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Audi Design im Interview




Die Balance aus Freiheit und Druck,
um kreativ zu sein


Achim Badstübner, »Leiter Konzept Design München« und Claus Potthoff, »Audi Exterieur Designchef« bei Audi gaben im Interview mit Johannes Kirschenmann Auskunft zu ihrer Arbeit als Designer im Automobilbau.

Attraktion und Emotion
Claus Potthoff: Das Exterieur zieht die Leute an das Auto heran, es schafft erst mal die Attraktion, dass ich mich dafür interessiere und dann am besten das Fahrzeug kaufe. Das Interieur sorgt für das Langezeitwohlgefühl, das bestätigen soll und das zum Wiederkauf reizt. Das Exterieur-Design ist sicher in erster Linie sehr stark auf Attraktion ausgerichtet, auch wirklich die Präsenz der Marke und die Präsenz der Eigenschaften des Autos zu zeigen: Ist es ein sportliches Auto, ein robustes Auto? Und um entsprechende Emotionen wie die Neugier zu wecken. Beim Interieur ist es sehr wichtig, wirklich das Gefühl eines angenehmen Ambientes, eine sehr gediegene Qualität von der Materialanmutung her zu erzeugen und eine gute Funktionalität mitzuteilen. In der Funktionalität liegt wieder die Emotionalität, so dass ich wirklich mich begeistere, wie präzise z. B. Bedienelemente funktionieren, das Klacken von Drehschaltern. Das sind Themen, die sind im Interieur extrem wichtig. Also, wie fühlt sich etwas an, wie bediene ich etwas und wie ist das Raumgefühl. Im Exterieur reduziert sich das aus Kundensicht mehr auf die reine Optik.

Atmosphäre der Kreativität
Claus Potthoff: Ein Merkmal für eine Lokalität ist sicher die angenehme und anregende Atmosphäre. Ich merke es ja selber, wenn ich auf Reisen und an anderen Orten bin, komme ich einfach auf andere Ideen. Das war sicher vor über 20 Jahren, als das Studio hier in München gegründet wurde, auch ein Grund, für das Konzeptdesign einen Ort etwas außerhalb von Ingolstadt zu haben, um einfach den Kopf frei zu kriegen. Und dies dann in einem attraktiveren Umfeld, das aber nahe genug ist, um zur Mutterfirma den guten Kontakt zu halten.
Orte für Kreativität sind, wenn ich an meine Mitarbeiter denke, sehr verschieden: Es gibt Mitarbeiter, die brauchen Ruhe, müssen sich in ein Thema einarbeiten, um sich dann hinein zu entwickeln, andere  können im größten Chaos stecken und in einer sehr kurzen Zeit Themen und Ideen entwickeln. Für mich gibt es da keine generellen Leitlinien. Es gibt Leute, die blocken bei Problemen, die brauchen erst mal Ruhe, um sich zu konzentrieren. Andere gehen direkt vom Problem zu neuen Lösungen.

Achim D. Badstübner: Es geht um eine Balance aus genügend Freiheit und doch einem gewissen Druck, um kreativ zu sein. Es wäre ein Trugschluss zu sagen, ich gebe dir alle Freiheit und irgendwann kommen dann die Ideen.

Claus Potthoff: Es gibt ja auch sehr oft die Angst vor dem weißen Blatt Papier, und die gibt es unheimlich oft. Ich kenne sehr wenige Leute, die aus dem Nichts entwickeln, das ist ganz, ganz selten. Ein gewisser Druck ist notwendig. Die Mitarbeiter müssen auch das Gefühl haben, dass ihre Arbeit geschätzt wird. Die Leitplanken dürfen nicht zu eng gesetzt sein und, das ist ein wichtiger Punkt, Fehler und Irrwege müssen zugelassen werden....

Kreativität im Team

Achim D. Badstübner: Ein Kreativitätskonzept ist nur bedingt nur alleine zu schaffen. Das hat auch sehr viel mit Interaktion zu tun. Der Einzelne ist unbedingt abhängig von der Interaktion mit anderen. Da muss die richtige Mischung zusammen kommen. Ich glaube, das ist in der Kunst genauso, wo sich Künstler in Gruppen treffen, um Prozesse und Projekte zu klären.
Es gilt genau, den Humus zu schaffen, auf dem Kreativität sich entfaltet. Die Mitarbeiter von München kommen dann mal nach Ingolstadt in ein anderes Umfeld, sie kommen mit anderen Leuten und anderen Aufgaben in Kontakt. Das beflügelt. Auslandsaufenthalte sind ebenso ein Schlüssel, um die Kreativität ständig weiter zu entwickeln.

Imagine!
Claus Potthoff: Träumer gibt es viele. Ich kann einen Großteil der Mitarbeiter in diese Richtung einordnen. Es gibt die Träumer und es gibt die Realisten und dann gibt es am Schluss die Kritiker. Wir setzen zum Großteil die Leute auch nach diesen Fähigkeiten ein. Es gibt die Designer, die visionär arbeiten, relativ ungebunden von den Widrigkeiten der Realität, die haben dort ihre Stärken. Dann haben wir auch Designer, die nicht in diesem Sinne kreativ sind, sondern die an das Ausknobeln von Problemlösungen mit einem ganz anderen Fokus herangehen und die dann gerade in der Zusammenführung von Design und Ideen in ein wirklich funktionierendes Fahrzeug ihre ganz großen Stärken haben. Und beides ist für unseren Designprozess sehr wichtig. Es ist gerade bei AUDI-Design eine der großen Stärken, dass wir in der Umsetzung auch eine sehr hohe Qualität erreichen. Das, was man auch immer gerne als Anmutungsqualität bezeichnet, ist wirklich ein Prozess, der sehr, sehr lange dauert. Er erfordert auch viel Kreativität, vielleicht ein bisschen mehr im technischen Sinne, weniger im träumerischen Sinne, er ist aber unheimlich wichtig, um einfach diese Anmutung, dieses Qualitätsgefühl rüberzubringen.  Das hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert.

Einstelldatum: Februar 2009