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Designvermittlung im Wandel der Zeit

Schon immer sollten sich Kinder und Jugendliche mit ihrer gestalteten Umwelt auseinandersetzen, um sie für diese zu sensibilisieren. Es sollte ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass jedem gestalteten, also nicht natürlichen Gegenstand ein Gestaltungsprozess in umfassender Weise vorausgeht.

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Schüler mit Werkbundkiste: Schüler beim Betrachten von Kannenformen. Proportionen werden anhand der Silhouette untersucht.
Betrachtungsmaterial von der Kiste: Das Gießgefäß, Foto: Elly Lieb, Landesgewerbeamt, Stuttgart, in: Kunstunterricht und Umweltgestaltung, S.23, Badisches Landesmuseum (Hrsg.), Karlsruhe,1961


Betrachtet man die Entwicklung der Designvermittlung innerhalb eines Jahrhunderts wird deutlich, wie sehr sich die Begründungen, warum Kinder sich mit Gestaltung auseinandersetzen sollten, unterschieden. Es gibt aber auch Bereiche, in denen sich die Intention von heute kaum von Haltungen im 20. Jahrhundert unterscheidet. 
Die einzelnen Strömungen der Designvermittlung kann man gut anhand der ihr eigenen Schlagworte zusammenfassen:
Die Geschmackserziehung der 1950er und 1960er Jahre versuchte die Einheit von Form-, Material- und Funktionsgerechtigkeit in der Guten Form zu veranschaulichen, die auch mit moralischen Werten wie Ehrlichkeit, Wahrheit, Anstand und Menschlichkeit in Zusammenhang gebracht wurde. Im Unterricht wurden vom Werkbund initiierte Lehrmittelkisten zu verschiedenen Themen eingesetzt mit deren Hilfe die Gute Form durch den Umgang mit den Originalobjekten wortwörtlich begriffen werden sollte. Die Produkte wurden einerseits auf ihre verschiedenen formalästhetischen Funktionen hin analysiert, andererseits sollte die Formsprache beispielsweise durch Skizzieren und Ausschneiden der Objektumrisse in verschiedenen Techniken verinnerlicht werden. Eigene, wirklich eigenständige Gestaltungsarbeit fand selten Einzug in den Schulalltag.
Wirtschaftliche Aspekte spielten eine nicht unbedeutende Rolle. Sollte doch die Marke „Made in Germany“ durch Gestaltung und Qualität nachhaltig wettbewerbsfähig werden. Die Pädagogen gaben vor, was und warum etwas schön und nützlich zu sein hatte und entließen die Kinder allnachmittäglich in die im Unterricht meist geächteten Wohnverhältnisse der Familien, die jedoch den Kindern Identität stifteten. Die Erziehung zur Guten Form (Link) ging somit meist an den subjektiven Bedürfnissen vorbei.

