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Der Industrial Designer als Kreativer

… Die Forderungen der Unternehmensleitung an den Industrial Designer sind vielfältig … Vor allem wird von einem Industrial Designer die Fähigkeit erwartet, neue Lösungen für Industrieprodukte zu produzieren. Der Industrial Designer kann somit als Ideenproduzent betrachtet werden, der Informationen zum anstehenden Problem aufnimmt, diese verarbeitet und in brauchbare Problemlösungen überführt. Neben intellektuellen Fähigkeiten, d. h. Fähigkeiten, Informationen zu sammeln und diese in verschiedenen Situationen zu gebrauchen, bedarf es kreativer Fähigkeiten. Wie bei allen kreativen Personen (Künstlern, Wissenschaftlern usw.) äußert sich die Kreativität des Industrial Designers darin, dass er, aufbauend auf Wissen und Erfahrung, gegebene Informationen zu einem Problem zu verknüpfen und neue Beziehungen zwischen diesen herzustellen vermag. Voraussetzung dafür ist, dass bekannte Sachverhalte aus anderen Perspektiven betrachtet werden, die Sicherheit des Bekannten und Bewährten verlassen und das Wagnis eingegangen wird, neue Antworten zu einem Problem zu suchen, die den bekannten Bezugsrahmen erweitern. Die Forderung an den Industrial Designer, originell zu sein, Produkte zu entwerfen, die von den bisher bekannten abweichen, wurde bereits mit dem Zwang zum Neuen begründet, dem viele Hersteller von Industrieprodukten durch die Konkurrenzsituation im Markt unterliegen. Damit der Industrial Designer der Forderung nachkommen kann, originelle Ideen zu einem Problem zu entwickeln und diese im Designprozess in ein Gebrauchsprodukt mit ungewöhnlicher Erscheinung zu überführen, bedarf es verschiedener Voraussetzungen.
Das Wissen über einen Sachverhalt oder über ein Problem ist die Voraussetzung, auf der alle Aktivität des Industrial Designers aufbaut. Daher ist es von großer Bedeutung für die angestrebte Problemlösung, alles verfügbare Wissen zu sammeln und auszuwerten. Je vieldimensionaler ein Problem angegangen wird, desto mehr Verknüpfungen sind zwischen den Einzelaspekten möglich, und es erhöht sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, zu neuen Lösungen für Produkte zu gelangen.
Um Wissen und Erfahrung im Designprozess anwenden zu können, muss der Industrial Designer über ein gewisses Maß an Neugierde und Wissensdrang verfügen, das sich in der Aufgeschlossenheit der Außenwelt gegenüber zeigt.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt aber muss der Industrial Designer beim Entwurf von Industrieprodukten auch für einige Zeit alles Wissen ausklammern können, um durch schöpferisches Handeln neue Einblicke in bekannte Dinge zu gewinnen. Daher gehören zu den Voraussetzungen auch Naivität und Spontaneität. Gerade weil der kreative Industrial Designer jederzeit auf das erarbeitete Wissen zurückgreifen kann, wächst die psychologische Sicherheit, die es ihm ermöglicht, das Wagnis des Ungewissen einzugehen.

© Bernd Löbach. Textauszug aus: „Industrial Design. Grundlagen der Industrieproduktgestaltung“, München 1976

Einstelldatum: Oktober 2008