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BA1171, Bofinger-Stuhl

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Foto: Thomas Dix, © Vitra Design Museum

Designer:
Architekturbüro Bätzner, Helmut Bätzner und Mitarbeiter Alfred Bätzner, Friedhelm Bös
Entwurf: 1964-1965
Produktion: 1966/68-1984
Hersteller:
Menzolit-Werke, Albert Schmidt, Kraichtal-Menzingen, Deutschland, für Wilhelm Bofinger KG, Ilsfeld/Heilbronn
Maße: H 75 B 52,5 T 53,5 Sh 44 cm
Material: durchgefärbtes, glasfaserverstärktes Polyesterharz

Die Verwendung glasfaserverstärkter Kunststoffe im Möbelbereich ist durch die Arbeiten Eero Saarinens und Charles Eames' seit den ausgehenden 40er Jahren bekannt. Eero Saarinen wünschte sich 1956 bei der Entwicklung seines Tulip Chair', diesen eines Tages einheitlich aus Kunststoff fertigen zu können. Dieser Wunsch nach einem Vollkunststoffstuhl wurde von vielen Designern geteilt und überall in Europa setzten entsprechende Forschungen ein. Erst 1966 gelang es dem Architekten Helmut Bätzner, den ersten serienreifen einteiligen Kunststoff-Stuhl anlässlich der Kölner Möbelmesse vorzustellen.
Dieser wurde in den Jahren 1964 und 1965 im Zusammenhang mit dem Neubau des Staatstheaters Karlsruhe, für den das Architekturbüro Bätzner den Planungsauftrag erhielt, als Zusatzbestuhlung von Experimentierbühne, Foyer, Cafe, Kantine und Terrasse entwickelt. Die vielseitige Verwendung im Innenraum und im Freien, als Einzel- und Reihenstuhl, erforderte besondere Eigenschaften: leicht, beweglich, stapelbar bei geringem Platzbedarf, koppelbar, witterungsunempfindlich. Als Material wurde glasfaserverstärktes Polyester gewählt. Die Stabilität von Beinen, Sitzfläche und Rückenlehne konnte bei einer geringen Materialstärke nur durch Kehlungen gewährleistet werden. Die besondere Form der Beine beinhaltet eine doppelte Winkelung. Nachdem durch Modelle die optimale Form ermittelt werden konnte, stellte Helmut Bätzner dem bekannten Möbelhersteller Bofinger den Stuhl vor. Gemeinsam suchten sie nach Möglichkeiten einer seriellen Fertigung und fanden in den Menzolit-Werken, Albert Schmidt die geeignete Produktionsstätte. Diese hatten sich seit Mitte der 50er Jahre auf die Entwicklung, Herstellung und Verarbeitung vorimprägnierter Polyesterharzmatten spezialisiert, die u.a. für Formteile im Karosseriebau verwendet wurden. Der Geschäftsführer der Bofinger KG, Rudolf Baresel-Bofinger, war von dem Erfolg des Stuhls überzeugt, schloss am 14.1.1966 den Lizenzvertrag mit Helmut Bätzner und gab die Herstellung der zweischaligen beheizten 10Tonnen-Presse in Auftrag. In dem sogenannten 'Prepreg-Verfahren' konnten in einem Arbeitstakt von nur fünf Minuten nahezu fertige Stühle gepresst werden. Das Polyesterharz wurde in acht Farben durch und durch eingefärbt, und aufgrund der spiegelglatten Oberfläche der Pressformen entstanden Stühle, die keinerlei weitere Arbeitsschritte erforderten (es mussten lediglich die Kanten an der Pressnaht entgratet werden). Im selben Jahr der Erstpräsentation wurde der 'Bofinger-Stuhl' mit dem 'Rosenthal-Studio-Preis' in Gegenwart des Bundeskanzlers Ludwig Erhard und des Gründungsdirektors des 'Bauhauses', Walter Gropius, ausgezeichnet.
Als relativ preiswertes Möbel konzipiert, wurde der 'Bofinger-Stuhl' aufgrund seines geringen Gewichts von nur 4 kg, seiner enormen Stabilität, schließlich seiner Witterungsbeständigkeit und leichten Pflege zur idealen Objekt-Bestuhlung. Bemerkenswert war auch seine Stapelfähigkeit – 80 Stühle beanspruchten nur einen Quadratmeter. Insgesamt wurde er über 120.000 mal produziert. Er ist das Vorbild für zahlreiche Variationen mit ähnlich geformten Beinen, die als preiswerte Plastik-Gartenstühle Millionenauflagen erzielen.
Ende 1994 wurden auf Betreiben der Firma Habit in Kürten-Engeldorf, Deutschland, und der Erben Baresel-Bofinger Versuche unternommen, den 'Bofinger-Stuhl' aus Recycling-Kunststoff wieder herzustellen. Erste Stücke wurden auf der Kölner Möbelmesse 1995 gezeigt.
Peter Dunas

© Vitra Design Museum


Einstelldatum: Februar 2009