen Modells entstehen für andere nationale Bedürfnisse Züge mit abgewandelten Innen- und Außendetails für Spanien, Russland und China.


Spaniens „Velaro“ AVE S 103




In Spanien steht der neue Hochgeschwindigkeitszug in direkter Konkurrenz zur gängigen Flugstrecke Barcelona-Madrid. Um Kunden das Umsteigen auf den Zug schmackhaft zu machen, wurde deshalb das Komfortniveau  der “Preferente“ – vergleichbar mit der 1.Klasse im ICE – an den Flugzeugstandard einer Business-Class im Intercontinentalflug angelehnt. Zudem erwarten die Fahrgäste hier eine besonders luxuriöse Ausstattung: Es gibt einen eigenen VIP-Bereich in der Frontlounge der Zugspitze mit einem Konferenztisch aus Glas und Alu-Chairs, außerdem Deckenmonitore an jedem Platz, hochwertige Materialien wie Holzparkett, Echtfurniere und Edelstahl. Alle Sitze im gesamten Zug lassen sich zudem in die Fahrtrichtung drehen. Großzügigere Sitzabstände schaffen mehr Beinfreiheit und breitere Klapptische, mehr  Platz für die Tabletts des Servicepersonals. Statt der anderswo üblichen zwei, gibt es hier drei Zugklassen. Der Ehrgeiz, die Weltspitze der schnellsten fahrplanmäßig verkehrenden Züge einzunehmen, soll sich auch im Design widerspiegeln. Ein rundum durchlaufendes blaues Band auf weiß glänzender Außenhülle signalisiert für Eleganz und Geschwindigkeit.


Russlands „Sapsan“ (Wanderfalke)




In Russland musste der Zug der dort größeren Schienebreite angepasst werden. Dies ermöglicht die Erfüllung einer anderen Forderung: die Ausrüstung mit einer frostsicheren Isolierung, die es erlaubt, dass der Zug zwei Tage lang bei 40 Grad Kälte stehen kann, ohne dass die Passagiere leiden müssen. Für eine höhere Kapazität an Sitzplätzen wurde der Zug auf eine Länge von 250 Meter erweitert. Aufgrund anderer Vorschriften muss es dem Lokführer zudem möglich sein, den Zug sowohl im sitzenden als auch stehenden Betrieb zu führen. Das bedingte eine andere Form des Zugcockpits.


China CRH 3 „Harmonie“




Hier wurde der Wunsch der Auftraggeber erfüllt, dass sich auf der einen Seite des Wagens eine Reihe von drei, auf der anderen zwei Sitzplätze befinden. Wie in den anderen Ländern wurde auch hier die Farbgebung dem Erscheinungsbild des Unternehmens angepasst. Weitere abweichende Details beziehen sich neben anderen Farben und Materialien auf andere Gewohnheiten der Kunden - so ist es speziell in China üblich, Heißwasserspender bereitzuhalten, damit die Fahrgäste Tee oder Nudelsuppe zubereiten können.

Abb.: Zugversionen Spanien, Russland und China

Alexander Neumeister (*1941) ist einer der führenden Produktdesigner. Seine Produkte zieren inzwischen sogar Briefmarken. Von ihm stammen u.a. der japanische Superschnellzug Shinkansen Nozomi 500, U-Bahnen, TV-und HIFI-Geräte, Telefone und medizinische Lasergeräte. Er ist Absolvent der früheren Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG), der nach 1945 bedeutendsten Designhochschule. Von entscheidendem Einfluss war ein längerer Studienaufenthalt in Japan. In Brasilien unterhielt er lange Zeit ein Büro. Inzwischen lebt er dort die Hälfte des Jahres. Neumeister erhielt zahlreiche nationale und internationale Designpreise. Das Material für dieses Kapitel hat Alexander Neumeister persönlich zur Verfügung gestellt und er stand beratend zu Seite.

Urheber: Martin Oswald

Einstelldatum: März 2011