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Designpraxis

Marion Godau:
Designpraxis – Wie werden Produkte gestaltet?


Die Entwurfsarbeit des Designers folgt meist einem klaren Handlungsmuster. Vom Auftraggeber bekommt der Designer eine Aufgabenbeschreibung, das Briefing. Es beschreibt – laut interner Richtlinien diverser Unternehmen – das genaue Entwurfsthema mit Nennung der Zielgruppe und der anvisierten Preislage des neuen Produkts. Auch Eigenschaften, die die Neukreation haben soll, Herstellungsbedingungen, die es zu beachten gilt und Terminvorgaben finden sich im Briefing. Vielleicht ist sogar etwas über die gewünschte Anmutung zu lesen, etwa ob das neue Produkt also konservativ-gediegen oder jung-dynamisch aussehen soll. Der Designer bekommt nach diesem Modell per Briefing eine klare Handlungsanweisung, quasi eine Liste zum Abhaken.


„Lava“ von Studio Vertijet. „Wenn unsere Produkte einmal dazu beitragen, die Menschen zu sensibilisieren, hätten wir eines unserer Ideale erreicht“.

Nach dem Briefing entstehen vielleicht schon spontane Ideenskizzen. Es folgt die Beschäftigung mit Konkurrenzprodukten, um abzuklären, was schon auf dem Markt ist. Ein nächster Schritt wäre die Analyse von Funktionsweisen und Ästhetik des bereits Vorhandenen. Nachdem der Designer sich über das Produktumfeld informiert hat, arbeitet er an der Konzeption des neuen Produktes, etwa am prinzipiellen Aufbau und den Funktionen des neuen Gegenstandes. Er arbeitet Lösungsvarianten und Details aus. Immer wieder können alternative Lösungen weiterentwickelt und wieder verworfen werden. Der Gestalter entwirft und bewertet so lange, bis schließlich ein bestimmter Entwurf favorisiert, ausgearbeitet und dem Unternehmen präsentiert wird. Entscheidet das Management positiv, geht man an die endgültige Realisierung des Produktes. Der Entwurf wird optimiert und auf die Produktionsbedingungen abgestimmt.
Theoretisch ist also alles ganz klar. Doch ist die Kreation eines Produktes in der Praxis wirklich immer so stringent? Tatsächlich hängt die Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Designer sehr stark von der Art des Unternehmens ab. Ob es sich etwa um eine große Kapitalgesellschaft mit beinahe bürokratischen Entscheidungswegen handelt, oder um einen mittelständischen, Inhaber geführten Betrieb. Dies wiederum beeinflusst den Entwurfsprozess.

Aufgrund seiner Komplexität ist der Designprozess das Ergebnis von verschiedenen Partnern. Neben dem Designer sind zum Beispiel Marketing- und Vertriebsspezialisten, Techniker und Controller beteiligt.

Trotz klarer Design-Verfahrensanweisungen und Marketingrichtlinien läuft die Entstehung eines neuen Produktes fast nie nach Schema F ab. Wichtiger noch als ein ausführliches Briefing ist der ständige gegenseitige Austausch zwischen Designer und Unternehmen während des Entstehungsprozesses eines Produktes. Hier kommt es auf die persönlichen Beziehungen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer an.

Zu den Kernkompetenzen von Designern gehören neben räumlichem Vorstellungsvermögen, technischem Verständnis, Sensibilität für Form, Farbe, Material und kommende Trends ebenso Marketingkenntnisse und eine reflektierte Haltung zu ihrem Beruf und ihrer gesellschaftlichen Aufgabe.

Fast immer arbeiten mehrere Designer für ein Unternehmen. Sie sind optimal ausgewählt, wenn ihre unterschiedlichen individuellen Stile zu Unternehmensphilosophie und ästhetischem Anspruch passen. Trotz der scheinbaren Dominanz von produktionstechnischen Vorgaben und Marketingerwägungen werden Entscheidungen über die Auswahl von Designern und neuen Produkten besonders in mittelständischen Betrieben oftmals intuitiv gefällt.

Die von Designern gewünschte Form, technische Umsetzungsschwierigkeiten und die vom Unternehmen intendierten Ziele unter einen Hut zu bringen, ist ein anspruchsvolles Ziel, dass manchmal mit hoher Reibung verbunden ist und Dialogbereitschaft auf beiden Seiten erfordert.

Textauszug aus:
Godau, Marion: Produktdesign. Eine Einführung mit Beispielen aus der Praxis. Birkhäuser, Basel, 2004.


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Beispiel COR: Das Unternehmen verfügt über eine breite Produktpalette von nachhaltigen Polstersitzgruppen und –einzelmöbeln bis hin zu Tischen. Die Herstellung hat einen hohen handwerklichen Anteil.



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„Nuba“ von Studio Vertijet Die technische Funktion soll nicht sichtbar sein. Studio Vertijet will stattdessen „Emotionales“ zeigen. „Nuba“ soll wie aus einem Block gemacht wirken. Abb: Studio Vertijet

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COR Sitzmöbel Helmut Lünke GmbH & Co.

Einstelldatum: Oktober 2008