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Auf der Suche nach Signalen

Die erste Welle der Designveranstaltungen
rollte im Frühjahr über uns weg,
mit dem Herbst folgt die zweite. Wie aber
lässt sich die große Flut von Eindrücken
filtern? Ist das Ergebnis der Kern dessen,
was momentan aktuell ist? Und sehen
wir, wenn wir dabei den Fokus auf die
Produkte der jungen Designer legen, sogar
die Strömungen von morgen?
Je mehr Neuheiten der designinteressierte
Mensch auf Messen und Designevents
zu Gesicht bekommt, desto wahrscheinlicher
ist auch ein Déjà-vu-Erlebnis.
Das liegt teilweise daran, dass so
manch aufstrebender Jungdesigner seine
Produkte sowohl in Köln, Mailand oder
Frankfurt nacheinander ausstellt. Doch
ist das nicht der einzige Grund. Es sind
tatsächlich Tendenzen zu erkennen. Sie
tauchen wie unterschiedlich große Wogen
auf, bleiben eine Weile an der Oberfläche,
um dann wieder zu verschwinden. Einige
Erscheinungen gehen ganz unter, andere
hingegen kommen nach einiger Zeit wieder.
Damit sich der designaffine Besucher
einen Überblick verschaffen kann, hilft
es, das Gesehene zu sortieren und zu kategorisieren.
Also Schubladen auf!

Reminiszenzen und Handgemachtes

Viele der in diesem Jahr von jungen
Designbüros gezeigten Arbeiten erinnern
an Handgemachtes. Sie sollen den
Charakter eines mit Liebe hergestellten
einmaligen Stückes haben – eine neue
Form von Luxus, der die Wertschätzung
von Material, Aufwand und künstlerischem
Statement repräsentiert. Einst
gängige Herstellungsmethoden werden
neu entdeckt, uminterpretiert und für
das formale Experiment zweckentfremdet.
Diese Form des Arbeitens gibt es
schon eine Weile und wird voraussichtlich
auch weiterhin kultiviert werden.
Auf der Konsumgütermesse Ambiente
etwa stellte Lara Knudson ihre umstrickten
Glasvasen „Soft Chemistry“ vor, auf
der Kölner imm präsentierte Florian
Schmid Möbel aus zementbeschichtetem
Gewebe mit roter, blauer sowie gelber
Ziernaht, die die Form beim Aushärtungsprozess
zusammenhält. Selbst auf
der Mailänder Möbelmesse wurden
Handarbeitstechniken, die noch vor zehn
Jahren etwas verstaubt gewirkt hätten, in
unterschiedlichen Variationen wiederbelebt.
Nicole Saretta Tomazi mit ihrem Label
Oferenda Objetos zeigte die Möbelkollektion
„Fractal“. Die Brasilianerin
studierte, bevor sie in das Design wechselte,
Fraktale Geometrie und kombiniert
für ihre Serie die rationale Anmutung
geometrischer Konstruktionen mit heimeliger
Häkelarbeit.
Weitaus tiefer taucht das Label „From
Yuhang“ in das Thema der alten Handwerkskunst
ein. Der Chinese Zhang Lei,
der Deutsche Christoph John sowie die
Serbin Jovana Bogdanovic verwenden für
ihre Kollektion traditionelle chinesische
Herstellungsverfahren und Materialien
wie Bambuspapier, Seide und Porzellan.
Die Leuchten, Tische, Gefäße und Stühle
überzeugen durch ihre Materialität und
formale Ausgewogenheit. Mit ihrem Projekt
gewann das Trio im April den design
report award 2012.
Aber nicht nur die Herstellungstechniken
zitieren die Vergangenheit, sondern
auch die Objektwahl. Im Januar zeigte
Pierre Kracht im Rahmen der Kölner Passagen
Stücke aus seiner Serie „Wrapped
II“. Mit einer feinen, in Epoxidharz getränkten
Kohlefaserschnur wickelt er die
Außenformen bekannter Einrichtungsgegenstände
nach. Einem seiner Stühle
gab er den Namen „Thonet 214“. Ebenfalls
in Köln, und später dann in Mailand,
präsentierte die Designgruppe „yet unknown“
ihre Leuchte „WT12“, ein mit
Sichtbeton gegossenes Replikat der berühmten
„WG 24“-Tischleuchte von
Wilhelm Wagenfeld.

