Volltextsuche
Redaktionelle Suchbegriffe

Design im Unterricht

Marion Godau
Unterricht – Wie Design vermitteln?


Für die Designvermittlung in der Schule gelten andere Prioritäten als im Designprozess beim Hersteller. Marketing, Technik und Vertrieb gehören zu den wesentlichen Faktoren, die Design bestimmen. Sie können jedoch im Unterricht nur  simuliert werden. Je nach Vorlieben und Vorkenntnissen des Pädagogen steht die Vermittlung von designtheoretischem und designgeschichtlichem Wissen im Vordergrund, oder aber im Unterricht wird anhand einer konkreten Aufgabe ein Entwurfsprozess nachvollzogen. Ein Designer arbeitet aber nie allein an seinem Entwurf, sondern ist auf die Zusammenarbeit mit Fachleuten wie Technikern, Marketingspezialisten und Modellbauern angewiesen. Auch muss er in der Praxis seinen Entwurf argumentativ verteidigen können, um ihn im Großen und Ganzen nach seinen Vorstellungen verwirklicht zu sehen. Auch dies gilt es im Schulunterricht zu vermitteln.

Do it yourself

Um eine realistische Vorstellung von Design entwickeln zu können, hält der Kunstpädagoge Johannes Euker neben der abstrakt-theoretischen Reflexion die praktische Auseinandersetzung für besonders wichtig. Das heißt, dass Schülerinnen und Schüler unter Anleitung des Lehrers selbst einmal in die Rolle des Designers schlüpfen sollten. Selbstredend muss der Pädagoge dies im Vorfeld ebenfalls getan haben. Euker schreibt dazu: „Diese praktische Tätigkeit ist Einübung in Selbstbestimmung, Erkenntnisgewinnung durch Tun, eine Übung im Gebrauch der Sinne und des Verstandes. Die ästhetische Zugriffsweise auf Probleme des Entwerfens, Herstellens, Benutzens von Dingen des täglichen Gebrauchs setzt an anderer Stelle an als Aufklärungsversuche. Diese kann sie zwar nicht ersetzen, wir müssen aber prüfen, welche Einsichten aus der praktischen Tätigkeit aufleuchten und welche nicht. Nicht zuletzt können in solchen Gestaltungsvorgängen die ästhetischen Haltungen Jugendlicher eine konkrete, auch diskutierbare Form gewinnen: Ihre Ambivalenz zwischen der Teilhabe bzw. Übernahme überlieferter Schönheitsvorstellungen einerseits und einer Ästhetik der Verweigerung andererseits, wird beim Herstellen eines Dings für den eigenen Gebrauch notwendigerweise bearbeitet1“.

Abstrakt bleiben, konkret werden

Welche Designthemen sind nun für eine Aufgabenstellung im Schulunterricht geeignet? Bei der Wahl der Aufgabe müssen Lehrende die Gratwanderung unternehmen, dem Schüler einerseits Vorgaben geben zu müssen, diese aber auf der anderen Seite nicht zu eng zu fassen, um so die Fantasie der Schüler nicht von vornherein einzuengen. Der österreichische Kunstpädagoge Ernst W. Beranek schlägt vor, die Aufgabe so zu abstrahieren, dass Spielraum für die eigene Fantasie bleibt2: „Die Vorgabe von Begriffen wie sitzen, liegen, stehen oder Licht und Schatten wird die Vorstellungsgabe oder die Ideenfindung nicht einschränken, und so werden überraschende Ergebnisse erzielt.“ Licht und Schatten etwa sei ein Spiel mit dem Licht. Die Schüler könnten Experimente mit Blenden vornehmen, aber auch konkrete Leuchten entwerfen oder Licht und Schatten im Bereich Fotografie und Videoaktion einsetzen. Somit bestehe nach Beranek ein großer Spielraum für die Fantasie und die Möglichkeit, sich von tradierter Formensprache zu lösen. Das Ziel dessen: Förderung unkonventioneller Ideen. Man würde so vermeiden, die Schülerentwürfe ständig mit bestehenden Produkten zu vergleichen.