Die 1970er und 1980er Jahre standen ganz unter dem Vorzeichen der Konsumentenerziehung. Die allgemeine Politisierung der Zeit machte nicht vor Bildungskonzepten halt und so wurde Umweltgestaltung als Mittel zur kritischen Konsumentenaufklärung und Demokratisierung der Verbraucher proklamiert. Ästhetische Aspekte des Designs wurden nur am Rande behandelt, der Fokus der Designbetrachtungen lag auf soziologischen und produktionsbedingten Aspekten des Designs und vor allem auf dem Konsumverhalten der Verbraucher.  
Dem emotionalen Begegnen der Umwelt, welches aus dem Unwissen über Gestaltung resultiert, wollte man ein umfangreiches Wissen entgegensetzen und so die Schüler zum rationalen Handeln mit der gestalteten Umwelt befähigen. Es wurden vor allem Projekte empfohlen, die durch praktische Untersuchung die soziokulturellen Aufgaben von Design zum Vorschein brachten um so die zukünftigen Konsumenten mit Entscheidungskompetenz auszustatten.
Heute werden Designprojekte oft damit begründet, die Problemlösungskompetenz der Kinder zu stärken. Der Umgang mit der gestalteten Umwelt kann Handlungsmuster aufzeigen, die Kindern und Jugendlichen dabei helfen, eine eigenständige und verantwortungsvolle Haltung zu ihrer Umwelt zu entwickeln. Es geht an diesem Punkt nicht darum, was gut ist, sondern was mir bzw. meinen Mitmenschen gleichermaßen gut tut. Hier zielt die Intention darauf ab, Kinder darin zu unterstützen ihren eigenen Wertekanon zu finden. Dies führt zur zentralen Frage, welche Werte nach wie vor vermittelt werden können und in wie weit die Auseinandersetzung mit der gestalteten Umwelt unsere individuelle und kulturelle Identität prägt.
Kultur kann man stark vereinfacht als die Idee umschreiben, die Welt in verbindliche Strukturen zu bringen. Einstmals verbindliche Strukturen und Verantwortungsbereiche scheinen jedoch im Zuge der globalisierten Welt zu verschwinden, Kommunikations- und Informationsstrukturen unterliegen einem rasanten dynamischen Wandel. Die Bausteine, aus denen sich unsere kulturelle Identität zusammensetzt, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und machen die Definition eines allgemeingültigen Wertesystems unmöglich.
Durch den Wegfall eines verbindlichen Wertesystems erscheint es immer wichtiger, Methoden zur Stärkung der Handlungskompetenz für Kinder zu entwickeln. Unter Handlungskompetenz versteht man die „[...] Fähigkeit des Einzelnen sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht, durchdacht, sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten“ (Kultusministerkonferenz, 5. Februar 1999 aus http://www.uni-osnabrueck.de/11571.html).
Wie schon zuvor beschrieben, machen Werte einen großen Teil des Wesens der Kultur aus und daraus ergibt sich die Frage, welche Werte weiterhin für ein gesellschaftliches Funktionieren von Bedeutung sind und wo Designvermittlung ihren Beitrag dazu leisten kann. In der aktuellen Bildungsdiskussion wird viel mit unterschiedlichen Kompetenzen argumentiert. Kompetenz will ich als die Befähigung oder Qualifikation zu Denkprozessen und/oder Handlungsabläufen beschreiben. Sie vereinigt Fähigkeiten und Fertigkeiten und ist nicht auf ein bestehendes Wissensgebiet beschränkt. Kompetenz ist im Gegensatz zum abprüfbaren Wissen auf die Anwendbarkeit des Wissens ausgerichtet und zeigt somit lebensweltliche Bezüge auf. Der Kompetenzbegriff setzt aber einen gesellschaftlichen Konsens voraus, der nach wie vor durch einen Wertekanon bestimmt wird. So wie der Begriff heutzutage angewandt wird, weist er eine Analogie zur Einbindung ethischer Werte in früheren Diskussionen auf, nur dass diese heute nicht explizit ausgesprochen werden müssen, da sie – wie auch immer – im Kompetenzbegriff beinhaltet sind. Wer jedoch diese Werte definiert, wird ausgeklammert und es scheint, dass nur wenige Lehrende es Kindern zutrauen, solche Werte für sich selbst zu entwickeln.
Durch das Vertrauen, dass wir Kindern entgegenbringen, wenn wir ihnen Raum und Zeit geben um eigene Ideen und Lösungen zu entwickeln, ermöglichen wir ihnen ihr Selbstgefühl zu stärken, was zu einem stärkeren Verantwortungsbewusstsein führen kann. Dies beinhaltet aber auch Angebote zu schaffen in denen Kinder alle ihre Sinne kennenlernen können, um über das kognitive Lernen hinaus eine gesamtheitliche Bildung zu erlangen.
von Oraide Bäß

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Problemlösungskompetenz
Illustration: Oraide Bäß

Einstelldatum: Februar 2009