 

Wrapped II, Thonet 214, Pierre Kracht
Foto: www.designreport.de


Es scheint, dass eine Art Sehnsucht
nach Bewährtem, Erprobtem, Schon-da-
Gewesenem und Erlebtem in der Luft
liegt. Bekanntes gibt dem Konsumenten
ein Gefühl der Geborgenheit – das Wissen,
nicht an einem Experiment beteiligt
zu sein, die Sicherheit, dass das Produkt
sich in gewisser Weise bereits bewährt hat.

Design als Unikat

Das Image des Handgemachten bietet
einen weiteren Reiz: ein Gefühl, dass das
Produkt nur für wenige gemacht, ja vielleicht
sogar einzigartig ist. Das Motto lautet:
weg von der Konformität, hin zum
persönlichen Stil.
Der durch Magnetkräfte geformte
„Gravity Stool“ des Niederländers Jólan
van der Wiel wurde in diesem Jahr häufigzitiert.
Ein anderes Beispiel ist das Projekt
„Like Paper“ des Kasseler Duos Aust und
Amelung. Ende August stellten Miriam
Aust und Sebastian Amelung auf der
Frankfurter Messe Tendence eine dünnwandige
Leuchtenserie aus Beton vor. Die
Kollektion basiert auf definierten Schnittmustern;
die Vorlagen für die Produktion
werden jedes Mal neu gebaut – ein halbrationalisierter
Prozess also, der dafür
sorgt, dass die Knitteroptik, die Falten und
Kanten bei jedem Objekt einmalig sind.

 

 

Ebenso gut lassen sich Unikate durch
die Wahl des Materials erzeugen. Recycling
spielt hier oft eine Rolle. Die
Wiederverwendung von alten LKWPlanen
oder Fahrradschläuchen ist dabei
ein alter Hut. Dass aber auch ausgediente
Werbebanner eine zweite Chance verdient
haben, bekamen die Besucher des
DMY vorgeführt: Die Sitzfläche jedes
„ReCanvas“-Hockers des taiwanesischen
Gestaltungsbüros DxD erzählt mit ihrer
aus gebrauchtem Werbematerial gewebten
Oberfläche ihre jeweils eigene Geschichte.
Und die Niederländerin Nienke Janssen
erweckt gebrauchtes Sperrholz zu neuem
Leben. Ihre Möbelserie „Plywood
Collection“, die ebenfalls in Berlin zu
sehen war, demonstriert eindrucksvoll,
wie der Werkstoff dank unterschiedlicher
Verleimung erstaunlich dekorative Eigenschaften
entwickeln kann.

 

"Plywood Collection", Nienke Janssen
Foto: www.designwissen.de

 

Was bleibt

Der Blick zurück nach vorn wird uns im
Design sicherlich noch eine Weile begleiten.
Die Kombination von Alt und Neu ist
reizvoll, da sich die Geschichten dahinter
oft wie von selbst erzählen. Zudem bleibt
der Wunsch nach Individualität in einer
Zeit der zunehmenden Globalisierung
stark. Lidewij Edelkoort, die sich selbst
als eine der weltweit berühmtesten
Trendforscherinnen betitelt, sieht darin
sogar die Rückkehr der Romantik, einer
Zeit, in der Leidenschaft, Gefühl und Individualität
im Fokus standen. Laut
Edelkoort werde der Blick in die Zukunft
mit einer melancholischen Stimmung in
Verbindung gebracht. Für das Design sei
zu erwarten, dass es sich auch weiterhin
von Folklore-Kunst, alten Handwerkstechniken
sowie ursprünglichen Trachten
und Gewändern inspirieren lasse. Wir
dürfen gespannt bleiben.

 

Annie Kuschel

 

 

Urheber: Annie Kuschel

Einstelldatum: Oktober 2012