Für den Unterricht haben sich solche Aufgaben bewährt, die – ob produkt- oder problembezogen – überschaubar sind und von den Schülerinnen und Schülern auch zu Ende gebracht werden können. Weil Kinder und Jugendliche in der Regel hohe Ansprüche an das Finish ihrer Arbeiten und an die Funktionstüchtigkeit stellen, sollte daher bei der Wahl des Themas genügend Zeit für die Realisation eingeplant werden, damit es nicht zu demotivierenden Enttäuschungen kommt.
Als Entwurfsthemen eignen sich niederkomplexe, d.h. einfach konstruierte Gegenstände oder Teilbereiche eines komplexen Produktes. Letzteres könnte etwa das Armaturenbrett eines Autos oder der Eingangsbereich eines Wohnhauses sein.
Eine andere Aufgabe für den Unterricht wäre das Analysieren von bereits vorhandenen Designobjekten mittels des Gebrauchs. Vielleicht werden die Lernenden dabei feststellen, dass der Gegenstand nicht so funktioniert wie seine Produktsprache es suggeriert. Daran könnte sich eine Überarbeitung des untersuchten Produktes, das heißt sein Re-Design, anschließen3.
Weiteres Aufgabengebiet im Unterricht könnte das Entwickeln von Konzepten für einen bestimmten Gebrauchskomplex sein, beispielsweise anhand des Themas Telefonieren: Wie benutzen wir heute das Telefon, und wie könnte dies in einiger Zukunft aussehen? Oder: Was ließe sich beim Telefonieren im öffentlichen Bereich verbessern? Diese Überlegungen könnten in ein Konzept des Telefonierens münden, ohne dass zunächst ein konkretes Gerät entwickelt würde.
Schließlich wäre noch das Entwerfen für bestimmte Zielgruppen zu nennen.

Manifeste und andere Aufgaben
Aber auch eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Design bietet zahlreiche Ansatzpunkte für einen Erkenntnisgewinn, etwa durch die Beschäftigung mit historischen Manifesten oder Artikeln von Designern bzw. Architekten im Kontext ihrer Zeit. Genannt seien hier unter anderen Louis Sullivans Essay „Das große Bürogebäude…“ (1896)4, Adolf Loos’ Pamphlet „Ornament und Verbrechen“ (1908)5, und das Gründungsmanifest des Bauhauses von Walter Gropius (1919)6.

Eine andere Möglichkeit sind Befragungen, die von den Schülern durchgeführt werden, etwa anhand von Abbildungen unterschiedlicher Designobjekte. Hier könnten von den Schülern zum einen Beruf, Einkommen und Bildungsstand abgefragt werden, zum anderen die unterschiedlichen Urteile der Befragten zum Design gesammelt werden. Anhand der Befragungsergebnisse wird sich, für Schüler womöglich überraschend zeigen, dass die Vorstellung darüber, was als „schön“ und „hässlich“ bewertet wird, von Alter, Geschlecht und sozialem Milieu abhängig ist.
Die Analyse von Gegenständen in ihrem spezifischen Umfeld kann die  Schüler am konkreten Beispiel für Designzusammenhänge sensibilisieren. Durch eigene Untersuchungen, etwa welche Produkte bei der Gestaltung von Hauseingängen zusammenspielen. Oder in welcher Weise auf einem öffentlichen Platz Straßenmöbel, Papierkörbe, Laternen, Beschilderungen etc. in Zusammenhang gebracht werden – oder, ob sie gerade nicht zusammenpassen. Ebenso wären Analysen verschiedener Arbeitsplätze (Homeoffice, Verwaltungen, Freiberufler, mobile Arbeitsplätze usw.) denkbar.

