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Designgeschichte als Wissenschaft und als Erzählung

(Auszug aus: Gert Selle: Geschichte des Design in Deutschland. Frankfurt 2007, S. 11-16)

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Im Prinzip gibt es so viele Ansichten wie Autoren, die vorgefundene Konzepte angewendet, abgewandelt oder neue hinzuerfunden haben.
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Doch weder die nach stilistischen Merkmalen ordnende Betrachtungen des Vorfindlichen noch eine Reihung gestalteter Objekte oder 'Designklassiker' zu einem Kanon garantieren einen verlässliches Bild der Vergangenheit...
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Stilgeschichte und Kanon sparen weitgehend aus, was Produktkulturen wirklich waren und sind: Schnittstellen das Ausstoßes industrieller Massenwaren mit dem gesellschaftlichen Konsum einer Epoche als der tatsächlichen Aneignungsebene von Design.
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Vielmehr bildet sie sich im historischen Zusammenhang des Gestaltens, des Gestaltenden und des Gebrauchs auf einer Grundlage ökonomischer, technologischer und sozialer Entwicklung als Teil der Kulturgeschichte ab. Deshalb ist sie auch nicht mit Kunstgeschichte gleichzusetzen, als deren Anhängsel sie Lange Zeit galt.
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Heute ist im weitesten Sinne Designgeschichte und damit potenzieller Forschungsgegenstand der gesamte Bestand an Artefakten und 'Mentefakten'. Dabei geht es inhaltlich um Kategorien des Sichtbaren und Unsichtbaren, um mit oder ohne Absicht geformte Kulturprodukte und in den Lebensvollzug eingreifende Gestaltungsprogramme einschließlich ihrer Entstehungs-, Rezeptions- und Wirkungsgeschichte. Der Blick des Designhistorikers muss daher auf das kulturhistorische Gewebe gerichtet sein, in das Design eingesponnen ist.
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Ein Problem der Designgeschichtsforschung ist die oft nicht ausreichende Kontextualisierung erhobener Fakten und Daten: In welchen wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und gesamtkulturellen Zusammenhang ist die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte eines Produktes oder Dienstleistungsangebotes eingebettet?
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Ohne Umfeldanalyse, das heißt Kontextforschung, hängt jedes Designprodukt praktisch in der Luft.
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Ein Designobjekt erschließt sich nur begrenzt durch seine ästhetischen Merkmale (Formanalyse). Seine Produktionsgeschichte (Grundlagen der Fabrikation), seine Entwurfsgeschichte (Optimierung von Eigenschaften), seine Rezeptionsgeschichte (gesellschaftliche Akzeptanz) und seine Wirkungsgeschichte (Beitrag zum kulturellen Habitus) bilden einen Zusammenhang, ohne dessen Darstellung das überlieferte Objekt stumm, das heißt geschichtslos sein Sosein fristen würde.
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Produktkulturen entstehen aus der Summe aller im Gebrauch befindlichen Artefakte und Mentefakte einer Epoche und den Umgangsweisen mit ihnen, bzw. der Erfahrungen der Nutzer mit Dingen und Nicht-Dingen. In Produktkulturen findet sich Sichtbares und Unsichtbares, Gegenständliches und Immaterielles vereint – dies schon in den alten, eindeutig materiell bestimmten Gegenstandswelten, vermehrt aber dort, wo immaterielles Design unaufhaltsam in den Alltag der Postmoderne eindringt und erfahrungsleitend wirk.
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Designgeschichte war und ist mit Technikgeschichte immer noch so verschmolzen, dass sie davon nicht abgetrennt werden kann. Es gibt eine verborgenen Designgeschichte im Schatten jener, die als solche gilt. Verdeckt bleibt vor allem, was die technischen Systeme und Produkte mit uns machen, während wir glauben, uns ihrer nur zu bedienen.
[...]Zum designhistorischen Thema könnte demnach auch die Entmündigung des Gebrauchers durch technische Innovation und Design werden.
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Die Grundfrage ist, was das Grand Design der Industriekultur mit uns macht und welche Rolle Design im engeren Verhältnis bei diesem Umgestaltungsentwurf des Menschen übernimmt. Danach vor allem wird fragen müssen, wer sich heute mit Designgeschichte befasst. Denn hinter dem Gestalteten verbirgt sich immer das Gestaltende, hinter dem Gestalter alles, was seiner Arbeit vorgegeben ist – nicht nur der konkrete Auftrag im Einzelfall, sondern auch das strukturelle Programm einer ganzen Epoche, das sich ihren Produkten ablesen lässt.

Einstelldatum: November 2008