Nicht nur von Schülern durchgeführte Untersuchungen können Erkenntnisgewinn bringen, sondern natürlich auch Fragen und Aufgaben an die Schüler. Sie zwingen sie, sich intensiv mit dem Thema Design auseinanderzusetzen. Bewährt haben sich Fragen wie:
Was verstehen Sie unter Design? Finden Sie Beispiele, wo Design die Umwelt verbessert / verschlechtert.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Designpreis vergeben. Für welches Produkt würden Sie sich entscheiden? Begründen Sie Ihre Wahl mit mindestens fünf Argumenten. Machen Sie es genauso im negativen Sinne: Vergeben Sie den Anti-Designpreis.
Zu denken wäre natürlich auch an den Besuch einer Designsammlung, um Objekte aus verschiedenen Epochen vergleichen zu können. Es gibt eigentlich keine Großstadt, in der nicht in irgendeiner Form ein Kunst- oder Kunstgewerbemuseum vorhanden ist. Über den Rat für Formgebung in Frankfurt am Main können laufende Ausstellungen abgefragt werden.
Manche Unternehmen und Designer geben bereitwillig über Produktionsprozesse und Design Auskunft oder führen durch ihren Betrieb. Entsprechende Adressen finden sich in Designzeitschriften.
Schließlich wären Rollenspiele denkbar, in denen Schüler und Schülerinnen etwa die Positionen von (frustrierten) Gebrauchern, (jubelnden) Käufern, (demotivierten) Designern (strategisch denkenden) Unternehmern oder (begeisterten) Sammlern einnehmen.

Fazit
Designvermittlung kann sowohl auf der Ebene theoretisch-abstrakter Reflexion als auch mittels praktisch-konkreter Entwurfsarbeit erfolgen. Ideal wäre die Kombination beider didaktischer Herangehensweisen. Ziel des Designunterrichts ist dabei, erstens eingeübte und unbewusste ästhetische Haltungen und Konsumverhalten bewusst zu machen, zweitens Urteilsvermögen bei der Bewertung von Produkten zu schulen und drittens ein Verständnis für die prozesshafte historische und praktische Entwicklung von Design zu vermitteln.

Textauszug aus:
Godau, Marion: Produktdesign. Eine Einführung mit Beispielen aus der Praxis. Birkhäuser, Basel, 2004.



QUELLEN

1 Johannes Euker in: Rat für Formgebung. Design im Unterricht. Frankfurt / Main 1991, S. 14

2 Ernst Beranek: Österreichischer Kulturservice. Wien 1993, S. 25

3 Marion Godau: Konsequenzen für den Schulunterricht. In: Marion Godau, Peter Gnielzcyk (Hg.): Designfortbildung für Lehrer. Die Gestaltung von Gebrauchsgütern im Unterricht. Berlin 1996, S. 54ff

4 Louis H. Sullivan: Das große Bürogebäude, künstlerisch betrachtet. In: Volker Fischer, Anne Hamilton (Hg.): Theorien der Gestaltung. Grundlagentexte zum Design, Band 1, S. 142ff.

5 Adolf Loos: Ornament und Verbrechen. In: Ulrich Conrads: Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Braunschweig 1981, 2. Aufl., S. 15ff.

6 Walter Gropius: Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses Weimar. In: Ulrich Conrads: Programme und Manifeste zur Architektur des 20. Jahrhunderts. Braunschweig 1981, 2. Aufl., S. 47ff.


Weitere Literatur

Bernhard E. Bürdek: Design. Geschichte, Theorie und Praxis der Produktgestaltung. Köln 1991

Peter Dormer: Design since 1945. London 1993

Adrian Forty: Objects of Desire. Design and Society since 1750. London 1986

Thomas Hauffe: Dumont-Schnellkurs Design. Köln 1995

Gert Selle: Geschichte des Design in Deutschland. Frankfurt / Main, New York 1994


Zeitschriften

Arbeit + Technik. Pädagogische Zeitschrift. Erhard Friedrich Verlag, Seetze / Velber, z.B. Heft 11 /2001

designreport. Blue C. Verlag, Stuttgart
form. Zeitschrift für Gestaltung. Birkhäuser Verlag, Neu-Isenburg.

Kunst + Unterricht. Zeitschrift für Kunstpädagogik. Erhard Friedrich Verlag, Seetze / Velber


Websites

http://www.designreport.de

www.form.de

http://www.german-design-council.de

(Ein Newsletter kann abonniert werden.)

Einstelldatum: Oktober 2008